Burkini-Debatte: "Mode ist immer politisch"

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19.06.2017

Bikini oder Burkini?

Bikini, Tanga oder FKK? Wenig Stoff ist in der Bademode kein Thema mehr. Der Burkini erhitzt heute die Gemüter. Warum schon immer über Frauenmode gestritten wurde, erklärt Modetheoretikerin Barbara Vinken im DW-Gespräch.

DW: Für die einen ist der muslimische Ganzkörper-Badeanzug ein Symbol für die Unterdrückung der Frau, für die anderen ein Kleidungsstück, das muslimischen Frauen erlaubt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wie sehen Sie das?

Barbara Vinken: Ich glaube, das Problem ist, dass im Moment in Europa oder überhaupt im Westen dieser Krieg um die Verschleierung tobt. Um die Frage, wie und welche Teile des weiblichen Körpers gezeigt werden dürfen. Und natürlich ist der Burkini dann in diese Richtung rezipiert worden. 

Ich habe kürzlich das olympische Beach-Volleyballturnier gesehen und da war die ägyptische Mannschaft vollverschleiert, also im Burkini. Und die Gegenmannschaft, die deutschen Frauen, die spielten in ziemlich kleinen Bikinis. Man kann sich ja wirklich fragen, warum man Volleyball im Bikini spielen muss. Ich finde das eine ganz witzige Art, nochmal zu überlegen, warum wir was wann wie machen.

Wie passt der Burkini in die Entwicklung der Bademode in Deutschland?

Der Burkini kommt ja nicht direkt aus der Bademode, sondern in gewisser Weise aus der Funktionsmode. Er wurde in Australien erfunden, damit die Schwimmerinnen, die islamischen Glaubens sind, auch Rettungsschwimmer werden können. Das ist eine klassische Funktionsmode. Ich persönlich sehe den Burkini in der Tradition dieser Ganzkörper-Neoprenanzüge.

Und natürlich auch - gerade was jetzt Australien angeht - in dieser Tendenz, die ja in Amerika auch ganz stark ist, dass man auf gar keinen Fall mehr Sonne an seine Haut lassen will. Und dass es deswegen eine Tendenz gibt, entweder in Kleidern oder in T-Shirts oder jedenfalls mit einem bedeckten Körper zu baden. Ich glaube, dass der Burkini eigentlich eher in diese Richtung geht. Diese Vorstellung, dass Sonne schön ist, dass man sich ihr aussetzen kann - diese Vorstellung ist schon so ziemlich an ihr Ende gekommen. Manche Leute gehen - fast schon phobisch - überhaupt nicht mehr in die Sonne.

Was halten Sie persönlich vom Burkini?

Ich habe diese Sonnen-Phobie nicht, ich bade ganz gerne im Bikini. Das gefällt mir gut. Mich stört der Burkini allerdings auch nicht. Mir ist das ziemlich egal. Ich finde allerdings schön, was man jetzt in Frankreich oft an den Stränden sieht: Dort haben die Leute keinen Burkini, der ist ja nicht so attraktiv eigentlich, sondern die haben manchmal so weite Schleier-Badeanzüge, so weite Schleier-Gewänder, mit denen sie auch ins Wasser gehen. Das ist natürlich sehr poetisch und sieht sehr schön aus.

Wie ist Mode mit politischen Debatten verknüpft?

Eigentlich ist Mode immer politisch. Ich habe vor kurzem ein fantastisches Bild aus den, ich glaube, 1950er Jahren gesehen: Da zwingt die Polizei an einem französischen Strand die Damen dazu, beim Bikini-Tragen den Nabel zu bedecken. Und jetzt das Bild in Nizza, wo die Polizei eine Dame, die am Strand liegt, dazu zwingt, ihr T-Shirt auszuziehen. Ich würde sagen, der Staatskörper, die Gesetze, die Vorschriften haben immer sehr stark - und interessanterweise immer mehr auf den Frauenkörper als auf den Männerkörper zugegriffen.

Auch hier in Deutschland, gab man sich nicht immer so freizügig wie heute. Bis in die 1920er Jahre hinein gingen Frauen auch hierzulande nur baden, wenn sie von Kopf bis Knöchel bedeckt waren. Wie kam es zu der kulturhistorischen Entwicklung?

In der Moderne ist der Hauptunterschied, den die Mode konstruiert, der zwischen "erotisch markiert weiblich" und "erotisch unmarkiert männlich". Dazu kam, dass die erotischen männlichen Zonen - das waren die Beine und der Po - auf die Frauen übertragen wurden und der Hauptfokus auf ihnen lag.

Die Entwicklung der Bademode folgt diesem Trend: Man sieht immer mehr vom Körper und immer weniger Stoff. Miniröcke, immer mehr und immer nacktere Beine - was früher auch vollkommen undenkbar war. Wir gehen mit der Moderne auf eine Entblößung des Frauenkörpers zu, die das ostentative Zeigen der körperlichen Schönheit übernimmt.

