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Politik

"Der Kreml soll beweisen, dass wir uns irren"

Elena Gunkel | (Adapt.:Markian Ostaptschuk)
17. Dezember 2020

Der Journalist Christo Grozev ist einer der Autoren der Untersuchung zur Vergiftung von Alexej Nawalny. Im DW-Interview spricht er über die Ergebnisse und die Reaktion, die er sich vom Kreml erhofft.

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Moskau Roter Platz am Abend
Bild: picture-alliance/dpa/S. Stache

Journalisten des internationalen investigativen Recherchenetzwerks Bellingcat haben erstmals Namen der mutmaßlichen Vollstrecker des Attentats auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny veröffentlicht. Dabei soll es sich um Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB handeln. Einer der Autoren der Untersuchung, Christo Grozev, berichtet im DW-Gespräch, wie die Journalisten Zugang zu persönlichen Daten der Geheimdienstler erhielten und warum, wie schon im Vergiftungsfall des ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal, das Nervengift Nowitschok zum Einsatz kam.

Deutsche Welle: Herr Grozev, Ihre Untersuchung basiert auf der Analyse von Flugpassagierdaten und Daten von Mobiltelefonen der mutmaßlichen Täter. Ist es wirklich so einfach, an Daten russischer Geheimdienstler heranzukommen?

Christo Grozev: Ich bin mir nicht sicher, ob dies auch nach der Veröffentlichung unserer Untersuchung noch möglich sein wird - aber ja, bisher war es tatsächlich so. Die an der Vergiftung von Nawalny beteiligten FSB-Mitarbeiter sind eine sehr isolierte, geschlossene Minigruppe, von der höchstwahrscheinlich sogar viele ihrer Kollegen nichts wissen. Gleichzeitig schränkt die starke Geheimhaltung der Gruppe auch die Möglichkeit für ihre Mitglieder ein, mit anderen Geheimdiensten bezüglich der Löschung ihrer Daten zu sprechen. So erklären wir uns das.

Bedeutet das, dass die FSB-Mitarbeiter normale Mobiltelefone benutzt haben, deren Nummern und Daten nicht weiter geschützt wurden? Kann man solche Agenten wie jeden anderen Handynutzer "identifizieren"?

Man kann schwer sagen, dass man sie "identifizieren" kann. Denn jeder Versuch, an die Daten zu kommen, ist eine ziemlich heikle Sache. Mitarbeiter, die helfen, diese Daten zu verschaffen, gehen Risiken ein.

Großbritannien London | Bellingcat Journalist Christo Grozev
Christo Grozev, Investigativjournalist bei BellingcatBild: picture-alliance/empics/D. Mirzoeff

Auf sehr sensiblen Reisen nutzen FSB-Mitarbeiter keine personalisierte Telefonnummer, da man gerade über sie an Angaben zu Gesprächen herankommen kann. Wir haben erst gar nicht versucht, die Mobilfunkverbindungen dieser Nummern herauszufinden, auch weil wir glauben, dass dies für unsere Quellen zu gefährlich ist. Stattdessen haben wir die Nachlässigkeit der Agenten ausgenutzt, weil diese häufig während ihrer Arbeit von ihren persönlichen Telefonen aus angerufen haben.

Alexej Nawalny sagt, er und Mitarbeiter seiner Stiftung zur Korruptionsbekämpfung (FBK) hätten bei der Untersuchung mit Ihnen kooperiert. Können Sie dazu etwas sagen?

Das war in der letzten Phase der Untersuchung. Vor einem Monat wandten wir uns an Herrn Nawalny. Wir wollten unsere Informationslücken bezüglich seines Lebens schließen und herausfinden, was diese Gruppe von FSB-Agenten zu bestimmten Zeitpunkten in seiner Nähe vielleicht getan hat. Wir haben bei unseren Recherchen auch russische Institute gefunden, die keinen Sanktionen unterliegen, aber unter dem Deckmantel absurder Programme verbotene Chemikalien entwickeln. Dazu gehört etwa das Forschungszentrum "Signal" in Moskau. Am 6. Juli stellten wir eine für uns nicht nachvollziehbare starke Gesprächsaktivität zwischen dem FSB und dem Zentrum "Signal" sowie innerhalb der Gruppe von FSB-Mitarbeitern fest, auf die wir uns fokussiert hatten. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass diese Gruppe auf Chemikalien und Vergiftungen spezialisiert ist.

