Der Manager in uns allen

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28.10.2015

Der Manager in uns allen

Jede Berufsgruppe hat ihr Fachvokabular: Musiker reden von Takten und Tönen, Installateure sprechen über Duschtassen und Vorwandkonstruktionen. Und Büroangestellte? Die haben ihren eigenen Sprech.

Da sitzen wir nun im Großraumbüro unseres mittelständischen Unternehmens und können es nicht fassen: Unsere Corporate Identity, das, was uns verbindet, ist in Gefahr, steht sozusagen auf der Shortlist. Der neue CEO hat es so gewollt: Schon seine erste Keynote wurde grundsätzlich. Er forderte eine andere Unternehmenskultur: Schluss mit dem Manager-Sprech, klare Absage an das „Kauderwelsch der Globalisierung“.

Dossier
Sprachbar - Archive | 26.10.2006

Flipcharts, Bullshit und runterpriorisieren

Soll man alles mitschreiben, was der CEO da erzählt?

Als er da vorhin so am Flipchart stand und wirklich alles auf der Tonspur rüberbrachte, dachte jeder einzelne von uns: Mein Gott, wie ist der denn unterwegs! Ein Vortrag ganz ohne PowerPoint? Sollte unser CEO, pardon unser Chief Executive Officer – oder müssen wir jetzt wieder Geschäftsführer sagen – wirklich vorher verstanden haben, was er da so spricht?

Wir hatten uns schon so sehr an unser Büro-Deutsch gewöhnt. Wir merkten gar nicht mehr, dass das nur falsches, rückübersetztes Englisch war. Der sprachliche Bullshit, Verzeihung, Unfug, hat sich inzwischen sogar bis nach Hause ausgebreitet. Noch gestern Abend hab ich zu meinem Sohn gesagt: „Mach Hausaufgaben, aber asapst! Das hat jetzt wirklich Prio 1.“ „Hab ich runterpriorisiert“, schallte es durch die geschlossene Kinderzimmertür.

Sprechblasen satt

Auf Augenhöhe mit dem Chef? Zumindest sprachlich ...

Wir haben wirklich viel Merkwürdiges von uns gegeben im Büro. Wir haben Prozesse aufgesetzt, Workflows optimiert und Themen aufgegleist, natürlich erst, nachdem wir uns ein wenig aufgeschlaut hatten. Dann haben wir Meilensteine definiert, Meetings abgehalten und immer wieder Telkos gemacht.

Ja, wir fühlten uns ganz schön bedeutend in unseren Projekten. Waren wir nicht alle Manager, zumindest ein Stück weit? Wir fühlten uns wichtig. Dadurch, dass wir die sprachlichen Marotten unserer Chefs annahmen, waren wir definitiv auf einem guten Weg, wenn nicht sogar auf Augenhöhe.

Denglisch bis der Arzt kommt

Um in der Firma voranzukommen, war diese Sprache ein Must-have, nicht bloß ein Nice-to have. Wenn ein Kollege mal kurz was mit uns besprechen wollte, antworteten wir: „Ich bin total busy, aber mal sehn, ob ich einen Slot habe.“

Und wenn die Zeit nicht reichte, wurde sich beim Lunch Date committet bis alle fine waren mit ihren To-dos. Unsere Ziele waren ambitioniert, unsere Zeitpläne waren sportlich, unsere Ergebnisse waren suboptimal.

Sag’s positiv

„Da bin ich bei dir“ ... Manager beim Get-together

Und dann diese Schönfärberei: „Da bin ich bei dir“, sagten wir zum Beispiel in einer Konferenz. Obwohl wir eigentlich gern gesagt hätten: „Das erste Drittel deines Satzes mag noch stimmen, doch der Rest ist totaler Blödsinn.“

Das eint uns“ – und das war ausnahmsweise mal ein vollständig deutscher Satz, hätte, wenn man ehrlich gewesen wäre, so geheißen: „Das ist aber auch wirklich der einzige Punkt, bei dem wir einer Meinung sind.“ Und dass ein Change-Prozess selten eine Veränderung zum Besseren bedeutete, war da fast schon selbstverständlich.

Wenn das mal gut geht

Doch das wird jetzt alles anders. Wir sprechen wieder normales Deutsch und zwar proaktiv – so lange, bis wir safe sind. Das kriegen wir doch hin! Das ist doch ein No-Brainer. Und diese englischen Floskeln sind ab sofort absolutes No-Go. Das hat er zumindest gesagt, der CEO. Das stünde bei ihm ganz oben auf der Agenda, und das würde jetzt in allen Teams ausgerollt. Na ja … Am Ende des Tages beim Get-together werden wir sehen, wer hier sprachlich in Zukunft den Lead hat. Doch bevor wir uns alle zum Socializing treffen, brauch ich dringend einen Bio-Break.




Arbeitsauftrag
Asap– as soon as possible, Prio 1 – absolute Priorität … Ihr seid die Redaktion eines Mini- Wörterbuches „Deutsch/Bürosprech – Bürosprech/Deutsch“ und zuständig für die Vokabelliste. Versucht, so viele englische Begriffe wie möglich aus diesem Text ins Deutsche zu übersetzen und zu erklären, was mit ihnen gemeint ist. Bildet dann eigene Sätze.