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Bismarck-Jubiläum in Berlin gefeiert

Kay-Alexander Scholz1. April 2015

Beim letzten großen Bismarck-Jubiläum vor 50 Jahren gab es eine Festrede im Bundestag und eine Feier im Auswärtigen Amt. Der 200. Geburtstag fand im Museum statt. Ist Bismarck nun endgültig Geschichte?

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Berlin DHM Festakt 200. Geburtstags von Otto von Bismarck (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/B. Pedersen

700 Gäste sind geladen, 39 davon tragen ein "von" in ihrem Namen, ein Dutzend auch den Namen Bismarck. Die Yellow-Press scharrt sich um die Vertreter des Hochadels. Immer wieder die Frage nach persönlichen Vergleichen, nach der Rolle des in Deutschland seit 1919 offiziell abgeschaften Adels heute. Hach, die Pflege der Schlösser sei so teuer geworden, ist von vielen zu hören. Fürstin Elisabeth, Urenkelin von Otto, kommt mit Sohn, wünscht allen für die Zukunft Harmonie und meint damit wohl auch die eigene zerstrittene Familie.

Der überdachte Schlüterhof im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist eine geniale Location für ein solches Fest. Nicht nur, weil er von 1877-1880, also zu Bismarcks besten Zeiten "Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee" war. Also der Armee, mit der Bismarcks politische Karriere begann. Nein, auch die Akustik ist phänomenal. Weshalb die Musik des noch jungen, aber schon sehr erfolgreichen Boulanger-Trios besonders schön klingt, die das zum Glück nicht nur deutsche Geburtstagsständchen geben. Sie spielen neben dem romantischen Franz Schubert auch Chopin und Dvorak als Zeitgenossen von Bismarck.

Bismarcks Urenkelin Elisabeth (Foto: DW/Scholz)
Bismarcks Urenkelin ElisabethBild: DW/Kay-Alexander Scholz

Kanzleramtsminister Peter Altmaier sagt, die Idee für dieses Fest sei von der Otto-von-Bismarck-Stiftung gekommen. Sie ist seit 1997 eine Gedenkstiftung des Bundes, bekommt also Geld aus Altmaiers Etat. Aber der oberste Bismarck-Vertreter sei er an diesem Abend deshalb natürlich nicht, er sei nur privat ein Fan von ihm.

Viel Ehre, aber auch Schatten

Als Bundespräsident Joachim Gauck eintritt, gibt es Applaus. Wie zu Kaisers Zeiten, scherzt ein Gast. Gauck hält "nur" ein Grußwort. Doch ein Mann der Zurückhaltung war er noch nie. Und so sind seine Worte, typischerweise, doch eher eine analytische Rede mit Appellcharakter. Es seien die großen Fragen, auf denen Bismarck Antworten fand, die noch heute - natürlich verwandelt und mit anderen Vorzeichen - aktuell seien: Die nationale Frage nach der "Einheit in Vielfalt", die internationale Frage nach dem Platz Deutschlands in der Welt und die innenpolitische Frage nach der kulturellen und sozialen Verfassung. Beispielhaft seien seine Energie, sein politischer Wille und seine Leidenschaft gewesen, sich diesen Fragen zu stellen. So könne man Bismarck heute begegnen, sagt Gauck und findet viele bejahende Worte für den so großen und dabei so umstrittenen Politiker des 19. Jahrhunderts.

Bundespräsident Gauck beim Festakt 200. Geburtstags von Otto von Bismarck Gauck (Foto: dpa)
Bundespräsident Gauck: Bismarcks Fragen sind aktuellBild: picture-alliance/dpa/B. Pedersen

Denn es führe kein direkter Weg von Bismarck zu Hitler, das sei eine unhistorische Spekulation und ungerechte Beurteilung. Auch ein Krieg sei damals nun einmal ein legitimes politisches Manöver gewesen. Vorbildhaft für das heutige Europa sei Bismarcks Bestreben, dass sich bei der Reichseinigung die Kleinen nicht übervorteilt fühlten. Und Bismarck habe gezeigt, dass soziale Sicherheit und wirtschaftliche Dynamik sich nicht ausschließen würden. Ein "bleibender Schatten" sei dagegen das Denken in Feindbildern gewesen, worunter Katholiken und Sozialisten noch lange Zeit nach dessen Tod zu leiden hatten - oder noch leiden.

"Wir wollen kein deutsches Europa"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kam nicht nur, weil er für die Gedenkmünze und Bismarck-Briefmarke offiziell zuständig ist. Er hielt auch die Festrede und machte darin viele aktuelle Bezüge. Schäuble kann sich über Dinge furchtbar aufregen. Eine solche Sache sei der Vergleich zwischen Bismarck, Helmut Kohl und Angela Merkel. Dass sie alle zu einer Entpolitisierung im Volk geführt hätten, weil von "oben" alles geregelt werde. Zwei weitere Bismarck-Projektionen würden ihn nicht überzeugen. Erstens: "Wir machen heute europäische Politik und keine deutsche Politik auf Kosten anderer", sagt der große Mann neben der Euro-Krisenkanzlerin Angela Merkel zum gern wieder zitierten Bild von der preußischen Pickelhaube, unter der sich Europa zu unterwerfen habe. "Das Bild von einem Bund souveräner Staaten ist nicht mehr unser", unterscheidet Schäuble von der Bismarckschen Zeit und ihrer damaligen Idee von Nationen. "Wir erproben derzeit vielmehr das Modell einer transnationalen Ordnung." Zweitens ärgere ihn ein unreflektiertes Verständnis für Wladimir Putin im historischen Vergleich. Eine besondere Nähe zu Russland könne es heute nur geben, wenn Russland europäische Werte vertrete.

Bismarck-Sondermünze mit der Randschrift: "Politik ist die Lehre vom Möglichen" (Foto: Scholz/DW)
Bismarck-Sondermünze mit der Randschrift: "Politik ist die Lehre vom Möglichen"Bild: DW/Kay-Alexander Scholz

In der Bewertung des Erbes Bismarcks geht Schäuble sogar noch weiter als Gauck. Im Grunde bewege sich Deutschland noch immer im politischen Raum, der damals geschaffen wurde - im Föderalismus, den Institutionen und dem Sozialstaat". Schäuble betont Bismarcks Bemühen um "Kontrolle, Mäßigung, Ordnung und Stabilität" - Maxime für die er selbst als "eiserner Verfechter der Schwarzen Null", also eines schuldenfreien Haushalts bekannt ist.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beim Festakt 200. Geburtstags von Otto von Bismarck (Foto: dpa)
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mag keine vorschnellen Bismarck-ProjektionenBild: picture-alliance/dpa/B. Pedersen

Nach weiteren Gruß- und Dankesworten endet der Abend mit einem Empfang. Die berühmten Bismarck-Heringe, eine kulinarische Kreation des deutschen Bismarck-Kults, gibt es allerdings nicht zu essen. Der sauer eingelegte Fisch ist schließlich nicht jeder Manns Sache - so wie es der Namensgeber gemeinhin auch nicht ist. Doch die Kritik an Bismarck hielt sich bei der 200. Geburtstagfeier in Grenzen. Minister Schäuble empfahl einen "weisen" Umgang mit ihm. Die Erinnerung an den ersten Reichskanzler bleibt also sehr lebendig.