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PolitikEuropa

Spanien: Ein Land auf Distanz

Stefanie Claudia Müller
31. Oktober 2020

Wegen der anhaltenden Corona-Pandemie werden auch die sonst so kontaktfreudigen Spanier seit Monaten auf Abstand gehalten. Die Restriktionen verändern die Gesellschaft.

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Corona in Madrid
Bild: picture-alliance/Geisler-Fotopress

Belén Agüí steht sinnbildlich für das, was Ausländer unter spanischer Lebensfreude verstehen. Die 51-jährige Mutter liebt es, sich in Madrid mit Freunden in Restaurants zu treffen. Das ist seit Monaten nur noch bedingt möglich. Der harte Lockdown von Mitte März bis Mitte Mai war wie ein psychologisches Experiment für sie. Jetzt dürfen offiziell zumindest sechs Leute zuhause oder in der Bar am Tisch sitzen, aber seit neuestem herrscht von Mitternacht bis sechs Uhr morgens Ausgehverbot. Damit werden auch ihre jugendlichen ausgehfreudigen Kinder zuhause gehalten. Die "botellones", die für Spanien üblichen Trinkgelage auf der Straße, gelten als einer der Hauptgründe für die immer noch steigenden Infektionszahlen in Spanien.

Spanien | Coronavirus - Maskenpflicht im Freien
Masken und Abstand statt Feiern und Küsschen - Madrid im Sommer 2020Bild: picture-alliance/dpa/AP/M. Fernandez

Die von oben verordneten Abstandsregeln haben die Spanier mittlerweile sehr verinnerlicht. In der spanischen Gesellschaft hat sich in den vergangenen Monaten viel mehr verändert als in anderen Ländern, in denen die Menschen schon immer distanzierter miteinander umgegangen sind. "Mir fehlt das Miteinander", sagt Agüí, die bis vor ein paar Monaten immer dann, wenn sie Bekannte auf der Straße traf, Küsschen auf die Wangen verteilte. Gilt das Sozialverhalten als einer der Gründe, warum das Land nach Japan die höchste Lebenserwartung der Welt hat, wird dieses in der Pandemie zu einem Problem.

Plötzlich glänzt Spanien durch Disziplin   

Das in der Vergangenheit von vielen Kürzungen betroffene spanische Gesundheitssystem ist fast nur noch mit den inzwischen Hunderttausenden COVID-19-Fällen und deren Spätfolgen beschäftigt. Überall fehlt es nicht nur an Krankenhausbetten, sondern auch an Pflegekräften - und an menschlicher Wärme. Denn früher war die Familie bei der Genesung immer mit dabei. Die Langzeitfolgen dieser Entfremdung sind noch nicht erforscht, aber die spanische Stiftung für Hirninfarkte (FEI) registriert in der Pandemie eine Zunahme von Schlaganfällen bei jungen Menschen unter 40 Jahren; eine Studie der Psychologie-Online-Plattform "ifeel" verzeichnet einen Anstieg von Angstattacken um fast 170 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

Wohnanlage in Madrid I Deutsche Schule I Coronavirus
Auch im Park und am Pool dieser Madrider Wohnanlage herrscht gähnende LeereBild: Stefanie Müller/DW

Agüí wollte angesichts des sozialen und wirtschaftlichen Dramas ein Zeichen setzen. Im Namen ihrer 84-jährigen Tante hat sie deswegen die Monatsmiete von neun Eigentumswohnungen in einem gehobenen Wohnressort mit Schwimm- und Parkanlage für ein Jahr um 100 Euro gesenkt: "Es ist nur eine kleine Geste. Aber die kommenden Monate werden hart angesichts der drohenden Pleitewelle“. Die Arbeitslosigkeit wird offiziellen Schätzungen zufolge voraussichtlich vor allem wegen der ausbleibenden Touristen bis Jahresende auf 23 Prozent steigen. Das betrifft oft Spanier aus der Mittelschicht. Sie leben sehr oft in solchen "urbanisaciones" mit Mieten zwischen 1000 und 1500 Euro im Monat. Jugendliche versammeln sich hier abends in den Parkanlagen, rauchen und trinken gemeinsam. Von März bis Mai herrschte hier jedoch absolute Stille, berichtet Agüí. Als der Sommer kam, gab es statt dem üblichen Gedränge auf dem Rasen strenge Abstands- und Baderegeln.  

