Bauen in den Tropen – Wie Bauhausideen nach Afrika kamen

Dass es Gebäude von Bauhausarchitekten in den USA, in Russland und in Israel gibt, ist bekannt. Doch kaum jemand weiß, welche Rolle das Bauhaus für moderne Architektur und Pädagogik in Afrika spielte.

Aus der Ferne merkt man es den Gebäuden nicht an, aber wenn die Kamera in Nahaufnahme nach unten schwenkt, dann sieht man, dass einige der verwinkelten Betonbauten auf Stützpfeilern stehen. Der Blick schweift unter dem Gebäude hindurch über die hügelige Parklandschaft und eine leichte Brise zieht über den Campus. So jedenfalls hat es der israelische Architekt Zvi Efrat erlebt, als er für seinen Dokumentarfilm über den Ile-Ife-Campus nach West-Nigeria fuhr. Der Campus gehört zur Universität "Obafemi Awolowo", benannt nach dem gleichnamigen Premierminister, der Nigeria in die Unabhängigkeit führte.

Auf dem Ile-Ife-Campus in Nigeria gibt es viel Schatten

Von der modernen Architektur des Komplexes ist Zvi Efrat begeistert. "Es ist eine passive Architektur", erklärt er, "eine Architektur, die nahezu ohne mechanische Systeme auskommt". Damals, 1962, als man mit dem Bau begann, habe es kaum Klimaanlagen gegeben, nur ein Verständnis davon, wie die Gebäude mit den klimatischen Verhältnissen arbeiten sollten. "Es geht darum, wie Du der Luft erlaubst, durch Dein Gebäude zu strömen, wie man Schattenplätze einrichtet und vor Regen schützt."

Ein Israeli baut in Nigeria

Der israelische Architekt Arieh Sharon hat diesen Komplex im Westen von Nigeria entworfen. Das geschah in den 1960er Jahren im Rahmen eines israelischen Entwicklungsprogramms für die Region. Zvi Efrat, selbst Architekturprofessor, hat sich auf die moderne Architektur in Israel und Palästina von den 1930ern bis in die 1970er Jahre spezialisiert und dabei viel über den israelischen Nationalarchitekten Arieh Sharon geforscht.

Der israelische Nationalarchitekt Arieh Sharon

Ausgebildet wurde Sharon am "Staatlichen Bauhaus" von 1926 bis 1929 in der Architekturklasse in Dessau. Danach arbeitete er im Büro des zweiten Bauhausdirektors, dem Nachfolger von Walter Gropius, Hannes Meyer. Das Bauhaus stand als Kunst- und Designschule für die Symbiose von Kunst und Handwerk. In seiner Amtszeit propagierte Meyer Architektur für das einfache Volk und nicht für den Luxusbedarf. Mit seinen modernen experimentellen Ideen sprach das Bauhaus Schüler aus der ganzen Welt an. Die Bauhäusler pflegten internationale Kontakte und ließen sich durch andere Kulturen und Lebensentwürfe auch inspirieren.

Noch bevor die Kunst- und Designschule 1933 unter den Nationalsozialisten aufgelöst wurde, kehrte Arieh Sharon 1931 nach Palästina zurück und wurde dort Leiter der staatlichen Planungsbehörde. Moderne Architektur boomte zu der Zeit. "Egal ob in den Städten oder auf dem Land, ob es sich um Israeli oder Palästinenser handelte, jeder reklamierte modernes Design und moderne Architektur für sich", erläutert Zvi Efrat. "So wurde Sharon, der vom Bauhaus kam, dort schnell ein Held."

Die eigene künstlerischen Traditionen neu entdecken

In den 1960er Jahren gab es Unabhängigkeitsbewegungen in vielen afrikanischen Staaten. Im Zuge der Entkolonialisierung wandte man sich nicht nur vom architektonischen Stil der alten Kolonialbauten ab, sondern auch von den Lehrplänen an Universitäten und Kunsthochschulen.

Für seine Zeichnung hatte Paul Klee nordafrikanische Teppichmuster studiert

So wurde 1966 zum Beispiel in Casablanca die "École des Beaux-Arts" reformiert. Man wollte weg von den französischen Akademien der hohen Künste und die Trennung zwischen "hoher" und "niedriger" Kunst auflösen. Die eigene kulturelle Tradition sollte als Ausgangspunkt für die künstlerische Praxis im modernen Zeitalter dienen. "Das Bauhaus war Referenz, was die Synthese der Künste und der Handwerkstechniken anbelangt", erläutert die Ausstellungsmacherin Marion von Osten. "Die Auflösung der Grenzen zwischen Kultur und Handwerk, das war absolut zentral für diese Schule in Casablanca."

