BVB-Talent Moukoko: das nächste "Wunderkind"?

Dortmunds U17-Spieler Youssoufa Moukoko hat einen Vertrag mit Nike, der ihm zehn Millionen Euro bringen könnte. Ein riskanter Deal mit einem erst 14-Jährigen, denn dessen Erfolg als Profi ist alles andere als garantiert.

Bei der Schlagzeile "Borussia Dortmunds Star unterzeichnet Sponsoring-Vertrag über 10 Millionen Euro" würden normalerweise wohl nur wenige zweimal hinschauen. Doch wenn der Deal mit dem erst 14-jährigen Youssoufa Moukoko ein Kind betrifft, bekommt er natürlich schlagartig viel mehr Aufmerksamkeit.

Bereits im Jahr 2003 war der erst 13 Jahre alte Freddy Adu auf ähnliche Weise wie Moukoko ins Rampenlicht gerückt, als er einen mehrjährigen Vertrag mit Nike im Wert von einer Million US-Dollar unterzeichnet hatte. Das US-Supertalent war auf diese Weise bereits ein Star geworden, bevor Adu überhaupt Profi geworden war. Er verdiente schon als Teenager drei Millionen US-Dollar im Jahr.

Ex-US-Wunderkind Freddy Adu

Adu wurde als das Gesicht der Major League Soccer und des US-Nationalteams vermarktet, zu einer Zeit, in der eine Werbefigur mit größtmöglicher Langlebigkeit gefragt war. Heute ist Adu ein Paradebeispiel für fast alles, was schiefgehen kann. Nach gerade einmal 195 Einsätzen in 14 Profi-Jahren bei insgesamt 14 verschiedenen Klubs ist Adu heute mit 29 Jahren - eigentlich im "besten Fußballeralter" - ohne Verein. Zuletzt kickte er für die Las Vegas Lights in der USL Championship, einer Art zweiten Liga in den USA.

"Sie können sagen 'Oh, ich hatte viel zu viel zu einem viel zu frühen Zeitpunkt' oder was Sie wollen. Aber am Ende des Tages müssen wir alle irgendwann erwachsen werden", sagte Adu im Internetportal "Goal USA" im Jahr 2016. "Ich habe viele Jahre meiner Karriere verschwendet, weil ich nicht genug Zeit so investiert habe, wie ich es hätte tun sollen: für den Sport."

Sport | 04.05.2019

Dortmunder Jugend-Multimillionär

Sportlich lässt sich nicht bestreiten, dass Youssoufa Moukoko das Label "Wunderkind" verdient. Mit zwölf Jahren sorgte er erstmals für Schlagzeilen und konnte sich gegen Gegner durchsetzen, die drei Jahre älter waren als er selbst. Als 14-Jähriger spielt er momentan für die U17 des BVB und hat mit 76 Toren aus 50 Spielen eine herausragende Bilanz. Moukoko ist in Kamerun geboren. 2014 holte ihn sein Vater zu sich nach Hamburg, wo Youssoufa für den Nachwuchs des FC St. Pauli kickte. Seit 2016 spielt er für den BVB, hat neben der kamerunischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft und läuft für die U16 des DFB auf. Schon jetzt eine Karriere wie vom Reißbrett.

Es läuft für Youssoufa Moukoko: Mit dem BVB gewann er 2018 die deutsche B-Jugend-Meisterschaft

Doch angesichts der Tatsache, dass Moukoko erst im November 2020, wenn er 16 Jahre wird, für Dortmunds erste Mannschaft spielberechtigt ist, war auch der BVB vom lukrativen Nike-Deal, der aufgrund erfolgsabhängiger Prämien auf bis zu 10 Millionen Euro steigen könnte, nicht restlos begeistert. "Ich würde keine weitreichende Prognose abgeben, weil er viel zu jung ist, um das valide ausdrücken zu können.", sagte der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc. "Er ist ein hervorragendes Talent und schießt Tore am Fließband - und das in einer höheren Altersklasse, aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis er auf professioneller Ebene angekommen ist. Deshalb möchte ich die Diskussion um seinen Wert nicht weiter anfachen."

Der Umgang mit dem Hype um die eigene Person ist selbst für die erfahrensten Profi-Fußballer eine schwierige Sache. Noch schwieriger wird es, wenn man bedenkt, unter welchem ​​Druck ein 14-Jähriger steht, wenn er sich als Profi durchsetzen will. Wenn der Hype zu groß wird, sind die Folgen häufig negativ.

Jugendtrainer als Gärtner junger Pflanzen

Die moderne Fußballkultur verändert sich. Heutzutage müssen die Spieler einen Balanceakt bewältigen, um sich als Marke zu etablieren, und gleichzeitig die Tugenden zu zeigen, auf die die Profiklubs heute verstärkt Wert legen. "Einstellung ist alles", sagte der Schalke-Jugendtrainer Norbert Elgert gegenüber der Zeitung "Reviersport". "Talent wird überschätzt. Talent ist Grundvoraussetzung, ohne Talent geht nichts, aber Talent stellt dich nur in die Tür. Charakter, Einstellung und Fleiß bringen dich hindurch."