Also fragten wir Nawalny: "Wir glauben, wir haben das Team gefunden, das Sie vergiftet hat, aber uns sind einige Dinge unklar. Können Sie uns sagen, ob am 6. Juli etwas Ungewöhnliches passiert ist?" Nawalny antwortete, dass an diesem Tag seiner Frau sehr schlecht geworden war.

YouTube Screenshot | Алексей Навальный - Alexei Nawalny
In diesem Youtube-Screenshot hält Alexej Nawalny Fotos der mutmaßlichen Attentäter in die KameraBild: YouTube/Алексей Навальный

Zuvor haben Sie die Vergiftung von Sergej Skripal und des bulgarischen Geschäftsmanns Emilian Gebrew untersucht und Parallelen zwischen diesen Fällen und der Vergiftung von Nawalny festgestellt.

Das stimmt. Die Hauptverwaltung für Aufklärung (GRU) und der Föderale Sicherheitsdienst (FSB) sind unterschiedliche Gruppen, aber anscheinend nutzen sie die gleichen Institute, die Gifte für sie entwickeln und bei deren Anwendung helfen. Nach unseren Informationen ist das Zentrum "Signal" mit der GRU in Kontakt, wenn eine Operation im Ausland vorbereitet wird, wie im Fall Skripal, und mit dem FSB, wenn eine Operation innerhalb Russlands geplant ist. Zudem besitzen Mitarbeiter beider Dienste eine zweite Identität, die sich in ihrer Form ähneln. Ich denke, das machen alle Geheimdienste.

Handelt es sich bei dem verwendeten Gift in allen drei Fällen um unterschiedliche Modifikationen von "Nowitschok"?

In den Fällen Skripal und Nawalny wurde dies durch offizielle Ergebnisse von Analysen unabhängiger Laboratorien belegt. Im Fall Emilian Gebrew (eines im April 2015 vermutlich vom GRU vergifteten bulgarischen Waffenhändlers, Anm. d. Red.) war die Wirkung des Giftes den Folgen einer Nowitschok-Vergiftung sehr ähnlich. Wir haben die Ergebnisse des bulgarischen und finnischen Labors gelesen, aber sie waren nicht endgültig, weil ihre Mitarbeiter nicht gezielt nach Spuren von Nowitschok gesucht hatten. Um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob dieses Gift zur Vergiftung von Gebrew verwendet wurde, muss Bulgarien einen offiziellen Antrag bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) stellen. Dies ist jedoch bisher nicht geschehen.

Wie kann man erklären, dass die russischen Geheimdienste nach der Aufregung um Nowitschok und nach der Skripal-Vergiftung wieder zu diesem Gift gegriffen haben?

Ich denke, dass niemand die Vergiftung von Nawalny wirklich untersuchen wollte. Offenbar sollte er in Russland sterben, und dann wäre eine erfundene Laboruntersuchung - die es schon gibt - erschienen, der zufolge es in seinem Körper kein Gift gebe. Von Nowitschok hätte man nichts erfahren, wenn der Pilot nicht in Omsk notgelandet wäre, wenn die Ärzte Nawalny nicht unmittelbar nach der Landung Atropin gespritzt hätten und wenn Nawalny nicht auf wundersame Weise zur Behandlung nach Deutschland weitergeflogen wäre.

Kombolbild Sergei Skripal, Yulia Skripal und Alexej Nawalny
Drei Überlebende einer Nowitschok-Vergiftung: Sergej Skripal (links), seine Tochter Julia sowie Alexej Nawalny

Verfolgen Sie die Reaktion der russischen Behörden auf Ihre Untersuchung?

Wir hoffen sehr auf eine klare Reaktion. Damit man uns sagt: Es war nicht so, sondern so. Zum Beispiel, dass russische Geheimdienstler in der Nähe waren, um Nawalny zu helfen, falls ihm etwas passiert. Bisher gibt es nur   sarkastische Reaktionen  wie den Tweet des russischen Vertreters bei den Vereinten Nationen, der fragt: "Wie kann es sein, dass Bellingcat die Wahrheit herausgefunden hat?" Wir sind bereit, unsere Untersuchung fortzusetzen oder zu korrigieren, wenn der Kreml sich nicht versteckt. Nach dem, was wir aufgezeigt haben, muss der Kreml beweisen, dass all diese Übereinstimmungen nur Zufall sind. Er müsste erläutern, warum wir falsch liegen.

Das Gespräch führte Elena Gunkel

Bellingcat ist ein 2014 gegründetes internationales investigatives Recherchenetzwerk um den britischen Netzaktivisten Eliot Higgins. Es hat sich auf Faktenchecks und Open Source Intelligence (OSINT), insbesondere im Bereich Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Finanzkriminalität, spezialisiert.