Viele betrachten die Freiheit des weiblichen Körpers in der westlichen Kultur als eine Errungenschaft der Moderne - und sehen im Burkini eine Art Bedrohung dieser Errungenschaften der Frauen- und Freiheitsbewegung. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube, die Frauenbewegung hat nur ganz selten daran gearbeitet, dass die Röcke kürzer werden und die Dekolletés tiefer. Sie hat eher daran gearbeitet, dass es nicht zu einer Gleichsetzung kommt zwischen Ware und Weiblichkeit, dass es nicht zur Verdinglichung des weiblichen Körpers kommt, dass es nicht zu seiner Kommerzialisierung kommt in Richtung Pornographie.

Ich würde jetzt nicht unbedingt sagen, dass das in Form des Bikini geschieht - aber ganz sicher ist das ein Problem, das gerade an die Mode herangetragen worden ist. Mode ist ja eher selten als eine feministische Errungenschaft betrachtet worden - wenn man einmal von Coco Chanel absieht. Da gibt es wenig Modeschöpfer, von denen die feministische Bewegung sagen würde, dass es hier um eine Befreiung oder so etwas geht. 

Aber der Bikini war damals für viele Frauen auch ein Symbol für Befreieung, Selbstbewusstsein und Weiblichkeit.

Es ist ja nicht so, dass wir darüber reden, den Bikinis abzuschaffen. Also ich glaube, wenn wir jetzt überlegen würden, ob wir wieder eine Rocklänge vorschreiben oder ob wir wieder das Bedecken der Haare vorschreiben oder ob wir jetzt sagen, an den Stränden darf man nicht mehr im Bikini rumlaufen... das ist ja aber nicht der Fall.

Viele westliche Designer wie Dolce & Gabbana oder Sporthersteller wie Nike setzen auf Muslim Fashion. Sind das Komplizen einer Diktatur oder schaffen sie eine positive Konnotation von Religion und ermöglichen Teilhabe?

Ich finde bedauerlich, dass die Frauen sowohl in Europa als auch in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran gezwungen werden: Bei uns werden sie - etwa in der Schule - gezwungen, den Schleier abzulegen. In Saudi-Arabien werden sie gezwungen, sich zu verschleiern. Ich finde eigentlich, dass man in der Mode nicht mit Gesetzen und Zwang arbeiten sollte. Zumal ja auch viele junge Frauen, die Schleier tragen - etwa junge türkische Mädchen in Berlin - ihn ganz klar als Modeaccessoire für sich beanspruchen. Man kann die Leute nicht immer so entmündigen und ihnen alles vorschreiben. Man muss auch mal hören, was die damit wollen und was die tun. Das finde ich sinnvoller. 

Klar, es ist natürlich gefährlich, wenn das den Mädchen von zu Hause vorgeschrieben wird. Aber interessanterweise sprechen die meisten Studien, die ich gelesen habe, nicht für diese Praxis in Deutschland. Die sprechen eher dafür, dass das Kopftuch angezogen wird als ein gewisser Akt des Protests. Als ein Akt der Selbstbehauptung, als ein Akt auch dagegen, was viele Leute als "Weiblichkeit als Konsumgut" begreifen. Diese Debatte über Stoffe auszutragen, würde ich eigentlich ganz witzig finden.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Kokett und unpraktisch

Die ersten Badekleider für die Damenwelt und Ganzkörperanzüge für die Herren kamen im 18. Jahrhundert auf. Gebadet wurde in Badezeug aus dicken Woll- und Baumwollstoffen, die im Wasser extrem schwer wurden und nur langsam trockneten: alles streng nach Geschlechtern getrennt. Erst am Strand durfte man sich wieder miteinander verlustieren. In den Volksbädern wurde die Trennung später aufgehoben.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Schwimmanzüge

Mit dem Beginn des Tourismus Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Badeausflüge an die See in Mode. Die Badeanzüge waren jetzt schon etwas enger, erste Modelle aus elastischem Trikotstoff kamen auf. Die Bademützen hatten noch Hütchen-Charakter und sollten vor der Sonne schützen. Ganzkörper-Badeanzüge, wie hier 1910, gab es für Männer und Frauen.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Bubikopf und Lippenstift

Die wilden Zwanzigerjahre ("The Roaring Twenties") brachten der Bademode endlich mehr modischen Schick: kleine Lackgürtel, goldene Knöpfe oder glitzernde Pailletten machten die Schwimmanzüge ausgesprochen glamourös. Die Stoffe wurden in dieser Zeit eng um den schmalen Körper geschneidert, in großen Größen waren diese Modelle nicht lieferbar.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Skandalöses Stückchen Stoff

Vier kleine Dreiecke, zusammengehalten von dünnen Schnüren - weniger geht kaum. Am 5. Juli 1946 stellt sich die Striptease-Tänzerin Micheline Bernardini in einem Pariser Schwimmbad vor die Kameras und präsentiert den ersten Bikini, entwickelt ausgerechnet von einem Maschinenbauingeniur. Der Franzose Louis Réard ahnt noch nicht, dass er damit ein Kleidungsstück für die Ewigkeit geschaffen hat.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Rutschfestes Röckchen

