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Wie die Jagger-Bibliothek wiederentsteht

Christine Lehnen
31. Mai 2021

Nach dem Feuer in der Jagger-Bibliothek in Kapstadt versuchen Restauratorinnen zu retten, was zu retten ist. Die DW hat mit zweien von ihnen gesprochen.

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Verbrannte Bücher liegen in der am 18.04.2021 von einem Großfeuer zerstörten Jagger-Bibliothek der Universität von Kapstadt
Schutt und Asche: Das Feuer in der Jagger-Bibliothek hat viele Bücher zerstörtBild: Lerato Maduna/UCT/dpa/picture alliance

Es war früher Morgen, als Tina Löhr Ende April am Flughafen von Kapstadt landete. Fünf Tage zuvor hatte die Diplom-Restauratorin noch nicht die leiseste Ahnung davon, dass sie an diesem Tag nach Südafrika reisen würde.

Tina Löhr lebt und arbeitet in Köln, sie ist spezialisiert auf die Rettung von Papier: antike Bücher, alte Dokumente, historische Pläne. Unter anderem war sie an der Bergung der Schätze des Kölner Stadtarchives beteiligt, das 2009 in Folge von Bauarbeiten eingestürzt ist. 

Am 20. April erfuhr sie aus den Nachrichten, dass - rund 10.000 Kilometer von Köln entfernt - eine der bekanntesten und kostbarsten Bibliotheken des afrikanischen Kontinents in Flammen stand: die Jagger-Bibliothek der Universität Kapstadt. In dem Moment, als sie die Bilder Brandes in den Medien sah, wusste sie, dass sie helfen musste.

Zwei Feuerwehrleute stehen am Fenster der Jagger-Bibliothek in Kapstand und gucken in die Flammen.
Das Entsetzen war groß: Im April 2021 stand die Jagger-Bibliothek in Kapstadt in FlammenBild: Nardus Engelbrecht/AP Photo/picture alliance

Nur wenige Fachleute für die Restaurierung

Tina Löhr nahm Kontakt zu einem Kollegen auf. Vor zwanzig Jahren hatte sie in Südafrika in der Stadt Durban ein Praktikum bei Dale Peters, einem Restaurator, absolviert. Sie fragte, ob sie gebraucht werde. Peters' Antwort lautete: Ja, unbedingt. "Du weißt selbst, wie wenig Restauratoren wir haben."

Fünf Tage später stand Tina Löhr in Kapstadt . Zwei Stunden nach ihrer Ankunft wurde sie von einer Kollegin Mary Minicka abgeholt. Auch sie ist Restauratorin und ebenfalls spezialisiert auf Papier. Tina Löhr und Mary Minicka waren nun die einzigen beiden Papierrestauratorinnen in der Jagger-Bibliothek - oder dem, was davon noch übrig geblieben ist. 

"Ich habe direkt mitangepackt. Da wurde nichts groß besprochen, kein Lageplan gemacht. Ich kam an, wurde vorgestellt und habe mir Arbeit gesucht", erzählt Tina Löhr im Telefoninterview mit der DW. Fachleute und Freiwillige in Kapstadt waren zu dem Zeitpunkt schon einige Tage mit den Bergungsarbeiten beschäftigt, die Abläufe gut organisiert.

Im Lesesaal war nichts mehr zu retten

Vor Ort herrschte gute Stimmung, erzählt Tina Löhr. "Alle waren total engagiert, jeder hat Einsatz gezeigt. Es sind nicht alle geschockt durch die Gegend gelaufen. Alle haben einfach überall versucht zu helfen." 

Das hebt auch Mary Minicka hervor, die als Restauratorin in den Cape Archives in Kapstadt arbeitet. "Es war eine wunderbare Erfahrung: Es gab diese gigantische Welle der Unterstützung. Wissenschaftler, Kulturschaffende, Kirchengemeinden, Kadetten... Es war erstaunlich zu sehen, wie viele verschiedene Menschen bereit waren zu helfen."

Die Universität Kapstadt liegt vor dem Hintergrund des Tafelberges, der hoch hinter dem weißen Gebäude mit klassizistischer Fassade aufragt
Die Universität Kapstadt liegt am Fuße des Tafelberges, wo der Buschbrand am 18. April 2021 zu wüten begannBild: picture-alliance/imagebroker/K. F. Schöfmann

Das Feuer war am 20. April im Dachstuhl des Lesesaals der Jagger-Bibliothek der Universität Kapstadt ausgebrochen. Auslöser war ein Buschbrand, der bereits seit dem 18. April gewütet hatte. Der Lesesaal der Bibliothek und alles, was darin war, fiel den Flammen zum Opfer. "Da ist nichts mehr übrig geblieben außer ein paar verkohlten Büchern. Die sind dann auch nicht mehr zu retten", berichtet Tina Löhr. 