Marion von Osten ist zusammen mit ihrem Kollegen Grant Watson für die Ausstellung "Bauhaus imaginista" verantwortlich, die in Berlin die internationalen Verknüpfungen des Bauhauses mit anderen Strömungen der Moderne zeigt. Dort wird auch noch einmal deutlich, wie Handwerkstraditionen anderer Länder die moderne und abstrakte Formensprache der westlichen Avantgarde beeinflusst haben. Etwa die grafischen Zeichnungen des Malers und Bauhausmeisters Paul Klee, die sich an den Mustern nordafrikanischer Teppiche orientierten.

Der Ile-Ife Campus, ein Monument der Unabhängigkeit

Als ein Zeichen der Unabhängigkeit entstand auch der Campus in Ile Ife. 1960 endete in Nigeria das britische Mandat und man wollte sich von britischen Universitäten und Lehrplänen lösen. Ein eigener repräsentativer moderner Universitätskomplex sollte das verdeutlichen.

In der Ausstellung "Bauhaus Imaginista". Im Hintergrund läuft der Film von Zvi Efrat

"Israel war 1948 unabhängig geworden und hatte in diesem Zuge eine eigene architektonische Sprache mit sehr heroischen Gebäudeprojekten gefunden", sagt Zvi Efrat. Für Nigeria war Israel ein erfolgreiches Vorbild und man engagierte den israelischen Nationalarchitekten Arie Sharon für das große Campus-Vorhaben.

Sharon war begeistert von der neuen Herausforderung im tropischen Klima, das ihn viele Jahre beschäftigen sollte. Der Aufbau des gesamten Campus dauerte von 1960 bis 1985. Allein zwei Jahre reiste Sharon durch Nigeria, um nach geografischen und demografischen Gesichtspunkten einen geeigneten Standort für die Universität zu finden. Als Vorbild für den Gebäudekomplex diente der Campus Givat Ram in Jerusalem aus den 1950er Jahren. Das Campusgelände dort ist geprägt von einer raffiniert durchdachten Architekturlandschaft mit offenen Gärten, Innenhöfen und überdachten Gängen. So sollte es auch in der nigerianischen Waldlandschaft von Ife realisiert werden.

Der schönste Campus der Welt

Arieh Sharon legte viel Wert auf das Material und studierte wissenschaftliche Erkenntnisse, um die Funktion der Gebäude zu optimieren. Überall gibt es Zwischenräume und schattige Dächer. Die Gebäude werden nach oben hin abgestuft immer breiter. Die umlaufenden vorkragenden Balkone sind dadurch schattig und geschützt vor dem tropischen Regen.

Lehrraum ist überall, nicht nur in geschlossenen Klassen

Sharon berücksichtigte auch die lokalen Gegebenheiten und - anders als sein Bauhauslehrer Hannes Meyer - die Ästhetik der Kultur vor Ort. Zeichnungen der lokalen Yoruba-Künstler verzieren die Betonwände und aus der Vogelperspektive wirken die Dächer der Gebäude wie ein großes Muster abstrakter westafrikanischer Kunst.

Es sind nicht nur die Bauten, die Zvi Efrat faszinieren, sondern auch die Art, wie sie genutzt werden. In westlichen Universitäten seien die Gebäude sehr formal, meint er. Ein Klassenzimmer sei für den Unterricht gedacht, die Aula für Versammlungen und draußen träfe man sich in der Pause. "Dieser Campus erlaubt den informellen Gebrauch vieler Räume dazwischen, die weder richtig drinnen, noch richtig draußen sind", erläutert er. Manchmal sei es schwierig in den eigentlichen Klassenräumen zu unterrichten. Die Klimaanlage funktioniert nicht oder es gibt Probleme mit der Elektrizität. Weil sich die Landschaft unter dem Gebäude fortsetzt, könne man aber auch dort unterrichten.

"Es funktioniert akustisch und vom Klima her sehr gut", schwärmt Efrat. "Unter dem Gebäude sind es immer sieben Grad weniger als draußen. Der Wind belüftet das Gebäude. Es ist so angenehm dort." Viele Gruppen könnten parallel verschiedene Dinge tun, ohne sich zu stören und das sei sehr lebendig.

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Kultur.21 | 06.04.2019

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"Das ist unser Traum, wie Architektur sein sollte. Ich bin auch Professor in Israel und wir regen unsere Studenten immer an, Gebäude zu bauen, die offener sind", sagt Efrat. "Gebäude mit Kapazitäten, die auch informell funktionieren, aber es wird nie wirklich so umgesetzt."

Die Studierenden in Ife sind sehr stolz auf ihren Campus. "Sie lieben ihn so sehr, dass sie einen Song, eine Hymne, auf die Architektur dieses Campus gemacht haben", erklärt Zvi Efrat. "Und das ist auch der Name meines Filmes: 'Szenen vom schönsten Campus Afrikas', denn sie nennen ihn den schönsten Campus von Afrika."