Norbert Elgert hat schon viele Talente entwickelt, aber noch öfter erlebt, dass sich Top-Talente nicht durchsetzen

Elgert hat für die Jugendakademie von Schalke zahlreiche spätere Bundesligaspieler entdeckt, entwickelt und für den Profi-Fußball fit gemacht. Heutige Weltstars wie Manuel Neuer, Mesut Özil und Julian Draxler waren seine Schützlinge. Der 62-Jährige glaubt, dass sich der Aufgabenbereich eines Trainers in den vergangenen Jahren geändert hat und dass es jetzt um mehr als nur "Technik, Taktik und Körperlichkeit" geht. "Wir Trainer müssen ein bisschen wie Psychologen und ein bisschen wie Gärtner sein. Wir haben junge Pflanzen, und wir müssen ihnen beim Wachsen helfen", zieht Elgert einen Vergleich. "Es geht nicht nur darum, sie auf den Fußball vorzubereiten. Es geht darum, sie auf das Leben vorzubereiten und ihnen zu helfen, mehr als Fußballspieler zu werden."

Zwischen Marketinginstrument und Neidobjekt

Für Nike geht es einzig darum von Moukokos Potenzial möglicherweise eines Tage zu profitieren. Dafür nimmt der Konzern auch in Kauf, dass eine weitere vielversprechende junge Karriere scheitern könnte, wie im Fall Freddy Adu. "Meine Familie war wirklich arm", sagte der Amerikaner 2012 in einem seiner seltenen Interviews der BBC. "Meine Mutter hatte zwei oder drei Jobs, um meinen Bruder und mich über die Runden zu bringen. Wenn Nike dann kommt und dir einen Millionen-Dollar-Vertrag anbietet und die MLS dich mit 14 zum bestbezahlten Spieler machen will, dann kannst du nicht Nein sagen."

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Der in Ghana geborene Freddy Adu (l.) bestritt letztlich nur 17 Länderspiele für das US-Team

"Ich habe zu allem, was von mir verlangt wurde, Ja gesagt und am Ende viele Auftritte, viele Werbeaktionen und Interviews gemacht", so Adu weiter. "Das hat mir Zeit für den Fußball entzogen. Die Leute sahen mich eher als Marketinginstrument." Dazu kam noch der Neid der Mitspieler. "Viele der Männer in der Umkleidekabine ärgerten sich über mich, direkt vor meinen Augen und ganz offen", erinnert sich Adu. "Sie waren schon viel länger da und hatten viel investiert. Und dann kommt da ein 14-Jähriger und wird der bestbezahlte Spieler, das Gesicht der Liga. Sie haben mich wegen der unwichtigsten Kleinigkeiten angebrüllt."

Sportliches Talent allein reicht nicht

BVB-Talent Youssoufa Moukoko räumt ein, dass "die letzte Saison schwierig war, mit all den Geschichten, die sich außen herum abspielten." Es gebe jedoch genügend Leute, die dafür sorgten, dass er nicht die Bodenhaftung verliere. "Mein Trainer Sebastian Geppert, Lars Ricken [der BVB-Jugendkoordinator - Anm. d. Red.], mein Vater und mein Agent haben alle sehr viel mit mir gesprochen. Ich kann ja auch nichts dafür, dass alles so gut läuft."

Die harte Realität bleibt jedoch: Die überwiegende Mehrheit der zahlreichen aufstrebenden Talente wird das Top-Level ihres Sports niemals erreichen. Moukoko muss sich nur die Beispiele der vermeintlichen Supertalente Samed Yesil (einst beim FC Liverpool, heute beim Drittligisten KFC Uerdingen) oder Sinan Kurt (einst beim FC Bayern und Hertha BSC, heute beim österreichischen Zweitligisten WSG Wattens) ansehen, um zu verstehen, wie tückisch und steinig der Weg ist, den er gerade beschreitet.

Kann Moukoko seine fußballerische Qualität steigern - trotz des Hypes um ihn, trotz all jener, die von ihm als möglichem nächsten "Fußball-Wunderkind" profitieren wollen? Die Entscheidung von Nike birgt für alle Beteiligten Risiken. Zahlt sie sich auf lange Sicht nicht aus, könnte sie zum Präzedenzfall für eine bereits jetzt sehr sprunghafte Jugendkultur im modernen Fußball werden. Behauptet sich dagegen der 14-Jährige, wird es der Beleg dafür sein, dass Moukoko nicht nur sportlich auf höchstem Niveau erfolgreich sein kann, sondern darüber hinaus auch über die nötigen charakterlichen Eigenschaften verfügt.