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Verschwundene Cranachs aus Gotha – jetzt in Moskau

Anastassia Boutsko3. März 2016

Das Moskauer Puschkin-Museum zeigt eine große Cranach-Schau. Dahinter steht auch ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt. Das Ergebnis: ein spektakuläres Familientreffen der deutschen Renaissancemaler.

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Eine junge Besucherin betrachtet das Bild "Christus am Kreuz zwischen zwei Schächern", ein Werk von Lucas Cranach dem Älteren aus 1515
Eine junge Besucherin betrachtet das Bild "Christus am Kreuz zwischen zwei Schächern", ein Werk von Lucas Cranach dem Älteren aus 1515Bild: DW/A. Boutsko

Die Ausstellung mit dem Titel "Die Cranach-Familie - Zwischen Renaissance und Manierismus" ist ein Projekt des Puschkin-Museums und der deutschen Stiftung Schloss Friedenstein Gotha. Die thüringische Stiftung hat dafür neun Cranach-Gemälde und 14 Graphiken von Vater und Sohn Lucas Cranach nach Moskau geschickt. In den ehrwürdigen Hallen und repräsentativen Sälen des Puschkin-Museums hängen sie nun - nach 70 Jahren – wieder zusammen mit 17 Werken der Cranachs, die nicht aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren. 1946 hatte die Rote Armee die Sammlung mit mehreren tausend anderen Kulturgütern aus Gotha in die Sowjetunion gebracht. Um die Beutekunst wurde jahrzehntelang gestritten.

Gotha als Hauptleihgeber

Die Organisatoren sind stolz darauf, zum ersten Mal alle "russischen Cranachs" vereint zu haben - vier Bilder aus der Puschkin-Ursammlung, vier aus der Petersburger Eremitage, eins aus Nischni Nowgorod. Dazu kommen vier Bilder aus russischen Privatsammlungen und Leihgaben aus Madrid, Berlin, Prag und Budapest.

Ein guter Teil der 48 in Moskau ausgestellten Bilder ist aber Gothaer Provenienz, ebenso wie die zahlreichen Grafiken aus der Cranach-Werkstatt. Bedeutsam - wegen seiner Programmatik - ist etwa das Bild "Gesetz und Gnade", ein sehr protestantisches Bild. Es setzt die Furcht der Menschen vor der ewigen Verdammnis in Szene. Hoffnung verspricht allein die Gnade des Gekreuzigten. Lucas Cranach d.Ä. und der Reformator Luther waren befreundet. Einige der sogenannten "Trophäenbilder" waren schon früher kurz im Puschkin-Museum zu sehen. Das wohl berühmteste Meisterwerk, "Adam und Eva", gehört seit 1995 zur ständigen Sammlung. Andere hingegen sind nach Jahrzehnten erstmals wieder öffentlich zu bewundern: Die "Heilige Genoveva", ein sehr frühes Hochzeitsportrait des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen, dessen Mentor Lucas Cranach war, oder "Die Verbrennung der Hus-Schriften vor einem Fürsten".

Kommt in der Moskauer Ausstellung zusammen, was zusammen gehört? "Es ist schon ein unglaubliches Gefühl, diese Bilder, die wir bisher nur als unscharfe Schwarz-Weiß-Aufnahmen kannten, zum ersten Mal hier zu sehen", gesteht Professor Eberle, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha beim ersten Besuch der Moskauer Exposition. "Es ist wunderschön, dass wir gemeinsam mit den Moskauer Kollegen diese Ausstellung zustande gebracht haben!"

Cranach: von Gotha nach Moskau

Seit 1505 war Cranach d.Ä. Hofmaler am kursächsischen Hof unter Friedrich dem Weisen. Er schuf zahlreiche Altarwerke und allegorische Gemälde. In großer Zahl fertigte er Portraits seiner Dienstherren und der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Die Cranach-Werkstatt, die mutmaßlich rund 5000 Gemälde hinterlassen hat, wurde von seinem gleichnamigen Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren fortgeführt.

Die Malerfamilie blieb dem herzoglichen Haus eng verbunden. Es entstand eine Sammlung, zu der Anfang des 17. Jahrhunderts ungefähr 40 Gemälde und zahlreiche Grafiken zählten. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde die Sammlung im Museum am Fuße des Schlossbergs aufbewahrt.