In den 1950er-Jahren feiern in den USA bunte Hollywoodfilme mit Schwimmerinnen Riesenerfolge. "Aqua Maids" zeigen Wasserballett und Artistik auf Wasserskiern. Hier kühlen sich zwei Badenixen ab - wie man sieht, sind die Bikini-Oberteile knapp und sehen rutschgefährdet aus, doch untenrum ist viel Stoff. Das scheint auch bei 50 km/h zu halten. Die sportliche Bikini-Variante der 50er-Jahre.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Schwimmender Superstar

Das berühmteste "Aqua-Maid" war die Olympia-Schwimmerin Esther Williams. Wegen des Zweiten Weltkrieges hatte die Leistungssportlerin nicht an den Olympischen Spielen 1940 teilnehmen können und verdiente als Schauspielerin und attraktive Badenixe ihr Geld. Ihre Karriere ("Badende Venus", "Neptuns Tochter") war rasant, sie zählte später zu den reichsten Frauen Hollywoods.

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Marilyn Monroe als Pin-up

Die berühmten Kurven des amerikanischen Filmstars Marilyn Monroe kamen im Badeanzug am besten zur Geltung. Ihre ersten Erfolge vor der Kamera hatte sie in den 40er-Jahren als Model für den berühmten Pirelli-Kalender (Foto oben). Anschließend machte sie als Filmschauspielerin Karriere in Hollywood.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Adrette Miss Germany

Bei den Misswahlen in den 50er-Jahren ging es sehr brav zu: Der Jury kam es nicht nur auf den Körper an. Geschiedene Frauen beispielsweise durften am Wettbewerb nicht teilnehmen. Die äußere Erscheinung der Kandidatinnen, hier 1956, wurde dezent durch hochhackige Schuhe und körperbetonte Badeanzüge unterstützt. Die Frisuren waren damenhaft in Wellen gelegt - fürs Schwimmen nicht geeignet.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Geometrische Muster

Nachdem die Pop Art nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa Furore machte, verwendeten auch die Modeschöpfer abstrakte und geometrische Muster: "Op-Art" nannte sich diese Stilrichtung in den 60er-Jahren. Einer der bekanntesten Modeschöpfer war der Franzose André Courrèges, der konstruktivistische Muster auch für Bademode verwendete. Zu sehen sind hier Modelle aus einer Berliner Kollektion.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Badekappen-Kunst

In den 60er-Jahren waren blumig-kreative Badekappen hochmodern: für Damen wie Gina Lollobrigida, hier im Bild mit Filmpartner Sean Connery, ein absolutes Muss. Neben damenhaften Badeanzügen mit vorgefertigten Körbchen gehörte die wasserabweisende Gummikappe in jede Badetasche. Männer durften die luftigere Sport-Variante tragen, um das Badebecken vor Haarausfall zu schützen.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Mode vom Malibu-Beach

Die amerikanische TV-Serie "Baywatch" hat Bademoden-Geschichte geschrieben. Die am Bein extrem hoch geschnittenen Badeanzüge der "Baywatch-Girls" wurden Anfang der 90er-Jahre weltweit Mode. Hauptdarstellerin Pamela Anderson sorgte mit ihren Kurven noch einmal für eine extreme Verknappung des leuchtend roten Stoffes. Die Kult-Serie wurde in 144 Ländern ausgestrahlt.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Da bleibt James Bond die Luft weg

Als Ursula Andress 1962 im knappen Zweiteiler dem Meer entsteigt, klappt bei Kinobesuchern und Moralwächtern die Kinnlade runter. Auch James Bond (Sean Connery) muss auf der "Jagd nach Dr. No" kurz innehalten. Dasselbe geschieht Pierce Brosnan als James Bond in "Stirb an einem anderen Tag" 40 Jahre später nochmal: Halle Berry taucht in einem ähnlichen Modell aus dem Meer auf.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Bikini, Badeanzug oder Tankini?

Die große Frage für alle Bademoden-Designer: Wie viel Stoff darf sein? Die Grenzen zwischen einem Bikini und einem einen Hauch mehr verhüllenden Badeanzug sind fließend. Immer beliebter aber werden die Tankinis: Oben wie ein Tank-Top, unten mit Hose. Das ist figurschmeichelnd und eine tolle Alternative für Frauen, die ihren Bauch nicht zeigen wollen und trotzdem auf Zweiteiler stehen.

Bademode: Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Burkini: Schutz gegen Sonne

Dieses Foto entstand an einem australischen Strand. Dort und in Neuseeland legt man sich nicht mehr in die pralle Sonne. Am Strand verhüllen sich auch Nicht-Muslime zum Schutz gegen die aggressive Strahlung. An der französischen Riviera dagegen werden Burkinis nicht geduldet, auch nicht in vielen deutschen Badeanstalten. Das Burkini-Verbot ist höchst umstritten.