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Geld verdienen mit Umweltschutz

Sophie Schimansky New York
9. November 2019

Anleger wollen zunehmend in Umweltschutz investieren. Finanzdienstleister bieten neue Produkte, darunter Blue Bonds zum Schutz der Meere. Doch es gibt viele Grauzonen. Wo endet der Umweltschutz, wo beginnt Greenwashing?

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Sylvana Antat Seychelles national park 2019
Die Korallenriffe der Seychellen ziehen tauchende Touristen an

Die Konsumenten waren die ersten, die ihr Umweltbewusstsein entdeckten. Die Unternehmen mussten nachziehen, um ihren Ruf nicht zu verlieren. Anleger sind die nächsten. In Zeiten von Greta Thunberg, Papier-Strohhalmen bei Starbucks und fleischlosen Burgern bei McDonalds will eine wachsende Anzahl von Investoren, dass ihre Investment-Portfolios ihre persönlichen Werte widerspiegeln. Nachhaltigkeit boomt auch im Kapitalmarkt.

Finanzinstitute und Investmentfonds haben 2018 fünf Mal so viele als nachhaltig gelabelte Finanzprodukte auf den Markt geworfen wie in 2014, so die Environmental Finance Database. Den Anfang machten Green Bonds, grüne Anleihen zur Finanzierung von Umweltschutzprojekten. Inzwischen gibt es auch Blue Bonds. Sie werden von Ländern oder Entwicklungsorganisationen wie der Weltbank begeben mit dem Ziel, Projekte zum Schutz der Meere zu finanzieren.

Blau wie das Meer

Für die ersten Blue Bonds im vergangenen Jahr hatte sich die Weltbank mit den Seychellen zusammengetan. Der Inselstaat im indischen Ozean ist wirtschaftlich stark vom Meer abhängig. Viele arbeiten in der Fischerei oder im Tourismus. Doch die Gewässer vor der Küste sind überfischt, die Korallenriffe stark beschädigt.

Strand Beau Vallon
Strand bei Beau Vallon auf den SeychellenBild: DW/A. Rönsberg

Die Seychellen könnten es sich nicht leisten, den Ozean jahrelang nicht zu bewirtschaften, bis die Bestände sich erholt haben. Meeresschutzgebiete sind kostenintensiv. Deswegen suchten sie dringend nach einer Finanzierung. 15 Millionen US Dollar haben die Seychellen mit den Blue Bonds eingesammelt.

Dabei werden zwei Drittel von der Weltbank und der Global Environment Facility (GEF) abgesichert. "So sinkt das Risiko für die Anleger und für die Seychellen wird es günstiger, das Geld zurückzuzahlen", schreibt die Weltbank auf ihrer Internetseite. Außerdem hilft die Weltbank, die Anleihen an Investoren verkaufen.

Beliebt bei Investoren

Damit hat sich das kleine Land vor der Ostküste Afrikas einen Trend zunutze gemacht. Laut der US-Bank Morgan Stanley investieren bereits knapp 40 Prozent aller Anleger weltweit auch in nachhaltige Anlagen, 85 Prozent sind daran interessiert.

Während Anleger ihre Investitionen früher vor allem nach nach Risiko, Rendite und Liquidität bewertet haben, wollen sie nun auch "das Richtige tun", sagt Evan Papageorgiou, der beim Internationalen Währungsfonds (IWF) die Finanzmärkte beobachtet. Anleger fordern Finanzinstitute auf, sich von Unternehmen zu trennen, die Klimawandel oder Waffengewalt fördern oder ihre Arbeitnehmer ausbeuten.

Vermögensverwalter und Investmentfonds haben den Trend verstanden. Sie bieten Fonds mit angeblich nachhaltigen Portfolios an. Sie werden mit einem eigens kreierten Label beworben: ESG steht für Environmental, Social and Governance. Inzwischen gibt es mehr als 350 dieser ESG-Fonds, das dort investierte Vermögen beläuft sich auf mehr als 160 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend, so die Analysefirma Morning Star.

Zentrale Weltbank Washington D.C.
Nicht nur nachhaltige Anleihen - Zentrale der Weltbank in WashingtonBild: imago/Rainer Unkel

Unklare Kriterien

Nachhaltig klingt gut, ist aber kein geschützter Begriff. Nachhaltiges Investment sei ein "breites Feld", so Linda-Eling Lee, globale Leiterin der ESG-Forschungsgruppe beim Index-Giganten MSCI, gegenüber dem US-Radiosender NPR. Das heißt, es gibt keine klaren Standards, was eine Anlage als nachhaltig qualifiziert.

Die ESG-Bewertungen erinnern an Konflikte um BIO oder Organic-Label. Sie sollen objektiv wirken, doch eigentlich herrscht Beliebigkeit. So gilt der Elekroautobauer Tesla beim US-Finanzdienstleister MSCI als maximal nachhaltig, während er vom britische Konkurrenten FTSE die schlechteste Bewertung erhält. Kein Wunder also, dass Investoren, Aktivisten und Gesetzgeber das ESG-Label inzwischen skeptisch sehen.

Wem kann man trauen?

Auch bei den Grünen und Blauen Anleihen zur Finanzierung von Umwelt- und Meeresschutz scheint die Lage nicht so ganz einfach zu sein. Die Weltbank ist einer der größten Emittenten dieser Anleihen, im vergangenen Jahr war es ein Volumen von 2,5 Milliarden Dollar.

Gleichzeitig aber investiert die Organisation weiterhin in klimaschädliche Energieträger, wie investigative Recherchen von Deutsche Welle, NDR und Süddeutsche Zeitung im Frühjahr herausgefunden haben. Auf die Berichterstattung angesprochen, verneint die Weltbank diese Investments und verweist auf ihr Mandat.

Trotz oder gerade wegen der wachsenden Beliebtheit nachhaltiger Investitionen bleibt es oft unklar, wo Klimaschutz endet und klassisches Greenwashing beginnt. Bis der Gesetzgeber klare Regeln aufstellt, bleibt Investoren nichts anderes übrig, als ihre Portfolio selbst genau im Blick zu haben.