Erste-Hilfe-Maßnahme bei Wasserschäden: einfrieren

Anders sah es im Keller aus, der unter dem Lesesaal liegt. Dort waren die Restauratorinnen gefragt. "Wir mussten das, was noch da war, so schnell wie möglich aus dem Wasser holen", erklärte Tina Löhr. "Das Löschwasser ist aus dem Lesesaal im Erdgeschoss in den Keller gelaufen, dort lagerten die ganzen Bestände, in ganz normalen Archivregalen oder Schränken und da stand jetzt Wasser. Innerhalb von ein paar Tagen beginnt das zu schimmeln, deshalb muss man die Bücher da so schnell wie möglich rausholen."

Diese Aufgabe übernahmen Teams von Freiwilligen. Oben stand Tina Löhr und entschied mit: Was passiert mit diesem Objekt? Wie durchnässt ist es? Kann es an der Luft trocknen? Muss es eingefroren werden?

"Das ist die erste Hilfe bei Wasserschäden. Damit erkauft man sich Zeit", so Löhr. Die Universität hatte bereits Schiffscontainer aufgebaut, die als Kühllager fungierten. "Wissen, wo man Dinge einfrieren kann, das gehört zu jedem Notfallplan in einem Archiv dazu."

Was kann man retten?

Besonders wertvolle Stücke waren für Tina Löhr die ersten historischen Bebauungspläne von Kapstadt. Sie hielt auch einen ganzen Reisekoffer in der Hand, vollständig durchnässt, in dem Skizzen und Zeichnungen eines Künstlers aufbewahrt worden waren.

Tina Löhr, Kölner Diplom-Papier-Restauratorin, arbeitet an einem Buch, das am 18.04.2021 bei einem Großfeuer in der Jagger-Bibliothek der Universität von Kapstadt in Mitleidenschaft gezogen wurde
Diplom-Papier-Restauratorin Tina Löhr bei der ArbeitBild: Tina Löhr/dpa/picture alliance

Die wichtigsten Stücke brachte sie in das Restaurationszelt, in dem Mary Minicka sich daran machte, die Papiere zu retten. Kolleginnen und Kollegen aus den Vereinigten Staaten und den Niederlanden standen mit Rat in einer Online-Gruppe zur Seite. Von einem Buch, das sie erhielt, war Mary Minicka besonders beeindruckt: "Die Universität hat mich darum gebeten, nicht das Buch zu retten, sondern es als Objekt instand zu halten, als Ausstellungsstück. Sie wollen in Zukunft eine Ausstellung aus dem Ereignis und der Unterstützung aller Gesellschaftsschichten machen." 

Nach einer Woche musste Tina Löhr wieder abreisen. "Ich bin mit einem guten Gefühl gefahren", berichtet sie, denn die Bergung wurde schon wenige Tage nach ihrer Abreise abgeschlossen. Nun geht es darum, weiterzuplanen: Wie kann man die Sammlung wieder aufbauen?

Grund zu Optimismus

"Das wird drei bis vier Jahre dauern", meint Löhr. "Es kommt natürlich auch auf die Kapazitäten an. Wenn dort nur eine Restauratorin sitzt, dann kann das auch sechs, sieben Jahre in Anspruch nehmen. Wenn man ein paar Studierende aus Europa zum Praktikum nach Kapstadt einlädt, kann es schneller gehen."

Gesammelte Bücher aus dem feuchten Keller der nach einem Großfeuer zerstörten Jagger-Bibliothek der Universität von Kapstadt liegen auf einem Tisch.
Löschwasser hat viele Bücher angegriffen - sie müssen nun trocknen und Stück für Stück restauriert werdenBild: Tina Löhr/dpa/picture alliance

Mary Minicka bestätigt im Videogespräch mit der DW aus ihrem Zuhause in Kapstadt, dass ihres Wissens  der Wiederaufbau des Archivs dazu genutzt werden soll, mehr Restauratorinnen und Restauratoren in Südafrika auszubilden. "Unser Berufsstand soll größer werden. So kann aus dieser schrecklichen Katastrophe noch etwas Nützliches erwachsen."

Manches ist für immer verloren

Und doch sind auch Teile des Bestandes der Bibliothek für immer verloren. "Diese Sammlung war eine der ältesten, wenn nicht die älteste, in Südafrika. Deswegen ist davon auszugehen, dass hier ein Zugang zur Vergangenheit verloren gegangen ist, der durch keinen anderen Ort ersetzt werden kann", sagt Mary Minicka. 

Und das Papier? "Alle Sachen, die nass sind, und die im Keller waren, sind zu retten", versichert Tina Löhr, die bald nach Südafrika zurückkehren möchte, um dort wieder zu helfen. "Da ist nichts dabei, wo ich sagen würde: Das kriegt man nicht mehr hin."