Bischöfe entdecken die Ökumene neu

Zum Abschluss ihrer Pilgerreise in den Nahen Osten trafen katholische und evangelische Bischöfe aus Deutschland in Jerusalem Theologie-Studierende aus Deutschland. Ein Pionierprojekt. Von Christoph Strack, Jerusalem.

"Für mich", sagt Lukas Hille, "war Ökumene vorher so ein Thema, bei dem ich mich gefragt habe: Brauchen wir das? Hier in Jerusalem, im Studienjahr spüre ich: Die Trennung der Kirchen ist ein Riss im Leib Christi. Das ist völlig unverständlich." Hille ist 23 und Student der evangelischen Theologie. Im August wechselte er für ein Jahr von Heidelberg an das "Theologische Studienjahr Jerusalem". Wie 15 andere Theologie-Studierende. So die Katholikin Annika Zöll (20) aus Hitdorf bei Leverkusen, die bis dahin in Bonn studierte. "Ich war in einem katholischen Kindergarten, einer katholischen Schule, komme aus einem katholischen Dorf", erläutert sie. "Für mich war Ökumene vorher nur ein theologisches Wort." Jetzt ist es konkretes Leben Tag für Tag.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, nannte am Samstag das Studienjahr als ganz besonderen Moment. Er predigte in der Jerusalemer Benediktinerabtei Dormitio und bekannte sich zur Ökumene, zum Dialog der getrennten Kirchen. "Der ökumenische Weg ist für uns alle eine Berufung." Da lauschten auch Hille und Zöll.

"Gott sei Dank"

Sieben Tage zogen katholische und evangelische Kirchenvertreter durch Israel und Palästina. Es war die erste gemeinsame Reise der hohen Geistlichkeit unterschiedlichen Bekenntnisses seit - kaum vorstellbar - der Reformation. Also überhaupt. Und Atmosphäre und Ernsthaftigkeit beeindruckten, ja bewegten sie. Sie seien "menschlich zusammengerückt", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner Bilanz. Und: "Vielleicht machen demnächst auch Pfarreien, Gemeinschaften und Gruppen mal eine gemeinsame Pilgerfahrt." Da widersprach die Vize-Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Annette Kurschus, freundlich: "Gemeinden machen das längst, seit Jahrzehnten. Gott sei Dank."

Deutlicher wurde am Samstag Ulrich Winkler. Die Bischöfe und leitenden Geistlichen hätten sieben Tage gemeinsam verbracht, diskutiert und ökumenisch voneinander gelernt und gebetet, seien durch staubige Wüste gewandert, mit dem Boot über den See Genezareth gezogen. Wenn sie ein paar Jahrzehnte jünger wären und das zehn Monate lang machen wollten, könnten sie sich für das Theologische Studienjahr bewerben. Gelächter. Winkler ist derzeit Dekan des Studienjahres.

[Diverses] | 24.10.2016

Theologen im Bunker

Das Projekt war bei seiner Gründung 1973 mehr als ein Wagnis in politischem und akademischem Neuland. Über 20 Jahre stand die deutschsprachige Benediktinerabtei Dormitio, 1906 als markanter Bau in der Silhouette der Jerusalemer Altstadt errichtet, leer - weil sie im Schussfeld des Nahost-Konflikts lag. Nach dem Sechstagekrieg 1967 schickte der Orden dann den jüngsten Abt Deutschlands, Laurentius Klein (1938-2002), nach Jerusalem. Der pushte die Idee eines Studienjahres und errichtete das "Josefshaus" nahe zum Kloster. Dort wohnen heute auch Lukas Hille und Annika Zöll.

Lukas Hille und Annika Zöll

Im Spätsommer 1973 nahmen die ersten Studenten, damals noch allein katholische Männer, das Studium auf. Einige Wochen später saßen sie im Bunker. Yom-Kippur-Krieg. Sie überstanden es. Bald kamen weibliche Studierende und Protestanten hinzu. Seitdem zogen mehr als 1000 deutsche Theologie-Studierende jeweils für zwei Semester auf den Zionsberg. In diesem Jahr sind es elf Frauen und fünf Männer, sieben sind katholisch, neun evangelisch. Und die deutsche Bischofskonferenz, der Deutsche Akademische Austausch-Dienst und das Bundesbildungsministerium unterstützen das Projekt, dem schon Kanzler und diverse Minister die Aufwartung machten, finanziell. Und zahlreiche, auch namhafte Professoren kommen als Lehrer aus Deutschland auf den Zionsberg. Das 43. Studienjahr steht unter dem Leitwort "Religion zwischen Mystik und Politik".

Religiöse Vielfalt

Hille, Zöll und die anderen Studierenden verbringen viel Zeit im Hörsaal und der Bibliothek. Aber sie waren auch schon in Synagogen und orthodoxen Gottesdiensten, entdecken die religiös so aufgeladene Stadt. Sie gehen ins Stundengebet der Mönche und sonntags auch in die evangelische Erlöserkirche im Herzen der Altstadt. Und sie lernen das ökumenische Gespräch. Zöll berichtet, mittlerweile bereite sie sich vor, wenn im kirchlichen Kalender ein Marien- oder ein Heiligenfest anstehe - im den Studienkollegen Rede und Antwort stehen zu können.

"Wir müssen gar nicht die Ökumene auspacken", sagt Hille, und Zöll ergänzt prompt: "wir haben sie schon auf dem Tisch". Aber Katholiken und Protestanten - da geht es auch um die Mahlgemeinschaft. Ein Wort als Ärgernis. Letztlich, meint Hille, sei es die Entscheidung jedes einzelnen. "Ich nehme an der katholischen Messe teil, aber nicht an der Eucharistie." Die Frage sei theologisch zwar geklärt, aber noch nicht umgesetzt. Und auch Zöll meint, es gehe darum, den Bruch auszuhalten.

Die Dormitio-Abtei in Jerusalem

Kardinal Marx, Bedford-Strohm und ihre Begleiter wurden in der Abteikirche vom derzeitigen Leiter der Benediktiner-Gemeinschaft, Prior-Administrator Nikodemus, begrüßt. Der 37-Jährige machte den Gästen den Beitrag des Studienjahres zu deren Pilgertour deutlich. "Wenn es das Studienjahr nicht geben würde, dann sähe ihre Reise anders aus." Die beiden theologischen Reiseleiter der Delegation - Studienjahrler. Im Tross der EKD - ein Oberkirchenrat mit Dormitio-Erfahrung. Auch aus dem Sekretariat der katholischen Bischöfe sei ein Absolvent vom Zion dabei. "Und auch ich stände dann nicht hier", sagte Nikodemus. Er hat selbst vor gut 15 Jahren im Josefshaus studiert.

Mehr zum Thema

Aktuell Nahost | 22.06.2018

Papst sieht die Christen in Gefahr

Themenseiten