Das Elend der Roma von Sibiu

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02:50 Min.
18.05.2019

Roma-Armut in Rumänien

Während die EU-Regierungschefs in Sibiu über die Zukunft Europas nachdenken, leben nur 30 Kilometer entfernt Roma in Slums. Die Lage der rumänischen Roma ist vielerorts elend. Eine Reportage von Barbara Wesel.

Von der Regionalhauptstadt Sibiu fährt man nur eine halbe Stunde in das Dorf Altana, aber es ist eine kleine Zeitreise. Hoch über der Straße sitzt ein Storch in seinem Nest, die alten Bauernhäuser im Siebenbürgen Stil sind in Pastellfarben gestrichen, an der Kreuzung wartet ein Pferdekarren. Am Ortsrand aber, auf einem schlammigen Hügel, liegt die Roma Siedlung. Ein deutlich separiertes Elend.

Die Prikops bauen ein Haus

Die Wege dorthin sind ungepflastert, wenn es regnet versinkt hier alles im Matsch. Aus einer Hütte lugt neugierig ein Mädchen, daneben aber arbeitet eine Gruppe von Männern an einem Rohbau. Fortschritt bedeutet hier, von einer dieser Hütten, die traditionell aus Holzstöcken und Lehm gebaut wurden, in ein kleines gemauertes Haus umzuziehen.

Der Neubau der Familie Prikop ist bald fertig, aber es fehlt noch das Geld für den Innenausbau. Vater Cosmin arbeitet daher gerade noch bei seinem Bruder. Noch lebt Cosmin Prikop mit Frau und sechs Kindern in einer dieser alten Hütten, ein Raum von vier mal vier Metern, ein Eisenofen als Heizung und Kochstelle, eine Wasserleitung verläuft vor der Tür. Dort befindet sich auch ein Meer von Matsch, durch den fröhlich die Kinder springen. Ein ländlicher Slum, wie man ihn in Europa im 21. Jahrhundert nicht mehr erwartet.

Zwar hat auch Rumänien einen von der EU verordneten nationalen Aktionsplan zur Integration der Roma, aber davon ist in diesem Dorf, wie in vielen anderen ländlichen Regionen, noch nichts angekommen. Hilfe kommt von einer privaten Organisation, der "Kinderhilfe Siebenbürgen" der Deutschen Jenny Rasche. Sie kam vor über 15 Jahren und blieb, um etwas von Grund auf zu verändern. Sie hat mit ihrer Organisation den ersten Bauabschnitt von Cosmin Prikops Haus mit Spenden finanziert, jetzt muss er warten, bis neues Geld eingeworben werden kann.

Vater Cosmin Prikop (mit roter Kappe) und seine Familie beim Hausbau

Der Familienvater hatte eine Weile einen Job als ungelernter Arbeiter im Baustoffhandel. Aber da wird den Roma bestenfalls der Mindestlohn gezahlt, von dem die Familie nicht leben kann. Und Cosmin wollte unbedingt ein besseres Haus bauen. "Ich habe es bei der Bank versucht, aber weil mein Gehalt so klein war, haben sie mir nichts gegeben". Erst Jenny Rasches Unterstützung brachte Hoffnung in die Siedlung.

Die Armut der Roma ist eine Falle

Auch die deutsche Helferin musste erst lernen, wie man den Kreislauf durchbrechen kann. Sie war gekommen, um vernachlässigten und ausgesetzten Kindern zu helfen. Inzwischen weiß sie, dass man bei den Eltern und in der Familie anfangen muss. Und das beginnt beim Wohnen. Wenn die Kinder aus den Lehmhütten verdreckt in die Schule gehen, werden sie ausgegrenzt und nicht unterstützt. Sie können nicht lernen, wenn sie unterernährt sind, brauchen Kleidung, Hefte und Schulbücher. Das alles kommt inzwischen von den Spenden, die allerdings von den Familien Mitarbeit verlangt. Es geht ihr um Hilfe zur Selbsthilfe, wer sich einen Job sucht, wird zum Beispiel mit mehr Lebensmitteln belohnt.

