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PolitikEuropa

Linz: Kein "österreichisches Gütersloh"

Robert Schwartz
11. Juli 2020

Weil es immer mehr Corona-Neuinfektionen gibt, herrscht in Linz und ganz Oberösterreich erneut Maskenpflicht im öffentlichen Raum. In Schlachthöfen werden Massentests durchgeführt, um Schlimmeres zu verhindern.

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Österreich Linz Hauptplatz mit Pestsäule
Linz - Hauptplatz mit DreifaltigkeitssäuleBild: DW/L. Pitu

Linz an der Donau - drittgrößte Stadt Österreichs, viel Industrie und eine idyllische Innenstadt. Die Terrassen am mittelalterlichen Hauptplatz sind - bei aller sozialen Distanz - gut besucht, auch Einkaufen scheint nach dem langen Corona-Lockdown wieder Spaß zu machen. Und dann kommt plötzlich die neue Verordnung: Maskenpflicht in der Landeshauptstadt und im gesamten Bundesland Oberösterreich.

Rund ein Dutzend neuer Fälle in vier Schlachthöfen und ein sogenanntes "Freikirchen-Cluster" - Infektionen bei Mitgliedern einer rumänischen Bekenntniskirche - hätten diesen Schritt erforderlich gemacht, erzählt Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ) im DW-Gespräch. Aber "von der Dimension und für die Auswirkung in den Bezirken ist das nicht vergleichbar mit dem, was wir in Gütersloh und Umgebung gesehen haben", so Luger.

Bürgermeister von Linz: "Zweite Welle verhindern!"

Auch die Landeshauptmann-Stellvertreterin Christine Haberlander (ÖVP) weist jeden Vergleich mit der Fleischindustrie in Deutschland weit von sich. Bei den Betrieben in Linz und Umgebung seien es Einzelfälle gewesen, heißt es in einem Antwortschreiben auf eine Anfrage der DW. Ein Video-Interview lehnte Haberlander "aus terminlichen Gründen" ab.

"Die österreichischen fleischverarbeitenden Betriebe sind mit jenen in Deutschland nicht zu vergleichen", so die oberösterreichische Vize-Regierungschefin. Ein durchschnittlicher Schlachthof in Österreich habe 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in Deutschland liege die Zahl bei 8.000. Diese kleineren Strukturen seien ein Vorteil im Kontaktpersonenmanagement. Nach Bekanntwerden der Fälle sei es zu keinem weiteren Anstieg in den Betrieben gekommen, heißt es in dem Schreiben weiter.

Spürbarer Unterschied

Andrei C. ist einer der vielen südosteuropäischen Arbeitnehmer in der österreichischen Fleischindustrie. Er kommt aus Rumänien und hat vor fünf Jahren in einem Betrieb in Deutschland, im Schwarzwald, unweit der Donauquelle, gearbeitet. Die Donau habe ihn bis nach Linz gebracht, scherzt er gleich am Anfang des Gesprächs auf einem Parkplatz eines großen Einkaufzentrums am Linzer Stadtrand. Ein Video-Interview lehnt auch er ab, das sei ihm nicht geheuer. Der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich sei schon spürbar, meint er. Die meisten Arbeitskräfte seien nicht über Subunternehmer beschäftigt, sondern hätten Direktverträge mit dem österreichischen Arbeitgeber. Auch Sammelunterkünfte habe er nicht erlebt. Nicht bezahlte Überstunden wie in Deutschland seien überhaupt kein Thema: "Es gibt kaum Überstunden, wir arbeiten in zwei Schichten, alles ist sehr gut organisiert", sagt Andrei und erzählt, dass vor allem Arbeitskräfte vom Westbalkan, aber auch aus Ungarn und Rumänien in den Betrieben beschäftigt sind. Alle Arbeiter seien nach dem Kollektiv-Vertrag bezahlt, der Stundenlohn liege bei 15 Euro, es gebe sogar einen 13. und 14. Monatslohn.

Coronavirus - Fleischindustrie
Auch in den österreichischen Schlachthöfen werden viele Arbeitskräfte aus Osteuropa beschäftigtBild: Imago Images/biky/M. Stepniak

Schwerstarbeit? Klar doch, die wolle sonst keiner hier machen. Aber solange der Lohn stimmt, sei alles in Ordnung. Ja, und Massentests in seinem Betrieb gebe es weiterhin, auf Kosten des Arbeitgebers. Angst vor Corona? Eigentlich nicht, die Behörden hätten alles im Griff. Linz sei eben kein "österreichisches Gütersloh".

Soziale Probleme "nicht so akut wie in Deutschland"

Der rumänische Verein RO-Start in Linz ist während der Corona-Krise eine zentrale Anlaufstelle für Menschen geworden, die wegen der neuen Lage verunsichert sind. "Viele Landsleute, die hier arbeiten, sprechen kein Deutsch und wollen zusätzliche Informationen von uns", sagt der Vorsitzende des Vereins, Christian Ludwig. Rumänen seien mittlerweile die größte Minderheit in der Region - 7.000 in Linz, 122.000 in ganz Oberösterreich. Der Ingenieur hat seine Heimat gleich nach der Wende vor dreißig Jahren verlassen, ist in der Linzer Zivilgesellschaft aktiv und arbeitet in einem großen Maschinenbaubetrieb. Er kennt die Probleme ausländischer Arbeitnehmer in der Fleischindustrie und glaubt, dass die prompten Maßnahmen eine Ausbreitung der Infektion verhindern konnten. Auch seien die sozialen Probleme nicht so akut wie in Deutschland. Sorgen bereiteten ihm allerdings die vielen Pflegekräfte, die inmitten der Corona-Krise mit Sonderzügen nach Österreich gebracht wurden.

Rund die Hälfte der 70.000 in Österreich tätigen Ganztags-Betreuerinnen kommen nach offiziellen Angaben aus Rumänien. "Diese Pflegerinnen haben einen 24-Stunden-Tag. Die wenigsten von ihnen kennen ihre Rechte. Das größte Problem sind Vermittler, die den Menschen nichts über ihre Rechte und Pflichten sagen." Viele dieser Kräfte seien in einer Form der Scheinselbständigkeit beschäftigt, das Risiko ihrer Ausbeutung sei hoch. Deshalb sei es wichtig, diesen Menschen alle  wichtigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Christian Ludwig und sein Team haben diese Aufgabe ehrenamtlich übernommen, der Zulauf ist größer geworden. Auch wegen Corona.

Altenpflege
"Die Pflegerinnen haben einen 24-Stunden-Tag"Bild: picture-alliance/dpa/O. Berg

Idyllische Abendstimmung auf dem Linzer Hauptmarkt. Die hell erleuchtete Pestsäule erhebt sich wie ein Mahnmal über die vollen Straßencafés und Terrassen. In ihrem Schatten suchen die Menschen einen Hauch von Normalität, die Maske griffbereit neben dem Tässchen Mokka oder einem "Gespritzten". Einen zweiten Lockdown will hier niemand.