Der 1. Mai - viel Freizeit, wenig Protest

Früher war er der Symboltag des Arbeitermilieus: Der 1. Mai - "Kampftag der Arbeiterbewegung". Heute ist der "Tag der Arbeit" für viele Bürger aber nur ein weiterer Familien-Feiertag - ohne große Bedeutung.

"Der 1. Mai ist kein Feiertag und in diesem Jahr schon gar nicht", sagte Michael Sommer, der Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, im Angesicht der mit dramatischen Auswirkungen verbundenen Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009. Doch Sommer irrte sich. Seine besten Zeiten als Kundgebungstag für die Arbeiterbewegung hat der 1. Mai längst hinter sich.

Lieber verbringen die Deutschen ihren 1. Mai an der frischen Luft und mit ihren Familien

Zurück geht der Maifeiertag auf den 1. Mai 1886 als US-amerikanische Arbeiter für die Einführung des Achtstundentags in den Vereinigten Staaten kämpften. Dieses Ereignis nahm der Brüsseler Kongress der "Zweiten Internationalen" 1891 zum Anlass, um künftig jedes Jahr den 1. Mai als "Festtag der Arbeiter" zu feiern. In Deutschland machten die Nationalsozialisten den "Tag der nationalen Arbeit" zum gesetzlichen Staatsfeiertag und instrumentalisierten ihn für ihre Zwecke. Mit der Inhaftierung führender Gewerkschafter leiteten sie am 1. Mai 1933 die Gleichschaltung der Arbeitnehmervertretungen im Dritten Reich ein.

"Samstags gehört Vati mir"

In den 1950er Jahren setzte sich der Deutsche Gewerkschaftsbund wieder für die Arbeitnehmer ein und streitete unter dem Motto "Samstags gehört Vati mir" für die Fünf-Tage-Woche. Mit der Zeit änderten sich jedoch die Parolen und der Charakter der Mai-Feiern. Zentrale Anliegen der Veranstaltungen sind neben dem Abbau von Arbeitslosigkeit, höheren Löhnen und Gehältern auch Frieden und Abrüstung.

Heute hat der Tag der Arbeit seine politische Bedeutung als Kampftag der Gewerkschaften weitgehend verloren. "Die ehemals tief verankerte Arbeiterkultur, für die dieses Fest eines der Höhepunkte im Jahresablauf gewesen ist, ist erodiert. Sie ist beinahe verschwunden", analysiert der Sozialhistoriker Professor Klaus Tenfelde.

Geringer Zuspruch bei der jungen Generation

Vor allem in der jungen Generation leiden die Gewerkschaften unter zu geringem Zuspruch. Aber auch die ehemaligen Sozialmilieus haben sich grundlegend verändert. "Der Facharbeiter, der eigentlich immer der Träger der 1. Mai-Bewegung gewesen ist, ist heute eher in der Mittelschicht angekommen", sagt Tenfelde.

Nur für die Wenigsten hat der 1. Mai noch eine politische Bedeutung

Nur noch jeder fünfte Deutsche sieht den Maifeiertag heute als Tag der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Die große Mehrheit freut sich über willkommene Freizeit für Freunde und Familie. Statt Demonstrationen werden vielfach Jazz-Frühschoppen, Würstchen und Bier bevorzugt. Auch unter Gewerkschaftsmitgliedern hat der Maifeiertag an Relevanz verloren: Nur noch knapp die Hälfte von ihnen sieht den 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung.

Gewerkschaften rennen die Mitglieder davon

Es liegt vor allem auch an den schwindenden Mitgliedszahlen der Gewerkschaften, dass der 1. Mai an Stellenwert verloren hat. 1991 hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund mit rund zwölf Millionen den höchsten Mitgliederbestand in seiner Geschichte. In den Jahren danach verloren die Gewerkschaften jedoch fast die Hälfte ihrer Mitglieder. So weist die Statistik des Deutschen Gewerkschaftsbunds für 2010 nur noch etwas mehr als 6 Millionen Mitglieder aus.

Autor: Arne Lichtenberg
Redaktion: Pia Gram

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