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Degenkolb: "Ich habe mich selbst überrascht"

Joscha Weber23. September 2012

Mit fünf Vuelta-Etappensiegen hat John Degenkolb Historisches erreicht und gilt nun sogar als WM-Mitfavorit. Im DW-Interview spricht er über Perspektiven und neuen Optimismus im deutschen Radsport.

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John Degenkolbjubelt (Foto:Lalo R. Villar/AP/dapd)
John DegenkolbBild: AP

John Degenkolb hat mit seinem Sieg auf dem letzten Teilstück der spanischen Radrundfahrt Vuelta geschafft, was noch keinem deutschen Radprofi gelungen ist: fünf Etappensiege. 1989 im thüringischen Gera geboren, zeigte er bereits im Jugendalter seine Klasse auf dem Rennrad und wurde 2007 Junioren-Vizeweltmeister im Zeitfahren. Mittlerweile fährt Degenkolb für das niederländische Team Argos-Shimano und steht als Sprint- und Klassikerspezialist im erweiterten Favoritenkreis für das WM-Straßenrennen in Valkenburg am 23. September.

DW: John Degenkolb, Sie haben der Vuelta ihren Stempel aufgedrückt, wie noch nie ein deutscher Sprinter zuvor. Haben Sie sich mit ihren fünf Etappensiegen selbst überrascht?

John Degenkolb: Ja das kann man so sagen! Ich war wirklich überrascht, dass ich fünf Etappensiege einfahren konnte. Wir sind mit dem Ziel hingegangen, dass wir eine Etappe gewinnen wollen. Schon nach dem ersten Sieg waren wir unheimlich glücklich, haben dann aber nicht den Fokus verloren und uns auf die anstehenden Rennen fokussiert. Das zeugt von der Professionalität meines Teams, sich nicht zufrieden zu geben.

Bis auf wenige Ausnahmen schienen Sie auf den Sprintetappen der Vuelta unschlagbar. Woher kommt diese Dominanz?

In erster Linie, weil das Team hinter mir steht, mich unterstützt hat und alles dafür getan hat, dass es überhaupt zum Sprint kommt. Und im Finale haben sie mir den Sprint perfekt vorbereitet.

John Degenkolb jubelt über seinen Etappensieg auf der 10. Etappe der Vuelta 2012 (Foto:Lalo R. Villar/AP/dapd)
Im Flachen der Schnellste: Degenkolb (M.) dominierte die Sprintankünfte der Vuelta.Bild: AP

Selbst für die Fernsehzuschauer schien diese Vuelta mit ihren beinahe täglichen Bergankünften und Steigungen von jenseits der 20 Prozent unglaublich schwer. Sind die Rennveranstalter bei der Streckenplanung über das Ziel hinausgeschossen?

Das liegt im Auge des Betrachters. Ich denke, dass es im Fernsehen schon schön anzuschauen war, wie Contador, Rodriguez und Valverde Sprints in Steigungen mit 25 Prozent machen. Aber für mich als Sprinter hätte es auch weniger sein können. Das Ergebnis hätte sich durch eine leichtere Strecke nicht verändert. Dadurch hätte niemand anderes die Vuelta gewonnen, denn Contador war der Stärkste. Aber die Leute wollen vielleicht einfach das Spektakel sehen.

Früher haben Siege deutscher Fahrer bei großen Landesrundfahrten dem Radsport in Deutschland einen Auftrieb gegeben. Wie schätzen die Situation des deutschen Radsports momentan ein?

Schwer zu beurteilen. Das Medieninteresse ist nicht berauschend. Die Leute wollen jetzt nicht mehr von mir als vor der Vuelta. Ich denke aber, dass wir nach wie vor auf einem guten Weg sind, den Radsport weiter nach vorne zu bringen im öffentlichen Interesse. Dafür werden wir alles tun. Wir haben hierzulande eine Riege von guten Fahrern und Talenten, die internationale Erfolge einfahren. Mit Tony Martin, Marcel Kittel, mir, André Greipel und Patrick Gretsch haben wir wirklich gute Leute, die das wieder ändern können.

Seit ihrer Siegesserie nennt man ihren Namen ein einer Reihe mit den Weltklasse-Sprintern wie Cavendish, Greipel oder Farrar. Sind Sie gefühlsmäßig schon in der Topliga der Sprinter angekommen?

Noch habe ich keinen von denen Mann gegen Mann bei einer großen Rundfahrt geschlagen. Von daher würde ich mich noch nicht auf dieselbe Ebene stellen. Es ist noch schwer einzuschätzen für mich. Ich realisiere erst, was da gerade alles abgelaufen ist. Die Etappensiege machen mich stolz und geben mir Motivation für die letzten Rennen der Saison.

John Degenkolb (R.) und Koen De Kort während der Vuelta 2012 (Foto: dpa)
Neue Rolle: Das Team arbeitete bedingungslos für Degenkolb (l.), der seine Teamkollegen nicht enttäuschte.Bild: picture-alliance/dpa

Ihr nächstes großes Ziel ist das Straßenrennen der Rad-WM im niederländischen Valkenburg. Gesucht wird nach Experten-Meinungen ein bergfester Sprinter und das sind sie ja…

Na, hoffen wir mal! Ich denke, dass ich mich nicht zu den Topfavoriten zählen muss. Da gibt es Leute wie Philippe Gilbert, Tom Boonen, Thomas Voeckler, also sehr erfahrene Rennfahrer, die über die Distanz kommen. Ich bin dort im Feld noch einer der Jüngsten, kann ohne Druck ins Rennen gehen und mich beweisen. Wenn am Ende ein Top-Ten-Platz dabei herausspringt, bin ich superzufrieden. Aber mir ist genauso wichtig, dass ich meine Aufgabe im Team erfülle. Ich denke, dass ist ein ganz wichtiger Punkt, den viele vergessen. Viele sehen Radsport als Einzelsportart, was er aber überhaupt nicht ist.

Im Olympischen Straßenrennen waren sie noch Helfer für André Greipel. Wird das Team nun für sie arbeiten?

Ich denke, ich habe schon die Rolle des letzten Mannes, wenn es zum Sprint kommt. In London war von vorneherein klar, dass für André Greipel gefahren wird, dass er der Kapitän ist. Dass ich jetzt der Kapitän bin, das will ich gar nicht sagen, sondern, dass ich derjenige sein könnte, für den gefahren wird, wenn es zum Sprint einer größeren Gruppe kommt.

Folgt 2013 Ihr Debüt bei der Tour de France?

Ich hoffe sehr, bin motiviert und freue mich sehr darauf, die Tour in Angriff zu nehmen. Ich will mich auch auf der höchsten Bühne des Radsports beweisen. In erster Linie muss ich dafür gut über den Winter kommen, dann will ich die Klassiker gut fahren. Danach fehlt dann nur noch der große Coup bei der Tour.

Das Gespräch führte Joscha Weber