Beide vermisste Deutsche in ägyptischer Haft

Zwei Männer reisen getrennt voneinander nach Ägypten, um ihre jeweiligen Großeltern zu besuchen. Dort kommen sie nie an. Jetzt ist klar - beide sitzen dort in Haft. Ein Vater appelliert an Außenminister Heiko Maas.

Zwei Wochen hat Malik Abdel Aziz auf ein Lebenszeichen seines Bruders Mahmoud (im Bild rechts) gewartet. Jetzt hat er Gewissheit: Er wurde von den ägyptischen Behörden in Gewahrsam genommen. Eine entsprechende Rückmeldung habe die deutsche Botschaft in Kairo erhalten, teilte das Auswärtige Amt mit. Die ägyptischen Behörden planten offenbar ihn nach Deutschland abzuschieben, wenn er seine ägyptische Nationalität aufgebe, sagt Malik Abdel Aziz im Gespräch mit der DW. Das habe die Botschaft seinem Vater mitgeteilt.

Malik und sein Bruder Mahmoud Abdel Aziz waren am 27. Dezember 2018 aus der saudi-arabischen Stadt Medina nach Kairo gereist, um ihre Großeltern zu besuchen. In Medina studieren die beiden Göttinger Brüder Islamwissenschaften.

Neun Tage wollten sie eigentlich gemeinsam in Kairo verbringen. "Bei der Passkontrolle am Flughafen hat der Beamte meinen Pass gestempelt und mir gesagt, ich könne durchgehen. Meinem Bruder Mahmoud sagte man, er solle warten", berichtet Malik Abdel Aziz im Gespräch mit der DW. Mehrere Stunden des gemeinsamen Wartens vergingen. Ein ägyptischer Sicherheitsbeamter hätte dann gefragt, ob Malik mit zurückfliegen wolle, wenn Mahmoud die Einreise verweigert werde. Im Glauben an ein Missverständnis und daran, dass Mahmoud im Zweifelsfall zurück nach Medina geschickt werde, hätten sich die Brüder getrennt. Malik Abdel Aziz ist dann zu seinen Großeltern nach Kairo gefahren. Von Mahmoud fehlte jegliches Lebenszeichen. "Ich habe in den folgenden Tagen Kontakt zur Botschaft in Kairo aufgenommen", sagt Malik Abdel Aziz.

Auch den deutschen Behörden wurden bisher keine Gründe für die Festnahme genannt. Das  Auswärtige Amt bemüht sich derzeit "ganz intensiv" um eine Besuchserlaubnis. Bisher habe es aber keinen Haftbesuch gegeben, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin.

Mahmoud Abdel Aziz (rechts) ist in Ägypten in Haft - ebenso Isa El Sabbagh

Isa El Sabbagh auch in Gewahrsam

Gewissheit herrscht jetzt auch im Fall des verschwundenen 18-jährigen Schülers aus Gießen. Auch er wird von ägyptischen Sicherheitsbehörden festgehalten, bestätigte das Auswärtige Amt dem Vater des Vermissten Isa El Sabbagh. Der junge Mann war am 17. Dezember 2018 von Frankfurt am Main nach Luxor gereist - ebenfalls um seine Großeltern in Kairo zu besuchen. "Das Ticket war um einiges günstiger", sagt Vater Mohamed El Sabbagh. Noch am selben Abend um 23 Uhr habe er mit einer Egyptair-Maschine nach Kairo weiterfliegen wollen.

"Ich habe meinem Sohn gegen 17.30 Uhr eine Textnachricht geschickt, um mich nach ihm zu erkundigen", schildert Mohamed El Sabbagh die Ereignisse. Die Nachricht sei gelesen worden - von wem weiß er nicht. Eine Antwort habe er nicht bekommen. Seit der Deutsche in Luxor landete und die Transitzone des Flughafens betrat, verlor sich seine Spur. "Die letzten Wochen waren schrecklich für uns", sagt der Vater. "Endlich meldete sich heute morgen das Auswärtige Amt telefonisch bei mir. Nachdem ich wochenlang nicht wusste, ob mein Sohn noch lebt oder getötet wurde, haben meine Frau und ich die Gewissheit: Mein Sohn Isa lebt. Man sagte mir, er lebe und werde von den ägyptischen Sicherheitsbehörden festgehalten", schreibt Vater Mohamed El Sabbagh auf der Online-Plattform "change.org".

