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Beethovenpreis an den Syrer Aeham Ahmad verliehen

Rick Fulker2. Januar 2016

Einst spendete sein Klavierspiel Hoffnung in Damaskus. Nach der Flucht nach Deutschland musizierte Ahmad, bekannt als der "Pianist von Jarmuk", bei der Beethoven-Preisverleihung zusammen mit Starmusikern in Bonn.

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Der syrische Musiker Aeham Ahmad spielt am 11.10.2015 in München (Bayern) auf dem kostenlosen "Danke-Konzert" für freiwillige Flüchtlingshelfer auf einem Keyboard. (Foto: Marc Müller/dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/M. Müller

"Sie haben denen, die bei Ihnen waren, mit Ihrer Musik für einen Augenblick Menschlichkeit und Würde zurückgegeben und damit zugleich etwas unendlich Wertvolles: Hoffnung", sagte Dr. Friedrich Kitschelt in der Laudatio bei der Preisverleihung am 18. Dezember 2015. Der Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fuhr fort: Der Syrer Ahmad habe in seiner Heimatstadt Damskus Hoffnung darauf verbreitet, "dass von Menschen verursachtes Leid und Zerstörung überwunden werden kann. Wir ehren Sie für Ihren Mut, in einem Umfeld zu musizieren, in dem künstlerische Darbietungen verboten sind und zum Teil mit drakonischen Strafen geahndet werden."

Musik, die nachdenken lässt

Die Bilder gingen um die Welt: Umgeben von Kindern spielte ein hagerer junger Pianist inmitten von Trümmern auf der Straße in einem zerstörten Flüchtlingslager. Die Verwüstung, die der syrische Bürgerkrieg angerichtet hatte, war neu, das Lager alt: Es entstand für palästinensische Flüchtlinge bereits in den 1950er Jahren in Jarmuk, einem Stadtteil von Damaskus. Ein Mädchen, das neben dem Pianisten auf dem Klavierhocker saß, wurde später durch einen Kopfschuss tödlich verletzt.

Aeham Ahmad bei der Preisverleihung des Internationalen Beethovenpreises mit Dr. Friedrich Kitschelt (links) und Torsten Schreiber (rechts) (Foto: DW/A. Feilcke)
Aeham Ahmad bei der Preisverleihung mit Dr. Friedrich Kitschelt (links) und Torsten Schreiber (rechts)Bild: DW/A. Feilcke

Aeham Ahmad, 27 Jahre alt, lebt inzwischen in einem Flüchtlingsheim nähe Gießen. Ahmad hat ein Großteil seines Lebens in Flüchtlingssiedlungen verbracht: Er studierte Musik in Damaskus und Homs, wuchs jedoch in Jarmuk auf. Einst wohnten 150.000 Menschen dort - nachdem die syrische Armee Fassbomben abwarf und zeitweise islamistische Milizen nach Jarmuk eingedrungen waren, waren es nur noch schätzungsweise 16.000. Inzwischen bilden Anhänger der Al-Nusra Front, einem Al-Qaida-Ableger, die herrschende Macht dort. Aus dem Stadtviertel wurde - so UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon - ein "Todeslager".

Mit seinem Spiel wollte der Musiker "der ganzen Welt beweisen, dass die Mehrheit der Syrer diesen Krieg nicht will", sagte Aeham Ahmad in einem Interview mit der DW. Bei den improvisierten Konzerten sangen oder tanzten die Menschen mit und zeigten, so Ahmad, dass Syrer und Palästinenser "das Leben lieben" - auch angesichts der Tragödie.

Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Nachdem ein IS-Kämpfer sein Klavier verbrannte, sah sich Ahmad jedoch gezwungen, das Land zu verlassen. Während der beschwerlichen Flucht musste er seine Frau und seine Kinder vorerst nach Damaskus zurückschicken. Dort musste er auch seine restlichen Musikinstrumente zurücklassen. Noch wartet er auf die Möglichkeit, seine Familie nach Deutschland zu holen.

Für seinen Einsatz in der Heimat erhielt der Pianist den Internationalen Beethovenpreis. An einem Kammermusikabend in Bonn spielte und sang Ahmad seine Lieder aus Jarmuk und wurde von den syrischen Musikern Kinan Azmeh und Ibrahim Keivo begleitet.

Pianist Aeham Ahmad in Damaskus (Copyright: Johannes-Wasmuth-Gesellschaft e.V./Niraz Saied)
Aeham Ahmad am KlavierBild: Johannes-Wasmuth-Gesellschaft e.V./Niraz Saied

Der musikalische Funken sprühende Abend in der Bonner Bundeskunsthalle bot neben Beethoven, Brahms und Ravel die Komposition "A sad morning, every morning" von und mit dem in Damaskus geborenen Klarinettist Kinan Azmeh. "Lamento und Lieder" in Arabisch, Aramäisch, Kurdisch und anderen Sprachen bot der syrischer Musiker Ibrahim Keivo dar.

Gekrönt war das Staraufgebot von der weltberühmten schweizerisch-argentinischen Pianistin Martha Argerich und ihrer Duo-Partnerin Akane Sakai. Zum Schluss kam eine fantasievoll-fetzige Bearbeitung der Beethovenmelodie "An die Freude" vom Komponisten Bruce Stark, interpretiert vom deutschen Pianisten Kai Schumacher.

Karim Said, Luise Imorde, Martha Argerich, Akane Sakai, Aeham Ahmad, Kinan Azmeh, Ibrahim Keivo und Kai Schumacher. Foto: Adelheid Feilcke
Die Musiker des Abends: Karim Said, Luise Imorde, Martha Argerich, Akane Sakai, Aeham Ahmad, Kinan Azmeh, Ibrahim Keivo und Kai SchumacherBild: DW/A. Feilcke

Beethovenpreis zum ersten Mal verliehen

"Ich möchte neben der Musik Beethovens seine Ideale in ein öffentliches Licht rücken", sagte Torsten Schreiber, Co-Initiator des Internationalen Beethovenpreises für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion. "Damit lege ich Beethovens Ausspruch zugrunde: wohl tun, wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit - auch sogar vor dem Tod - nicht verleugnen."

Der Erlös des Abends ging an den Bonner Verein "Ausbildung statt Abschiebung". Er setzt sich seit 15 Jahren dafür ein, jungen Flüchtlingen in Deutschland eine Ausbildung zu verschaffen.