Bisher geht nur eins von fünf Roma Kindern hier in die Schule - Jenny Rasches Traum ist es, dass alle eine Ausbildung bekommen sollen. Denn nur so gibt es für sie eine die Chance auf eine bessere Zukunft. Aber der Weg dahin ist lang. Selbst für die Kinder, die es in die Oberschule schaffen und danach einen Ausbildungsplatz finden, gibt es weitere Hürden. Der Sprung kann schon daran scheitern, dass die Familie nicht das Geld für die Busfahrkarte in die Stadt aufbringen kann.

Rasches selbst gewählte Aufgabe, die Roma in der Gegend um Sibiu aus diesem Kreislauf zu befreien, erscheint uferlos. Aber mit ihrer zupackenden Art hat sie gelernt, immer das Nächstliegende zu tun. Jedes fertige Haus, jedes kleine Mädchen, das morgens in die Dorfschule wandert, sei ein Sieg, sagt sie.

Jenny Rasche und ihre Organisation Kinderhilfe Siebenbürgen sind seit 15 Jahren in Rumänien tätig

Und wo bleibt Europa?

Die Roma sind die größte Minderheit in Europa. Und jedes EU-Mitgliedsland muss einen nationalen Aktionsplan zu ihrer Integration und Förderung vorlegen. Aber regelmäßig werden die Hauptstädte ermahnt, mehr zu tun, denn immer noch werden zahlreiche Missstände  registriert. Das Problem ist, dass die Nationalstaaten für die Umsetzung der Pläne zuständig sind, für Altana also letztlich die Regierung in Bukarest zuständig ist. Und die hat vielfach andere Prioritäten.

Und wen immer man hier nach Hilfe von den Behörden fragt, der macht winkt ab und murmelt das Wort "Korruption". Jenny Rasche hat jahrelang versucht, mit der örtlichen Verwaltung zusammen zu arbeiten. Doch die hat ihr mehr Steine in den Weg gelegt als sie zu unterstützen. Sie versucht auch nicht, EU-Mittel für ihre Projekte zu bekommen, denn sie glaubt, dass sie die bürokratischen Verfahren nicht bewältigen kann. Abgesehen davon aber müsste Brüssel viel mehr Kontrolle vor Ort ausüben, prüfen wohin europäische Mittel fließen und wie sie wirklich eingesetzt werden.

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Geld für Integration

Dennoch habe "Rumänien enorm von der EU-Mitgliedschaft profitiert", sagt die deutsche Helferin. Polizei und Behörden könnten etwa mit den Roma nicht mehr so umspringen wie früher, als ganze Siedlungen abgeräumt, die Menschen in Busse verfrachtet und irgendwo weit entfernt ausgesetzt wurden. Aber nach wie vor leben ein Drittel der Rumänen in Armut, vor allem auf dem Land. Und unter ihnen sind die Roma weiter die ärmste Gruppe.

Viele Kinder in dem Slum, in dem die Roma leben, gehen nicht in die Schule

Zehn Milliarden Euro erhält Rumänien aus europäischen Kassen für die Regionalentwicklung zwischen 2014 und 2020. Davon ist auch Geld zur Integration der Roma vorgesehen, aber es fehlen die Kontrollen, und die regelmäßigen Mahnungen aus Brüssel verhallen.

Sibiu hat sich für den EU-Gipfel mit Fahnen und schön restaurierten Fassaden herausgeputzt. Die Regierungschefs sehen - wie überall an ihren Sitzungsorten - nur die schöne Seite des Gastgeberlandes. Was wünscht sich Jenny Rasche von denen, die über das "soziale Europa" diskutieren wollen? "Sie sollten nur einmal aufstehen von ihren Tischen und zu uns hier rausfahren, um zu sehen, wie das Leben wirklich ist". Ein Blick auf die Lehmhütten von Altana dürfte für manche tatsächlich ein ziemlicher Schock sein.