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Warum Japaner westliche Klassik lieben

Jürgen Liebing21. Februar 2016

Erstmals in der japanischen Musikgeschichte sind in Tokio jetzt alle neun Sinfonien von Anton Bruckner in einem Zyklus zu hören gewesen. Daniel Barenboim führte sie mit seiner Staatskapelle Berlin auf.

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Daniel Barenboim
Bild: picture-alliance/dpa/M. Gambarini

"Es war einmalig und ergreifend", schwärmt Toshiaki Harada, Englischlehrer an der Showa-Universität in Tokio. Er hat für umgerechnet mehr als 1700 Euro ein Ticket für alle neun Bruckner-Konzerte gekauft – nicht gerade wenig Geld. Doch Klassik ist den Japanern wert und teuer. Schon die preisgünstigste Karte für ein Konzert kostet über 100 Euro. Auch der Musikkritiker Atsuya Funaki, der mit zwölf Jahren nach einer Aufführung von Brahms' "Deutschem Requiem" bei dem ersten Wort "Selig" beschlossen hat, Deutsch zu lernen, ist sehr zufrieden: "Ein perfekter Bruckner-Zyklus mit einem hochmotivierten Orchester."

Barenboim in Japan: geschätzt und verehrt

Barenboim dirigiert diesen Bruckner-Zyklus sehr energisch, aber er kann sich auch zurücknehmen in seiner Zeichengebung, weil er sich auf sein Orchester nach intensiver Probenarbeit - auch noch während der Japan-Tournee - verlassen kann. Bei einigen Aufführungen spielt er selbst im ersten Teil jeweils ein Klavierkonzert von Mozart. Barenboims Spiel ist dabei eher romantisch geprägt und sehr persönlich. Die Staatskapelle und ihr Chef sind in den mehr als zwanzig Jahren ihrer Zusammenarbeit zu einer Einheit verschmolzen. Kaum ein anderes Orchester dürfte augenblicklich den symphonischen Kosmos von Anton Bruckner so überzeugend präsentieren.

Erstmals in der Geschichte Japans wurden nun die neun Sinfonien Anton Bruckners zyklisch aufgeführt. Dass es dazu kam, ist unter anderem dem 75-jährigen Professor Isao Hirowatari zu verdanken, der über mehrere Jahrzehnte auch als Konzertveranstalter wirkte und heute an der Showa-Universität Kulturmanagement unterrichtet. "Ich wusste, dass Daniel Barenboim mit Japan abgeschlossen hatte, denn er leidet stark unter dem Jetlag, aber die Idee, alle Bruckner-Sinfonien aufzuführen, überzeugte ihn", erzählt Hirowatari im DW-Gespräch.

Werbetafel für Barenboims Bruckner-Zyklus in einer Tokioter U-Bahnstation (Foto: DW/Jürgen Liebing)
Werbung für den Bruckner-Zyklus in Tokioter U-BahnstationBild: DW/J.Liebing

Publikum feiert Bruckner-Zyklus

Der Romantiker Bruckner, der ein glühender Verehrer von Richard Wagner war und der es bei seinen Zeitgenossen mit seinen überbordenden sinfonischen Werken zu Lebzeiten schwer hatte, wird auch heute noch zumeist auf zwei oder drei seiner Sinfonien reduziert. "Uns war klar, dass das ein solcher Zyklus ein Risiko ist", sagt Shintaro Tanaka, einer der Veranstalter. Doch das japanische Publikum ist begeistert – von Bruckner und von Barenboim: Nach den Konzerten dankt es nicht nur mit einem zwanzigminütigen Applaus und Standing Ovations, es stehen auch dutzende Klassik- und Barenboim-Fans am Bühnenausgang in einer Tiefgarage und warten geduldig in einer Schlange auf den Maestro. Der wiederum gibt ebenso geduldig Autogramme.

Bei einer Probe, der diejenigen beiwohnen durften, die Karten für alle neun Konzerte erworben hatten, erklärt Daniel Barenboim, warum er sich für die chronologische Abfolge der Bruckner-Sinfonien entschieden hat. Dabei, so der Dirigent, könnten sowohl das Publikum als auch die Musiker die kompositorische Entwicklung Bruckners nachvollziehen, es sei also eine gemeinsame Reise. "Wenn man zwei oder drei Sinfonien Bruckners erlebt, hört man die Gemeinsamkeiten – wenn man aber den kompletten Zyklus hört, erkennt man auch die Unterschiede."

Staatskapelle Berlin im Konzertsaal (Foto: DW/Jürgen Liebing)
Staatskapelle Berlin während der Proben im Konzertsaal der Suntory Hall in TokioBild: DW/J. Liebing

Europäische Klassik: Aus vielen Gründen beliebt

Dass die klassische Musik aus Europa in Japan so beliebt ist, erklärt die japanische Dolmetscherin Akiko Matsuda, die schon Herbert von Karajan, Carlos Kleiber und andere große Dirigenten betreut hat, damit, dass der schulische Musikunterricht nach dem Zweiten Weltkrieg ganz auf westliche Musik umgestellt worden sei. Japans reiche Musiktradition sei hingegen fast verschüttet worden. Erst allmählich erinnere man sich wieder an die rituelle höfische Musik Japans.

Professor Hirowatari verlegt den Beginn der Liebe der Japaner zur westlichen Klassik ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts. Während der Meiji-Revolution, einer Revolution von oben, öffnete sich das bislang abgeschottete Japan dem Westen, primär aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch kulturell. Die ersten Lehrer für klassische Musik kamen aus Deutschland, und so wurde dieses Land zu einem Vorbild.

Büste des Komponisten Anton Bruckner (Foto: dpa)
Der Österreicher Anton Bruckner zählt zu den innovativsten Sinfonikern des 19. JahrhundertsBild: picture-alliance/dpa

"Die Japaner lieben deutsche und österreichische Klassik, weil sie so emotional ist", meint wiederum Matthias Glander, Solo-Klarinettist der Berliner Staatskapelle. "Schließlich ist der Alltag hier ja außerordentlich reglementiert."

Klassische Konzerte ohne Husten und Räuspern

Daniel Barenboim, der schon sechzehn Mal in Japan gastierte, sowohl als Pianist als auch als Dirigent, feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Japan- Jubiläum. Er lobt die Ernsthaftigkeit und Aufmerksamkeit, mit der sich das japanische Publikum der Musik widme. Hier sei ein Respekt vorhanden, der in Europa mittlerweile eher selten anzutreffen sei. Tatsächlich lauscht das Publikum hoch konzentriert und mucksmäuschenstill. Wer erkältet ist, geht zum Arzt und nicht ins Konzert.

Nach dem Schluss der 9. Sinfonie Bruckners will der Applaus nicht enden. Für Bruckner ist es der "Abschied vom Leben", für die Staatskapelle Berlin der Abschied von Tokio.