Wiedersehen nach über 70 Jahren: "Verbrennung der Hus-Schriften vor einem Fürsten", um 1530, Lucas Cranach der Älere
Wiedersehen nach über 70 Jahren: "Verbrennung der Hus-Schriften vor einem Fürsten", um 1530, Lucas Cranach der ÄlereBild: DW/A. Boutsko

Im Sommer 1945 beschlagnahmte eine Trophäenbrigade der Roten Armee die angesehenen Gotha-Sammlungen, darunter rund 40 Cranach-Gemälde. Der Abtransport in die Sowjetunion erfolgte "ausgesprochen sorgfältig", wie Professor Eberle, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, hervorhebt. "Es gibt diese Horrorvorstellungen, die Bilder wurden wild von den Wänden gerissen, einfach in die Lastwagen geworfen und nach Russland gekarrt. Das war hier aber überhaupt nicht der Fall".

Rückgabe mit Abstrichen

Nach mühsamen Verhandlungen gab die Sowjetunion einen Teil des Kulturerbes heraus. So erhielten Ende der 1950er Jahre die Dresdner Gemäldegalerie und die Berliner Museumsinsel Kunstschätze zurück. Auch große Teile der Gotha-Sammlungen wurden zurück gegeben. Doch so systematisch der Abtransport verlaufen war, so willkürlich erfolgte die Rückgabe. Viele Sammlungen wurden auseinandergerissen. Im Fall der Cranach-Sammlung kamen 21 Werke zurück nach Gotha, während der Rest größtenteils im Puschkin-Museum vermutet werden konnte.

"Meister Lucas": Cranach der Ältere auf einem Selbstportrait
"Meister Lucas": Cranach der Ältere auf einem SelbstportraitBild: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Zu DDR-Zeiten blieb Beutekunst ein Tabu-Thema. Das Puschkin-Museum unter der Leitung der Direktorin Irina Antonova galt als wenig auskunftsfreudig. Klarheit brachten erst die 1990er Jahre: Die Publikation der Transportlisten der "Trophäenbrigaden" durch die russischen Wissenschaftler Grigori Kozlov und Konstantin Akinscha bestätigte den Verbleib der Cranach-Bilder in den Puschkin-Geheimdepots.

Vom "Museumsdialog" zum Dialog der Museen

2005 gründeten die von der Beutekunst-Problematik betroffenen deutschen Museen unter dem Dach der Kulturstiftung der Länder den "Deutsch-Russischen Museumsdialog". Er führte nach und nach zum Austausch mit der russischen Seite. Dem "Dialog" verdanken sich mittlerweile zahlreiche Ausstellungs- und Forschungsprojekte, etwa die Ausstellungen "Merowinger" und "Bronzezeit", die archäologische Kostbarkeiten wie den Eberswalder Goldschatz aus den Magazinen ans Tageslicht brachten und eine wissenschaftliche Zusammenarbeit ermöglichten.

Schließlich griff 2011 auch Professor Eberle zum Telefon und rief in Moskau an. 2013 kam Irina Antonova als Gastrednerin zur Wiedereröffnung des Herzoglichen Museums nach Gotha und gab grünes Licht für das Cranach-Projekt. Umgesetzt hat es ihre Nachfolgerin Marina Loschak.

"Wir Deutschen müssen lernen, den moralischen Ansatzpunkt zu verstehen: Diese Werke kamen ja nach Russland als Entschädigung für all die zerstörten russischen Kunstschätze", sagt Martin Eberle. "Der zweite Schritt ist dann, dass man ganz offen auf wissenschaftlicher Basis zusammenarbeitet". Manchmal sind die Informationen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes hinter einem Bild verbergen, am interessantesten: ein Etiketteneintrag, ein Rahmenvergleich.

Im Schloss Friedenstein in Gotha wurden die Cranach-Bilder seit dem 17. Jahrhundert aufbewahrt
Im Schloss Friedenstein in Gotha wurden die Cranach-Bilder seit dem 17. Jahrhundert aufbewahrtBild: picture-alliance/dpa/S. Kahnert

Vadim Sadkov und Timo Trümper, der russische und der deutsche Kurator der Ausstellung, beschwören denn auch die Normalität bei ihrer Zusammenarbeit. Sie unterscheide sich "kaum von der Zusammenarbeit mit den Kollegen in Paris oder Madrid ".