Der Vater von Isa El Sabbagh appelliert an Bundesaußenminister Heiko Maas, sich für seinen Sohn einzusetzen

Dort wurde vor einigen Tagen eine Petition mit dem Titel "Freiheit für Isa" gestartet. Dort wurde das Auswärtige Amt aufgefordert, die Familie des Vermissten 18-Jährigen besser zu informieren und sich für dessen Freilassung einzusetzen. Doch das scheint schwierig zu werden: "Der Mitarbeiter am Telefon sagte, dass die Deutsche Botschaft nicht viel für uns tun könne. Mein Sohn Isa sei auch Ägypter."  

Das könne er nicht hinnehmen: "Isa hat einen deutschen Pass, lebt in Gießen, macht sein Abitur und wollte hier studieren! Der deutsche Außenminister Heiko Maas kann sich sehr wohl für meinen Sohn einsetzen", schreibt Mohamed El Sabbagh. Er wolle wissen wie es seinem Sohn geht, was ihm genau vorgeworfen wird und unter welchen Bedingungen er festgehalten wird. 

Isa El Sabbagh (links) mit Vater Mohamed und seinem jüngeren Bruder in Gießen

Eine Petition für Isa

Beide Familien befürchteten die letzten Wochen das Schlimmste, denn es wurden Erinnerungen an den Fall des italienischen Studenten Guilio Regeni wach, der als Doktorand zum Thema Gewerkschaften recherchierte. Er verschwand im Januar 2016, seine geschundene Leiche tauchte neun Tage später an einem Straßenrand auf. Das Regime in Kairo bestreitet, etwas damit zu tun zu haben. In Rom sieht man das anders: Dort verdächtigt man ägyptische Geheimdienstmitarbeiter, Regeni ermordet zu haben.

Verschwindenlassen als Phänomen in Ägypten

Dass in Ägypten Menschen verschwinden, die dem Sicherheitsapparat verdächtig vorkommen, geschieht unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi oft. Gamal Eid, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation "Arabic Network for Human Rights" in Kairo, bezeichnet das Verschwinden von Personen als politisches Verbrechen. Einige der Vermissten tauchen nach Tagen des Verhörs wieder auf, die meisten landen aber im Gefängnis.

Nach Angaben von Human Rights Watch und der ägyptischen zivilgesellschaftlichen Organisation Wikithawra sind seit dem Amtsantritt al-Sisis rund 60.000 Menschen als politische Gefangene festgenommen worden. Eine Zahl, die der Präsident erst kürzlich in einem 60-minütigen Interview mit dem US-Sender CBS bestritt. Und er ging sogar noch weiter: In Ägypten, so der Präsident, gebe es keine politischen Gefangenen.

Natürlich gebe es politische Gefangene in Ägypten, sagt hingegen Gamal Eid. Meistens seien Kritiker und Gegner der Regierung die Opfer. Und meistens auch ägyptische Staatsbürger. 

Demonstration in Italien ein Jahr nach dem Mord an Guilio Regeni: Opfer des ägyptischen Geheimdienstes?

Nicht politisch aktiv

Die Eltern und Familienangehörigen von Isa und Mahmoud können sich nicht erklären, warum das alles passiert ist. Sie beschreiben Isa und Mahmoud als unpolitische Menschen mit wenig Interesse an sozialen Netzwerken. "Wir lehnen auch die Muslimbrüderschaft ganz stark ab", sagt Abdel Aziz. Die Organisation wurde in Ägypten als Terrororganisation eingestuft. Mahmoud Abel Aziz hat von 2014 bis 2016 im Vorfeld seines Studiums in Kairo gewohnt. Isa El Sabbagh hat von 2008 bis 2017 mit seiner Mutter in der ägyptischen Hauptstadt gelebt. Ob das bei den Festnahmen von Relevanz war, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Deutsche Staatsbürger mit ägyptischem Hintergrund

Beide jungen Männer haben jeweils eine deutsche Mutter und einen ägyptischen Vater. Sie hatten offenbar beide einige Jahre zuvor einen ägyptischen Ausweis beantragt, um damit Vergünstigungen im Land zu erhalten. Obwohl dieses Dokument kein Reisepass ist, ist es offenbar so, dass sowohl Mahmoud Abdel Aziz als auch Isa El Sabbagh als Doppelstaatler gelten. Dass sie auch als ägyptische Staatsbürger gelten, erschwert den deutschen Behörden die Arbeit. Denn Ägypten ist dann nicht mehr dazu verpflichtet, Informationen weiterzugeben.


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