"Als hätte man die Pest"

Eine normalerweise eher auf Improvisation ausgelegte Gesellschaft diszipliniert sich, zeigt große Verantwortung. Trotzdem sind die Infektionszahlen so hoch wie in keinem anderen Land in Europa. Wer aus dem Haus geht, muss die Maske aufziehen. Überall steht Polizei und kontrolliert, Soldaten fungieren teilweise als Nachverfolger von Infizierten. Die 18-jährige Madrider Schülerin Ana Sophie Bernat trifft ihre Mitschüler außerhalb des Unterrichts überhaupt nicht mehr. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich die Spirale der negativen Gedanken ist: "Der derzeit chaotische Unterricht hilft dabei nicht". Zur Schule geht sie derzeit nur drei Stunden am Tag, der Rest findet online statt. Wenn sie morgens in der noch immer vollen Metro zur Schule fährt, fällt ihr auf, dass "die Leute instinktiv versuchen, so weit wie möglich von einem wegzusitzen oder zu stehen, so als hätte man die Pest".

Ana Sophie Bernat Madrid Zentrum Spanien
"Der chaotische Unterricht hilft nicht": Schülerin Ana Sophia Bernat Bild: privat

Auch die Tänzerin und Sporttrainerin Sofia Penado lebt seit Monaten in erzwungener Isolation. Die 36-Jährige betreibt ein kleines Sportstudio im Madrider Reichenvorort Pozuelo, das sie bis zum Ausbruch der Pandemie nach spanischer Manier mit sehr viel positiver Energie füllte. Der direkte Kontakt zu ihren Schülern bedeutete ihr alles. Jetzt hat sie nicht nur Angst um ihre berufliche Existenz, sondern auch davor, sich und andere anzustecken - insbesondere ihre eigene Mutter. Penado hat keine Kinder, lebt alleine. Zu ihr persönlich kommen derzeit nur noch wenige, die meisten Unterrichtsstunden finden online statt: "Die Hygiene-Beschränkungen sind anstrengend und die Maske stört viele. Das ist Überleben, aber kein Leben". 

Sportstudio in Pozuelo, Spanien Coronavirus
Leibesübungen per Livestream: Auch das Sportstudio von Sofia Penado bleibt weitestgehend leerBild: privat

Der Respekt vor alten Menschen wächst

Es sind wieder einmal die Alten, die schon in der Finanzkrise 2008 vielfach ihre Familien mit ihren Ersparnissen gerettet haben, die den Jungen Stärke und Durchhaltevermögen vorleben. Ana Bernats Großtante telefoniert täglich mit ihrer Familie und "beklagt sich dabei nie". Mit 79 Jahren habe sie die Situation besser im Griff als so mancher von Anas Freunden, sagt die Schülerin. Auch Belen Agüí hat ähnliche Erfahrungen  gemacht. Den Tränen nah erzählt sie, dass ein älteres Ehepaar auf ihre E-Mail mit der angekündigten Mietsenkung zurückgeschrieben hat: "Danke, aber wir brauchen das nicht. Uns geht es finanziell gut". Das habe sie sehr beeindruckt: "Ich hoffe, dass wir, wenn der ganze Zauber hier vorbei ist, wieder so lebensfroh und kontaktfreudig sein werden wie früher". Doch die harten Einschränkungen und die hohen Opferzahlen, die inzwischen je nach Quelle zwischen 36.000 und 45.000 Toten, werden ohne Zweifel Narben in der spanischen Gesellschaft hinterlassen.