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Bayer vs. Mexiko: Glyphosat oder Freihandel?

20. Februar 2021

Mexikos Regierung plant eine landwirtschaftliche Revolution und hat Glyphosat und Genmais ab 2024 verboten. Bayer-Monsanto will das verhindern - und stützt sich dabei auf den Freihandelsvertrag T-Mec.

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Mexiko Protest gegen Monsanto
Demonstration gegen Monsanto in Mexiko-StadtBild: picture-alliance/Demotix/I. Duff Cuevas Hernandez

Kaum Notiz nahm die mexikanische Öffentlichkeit von dem Dekret, das am letzten Tag des alten Jahres im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde. Aus Sicht der Umweltschützer aber könnte es der Beginn einer grünen Gegenrevolution werden. Denn Präsident Andrés Manuel López Obrador verkündet darin das graduelle Verbot von Genmais und des Herbizids Glyphosat bis zum 31. Januar 2024. "Wir begrüssen diesen historischen Schritt", hieß es von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Denn die Zukunft in der Landwirtschaft liegt in nachhaltigem Anbau, im Schutz der Biodiversität, der Agro-Ökosysteme und der Bodenfruchtbarkeit."

Mexiko geht damit synchron mit der Europäischen Union, in der das Herbizid ab Anfang 2024 ebenfalls aus dem Verkehr gezogen werden soll. Für den deutschen Agrarchemiekonzern Bayer, der 2018 mit dem US-Konzern Monsanto den wichtigsten Glyphosat-Hersteller übernahm, würden damit gleichzeitig zwei wichtige Märkte wegbrechen - und das vor dem Hintergrund von Milliardenklagen, die in den USA wegen möglicher gesundheitlicher Schäden durch Glyphosat anhängig sind. Entsprechend hart wehrt sich das Unternehmen, wie Mails zeigen, zu denen die US-Organisation Right to know Zugang hatte und der britischen Zeitung The Guardian zuspielte. Mexiko, heißt es darin, wurde auf Betreiben von Bayer-Monsanto von US-Funktionären mit Verweis auf den Freihandelsvertrag T-Mec zwischen den USA, Kanada und Mexiko unter Druck gesetzt.

Unverständliche Doppelmoral

Für Mexikos Staatssekretär für Ernährung und Wettbewerbsfähigkeit, Victor Suárez, kommt die Offensive nicht überraschend. "So arbeiten diese Firmen immer, aber wir werden nicht von unserer Politik abrücken, den Umweltschutz und die Gesundheit höher zu stellen als private Firmengewinne", sagte er der DW. "Auch Deutschland und Europa gehen diesen Weg, die Doppelmoral von Bayer-Monsanto ist mir daher unverständlich."

Monsanto Roundup Unkrautvernichter
Geht das Glyphosat-Mittel Roundup ab 2024 nicht mehr über die Ladentheke?Bild: picture-alliance/Photoshot

Der rege Mailverkehr aus dem Jahr 2020 zwischen der Lobbyfirma CropLife America und Funktionären der US-Umweltbehörde, dem US-Landwirtschaftsministerium und der US-Handelsvertretung (USTR) erörtert demnach Wege, wie die US-Regierung mit Hilfe des T-Mec Druck auf die mexikanische Regierung ausüben kann. Ob die neue US-Administration unter Joe Biden diese Linie weiterverfolgt, ist unklar.

Verbot nicht wissenschaftsbasiert

Bayer Mexiko reagierte nicht auf Anfragen der DW per Mail und Telefon. Gegenüber der mexikanischen Zeitung La Jornada räumte die Firma aber ein, dass es "Annäherungen" gegeben habe, "um wissenschaftsbasiert Einfluss zu nehmen auf politische Entscheidungen und Gesetzgebungsprozesse". Ein Glyphosat-Verbot sei wissenschaftlich nicht fundiert und gefährde den Anbau und die Versorgung mit Nahrungsmitteln, so die Argumente von Bayer.

Der USTR-Vorsitzende Robert Lighthizer schickte demzufolge auch eine Nachricht an die inzwischen abgelöste mexikanische Wirtschaftsministerin Graciela Márquez, in der er davor warnte, die Maßnahme könne die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen untergraben. Um die ist es derzeit ohnehin nicht gut bestellt. Auch die Entscheidung Mexikos, die Energiewende rückgängig zu machen und künftig wieder mehr auf eigene fossile Energien und Wasserkraft zu setzen, sorgt für Verstimmung. Betroffen davon sind Milliarden-Investitionen privater europäischer und amerikanischer Firmen in erneuerbare Energien.

Mexiko | T-Mec Unterzeichnung
Im Dezember 2019 ratifizierten die USA, Kanada und Mexiko das Freihandelsabkommen T-Mec. Bild: Imago Images/El Universal

Menschenrechte über Handelsverträge

Für Suárez läuft die Drohung mit T-Mec aber ins Leere. "Wir reagieren nicht auf Druck. Menschenrechte wie das Recht auf Leben und Gesundheit stehen über bilateralen Handelsverträgen", sagte der diplomierte Landwirt, dessen Ministerium die mexikanische Landwirtschaft mit agroökologischen Methoden nachhaltig umgestalten will. Derzeit importiert Mexiko offiziellen Angaben zufolge 20.000 Tonnen Glyphosat jährlich. Eingesetzt wird das Herbizid vor allem im Zusammenhang mit gentechnisch verändertem Soja, aber auch beim Anbau von Mais, Baumwolle, Zucker, Zitrusfrüchten und Avocados oder zur Unkrautbekämpfung im Gartenbau.

Es ist heute nicht mehr wegzudenken aus den mechanisierten Monokulturen. Umweltschützer kritisieren die industrielle Landwirtschaft nicht nur wegen des Einsatzes chemischer Pestizide und Düngemittel, sondern auch wegen ihrer negativen Folgen für die Biodiversität, die Bodenfruchtbarkeit, und weil dies zu Landspekulation, Vertreibungen und Armut führt.

Neue Form agroökologischer Produktion

Diese Art von Landwirtschaft will Mexiko umkrempeln. Statt Monokulturen soll es Suárez zufolge Mischkulturen und Rotation geben, um die Bodenfruchtbarkeit natürlich zu erhöhen. Zur Schädlingsbekämpfung sollen biologische Mittel zum Einsatz kommen. "Erfahrungen mit dieser Art von Anbau bei Maisbauern in Nordmexiko waren vielversprechend. Sie haben mit kommerziellem Anbau vergleichbare Erträge von zwölf Tonnen pro Hektar erzielt und hatten 30 Prozent niedrigere Kosten", erklärt er.

Ein Bauer auf dem Weg zu seinem Feld im mexikanischen Xochimilco
Ein Bauer auf dem Weg zu seinem Feld in Xochimilco. Mexiko will den Anteil der ökologischen Landwirtschaft in den kommenden Jahren kontinuierlich steigern.Bild: DW/Aitor Sáez

Bislang würden zehn Prozent der Nahrungsmittel in Mexiko schon ökologisch produziert. Mit staatlicher Unterstützung und forcierter Forschung kann dies Suárez zufolge aber rasch erhöht werden. Mexiko gehört zu den zehn größten Agrarexporteuren weltweit und erzielt auch im bilateralen Austausch landwirtschaftlicher Produkte mit den USA einen Überschuss.