"Der Staat gegen Fritz Bauer" im Kino

Ein Lehrstück über altes Nazi-Denken in der jungen Bundesrepublik und den Kampf eines Unbeugsamen für Gerechtigkeit. "Der Staat gegen Fritz Bauer" läuft jetzt in den Kinos - und ist Thema in KINO.

"Ich wollte diese Rolle des Fritz Bauer unbedingt spielen", sagt Burkhart Klaussner. "Unbedingt, unbedingt. Weil ich immer mal einen Helden spielen wollte, einen gebrochenen Helden. Von solchen Leuten gibt es in Deutschland nicht allzu viele."

Fritz Bauer (1903-1968) war Jurist. Und Jude. Und homosexuell. In der Bundesrepublik war er als Generalstaatsanwalt - gegen alle Widerstände - die treibende Kraft zur juristischen Aufarbeitung von Verbrechen der Nationalsozialisten.

Der gebürtige Stuttgarter Bauer, der als Sozialist das Dritte Reich nach wenigen Monaten Lagerhaft im Exil überlebt hatte, arbeitete in einem - oft einsamen - Kampf daran, die NS-Verbrecher in ihrem eigenen Land vor Gericht zu stellen. Dabei wollte dieses Wirtschaftswunder-Deutschland der späten 1950er und frühen 1960er Jahre diese Zeit einfach nur hinter sich lassen. Zum einen aus politischen Gründen: Kanzler Konrad Adenauer hatte Deutschland ins West-Bündnis integriert und arbeitete an einer Aussöhnung mit dem jungen Staat Israel; zum anderen vielfach aus biographischen Gründen, waren doch viele Deutsche linientreue Nazis gewesen.

BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf, l.) behindert Bauer bei seinen Ermittlungen, Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) ist auf seiner Seite

"Meine eigene Behörde ist Feindesland"

Aktuell Deutschland | 29.01.2015

In der jungen Bundesrepublik hatten sich alte Nationalsozialisten schnell im neuen System eingerichtet, ihre Seilschaften funktionierten noch. Im Justizwesen, bei den Geheimdiensten, in der Wirtschaft, auch in der Politik. Ihnen allen war Bauer, gelinde gesagt, lästig. Und so gab Regisseur Lars Kraume dem Film sehr passend den Titel "Der Staat gegen Fritz Bauer" und nicht etwa "Fritz Bauer gegen den Staat".

Der Jurist leistet seine aufklärerische Arbeit und spürt den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten nach; der Staat, die vielen im Staat, suchen das zu verhindern und alte Kameraden zu schützen. "Die Frage ist doch, ob und wie lange wir uns noch einen solchen Generalstaatsanwalt leisten können", sagt gleich zu Beginn des Films ein führender Nachrichtendienstler. Bald folgt ein oft schon kolportiertes Bauer-Wort: "Meine eigene Behörde ist Feindesland."

Der Jurist arbeitete daran, den in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann ausfindig zu machen und vor Gericht zu bringen, jenen SS-Obersturmbandführer, der die Deportation von Millionen Juden in den Tod organisierte. Und weil Bauer seinem Land nicht trauen konnte, setzte er Israel auf die Spur an. Dort wurde Eichmann 1962 hingerichtet.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kämpfte im Nachkriegsdeutschland für Gerechtigkeit

All das ist für den Zuschauer erschütternd. Erschütternd auch, weil dieser große aufklärerische Jurist, dem es um Recht ging, im vereinten Deutschland kaum mehr bekannt ist. Selbst viele Juristen kennen ihn erst, seitdem Bauers Rolle im Rahmen der sogenannten Auschwitz-Prozesse ab 1963 zum Thema wurde. Der Kinofilm "Im Labyrinth des Schweigens" von 2014 erinnert an dieses spektakuläre Verfahren, das geradezu symbolhaft im Umbruchjahr 1968 endete. Erschütternd auch, weil es diese Verstrickung von Macht und Justiz, von Schuld und Verantwortungslosigkeit bis heute immer wieder gibt. In Südamerika, im arabischen Raum, auch andernorts, wo das Recht allein den Herrschenden recht sein soll. Ein Ende scheint nicht in Sicht.

Bleierne Zeiten

Regisseur Lars Kraume, 42 Jahre alt und bereits wiederholt mit dem renommierten Grimme-Preis geehrt, spricht von den "verkrusteten Jahren" der frühen Bundesrepublik, einer "dunklen Zeit". Die Generation der Zeitzeugen sterbe aus, deshalb nun der neue Blick in Büchern, in Filmen. Kraumes Werk prägt die Wahl der Schauspieler. Da sind vor allem Hauptdarsteller Burkhart Klaußner (65), der im grandios ernsten Spiel den Fritz Bauer gibt, und der erst 38-jährige Ronald Zehrfeld, der als junger Staatsanwalt Karl Angermann überzeugt.

Engagierte Juristen: Fritz Bauer (Burkhart Klaussner,li) und sein junger Kollege Angermann (Ronald Zehrfeld)

Der Staat gegen Fritz Bauer" ist ein Film mit so präziser wie zurückgenommener Kameraarbeit, mit hervorragender Detailarbeit an der Ausstattung. Ein Werk für die große Leinwand braucht Aktion, braucht hier Szenen in Argentinien und Israel. Aber in seiner Existenzialität, seiner Dramatik wirkt der Film wie ein Theaterstück. Und Klaußner, der vielleicht größte deutsche Schauspieler seiner Generation fürs Ernste, sorgt dafür, dass dies gelingt. Schon in den ersten Bildern ist Fritz Bauer wieder allgegenwärtig.

Landesverrat als Schlüsselbegriff

Und dann hat dieser Film noch seine eigene Pointe für den Sommer 2015, die auch noch tragen wird, wenn das Werk am 1. Oktober in die deutschen Kinos kommt. Seit Ende Juli erlebt Deutschland eine politische Affäre um die mehr oder weniger brisante mediale Veröffentlichung von Geheimdienstwissen, da vertrauliche Informationen aus der Politik immer wieder durch Online-Veröffentlichungen publik werden. Ende offen - aber von "Landesverrat" ist die Rede. "Landesverrat" - der Vorwurf wird zu einem Schlüsselbegriff im Fritz-Bauer-Film. Der Generalstaatsanwalt weiß um das Risiko, im Streben nach einer Durchsetzung des Rechts wider staatliches Interesse zu handeln. Seine altbraunen Gegenspieler wissen, dass sie ihn mit dem Vorwurf des Landesverrats stürzen könnten - wenn schon nicht der Hinweis "Der Jude ist schwul" reicht.

Homosexuellenprozess: Kontakt mit Transvestiten stand damals in der BRD unter Strafe

Regisseur und Drehbuch-Mitautor Kraume sagt, er halte Fritz Bauer "auch für einen modernen Helden". Ein Mann, "der gegen den Zeitgeist seine Meinung äußerte, um jeden Preis". Von diesen "wahren Helden" gebe es heute eben wenige, vielleicht ja ein Edward Snowden.

Kraumes Arbeit ist eine Hommage an den deutschen Juristen Fritz Bauer, ein Thriller und ein zeitgemäßer Film. 2014 stiftete Bundesjustizminister Heiko Maas, der sich der Erinnerung an den wichtigsten Ankläger der Nazi-Verbrechen verpflichtet fühlt, übrigens den "Fritz Bauer Studienpreis für Menschenrechte und juristische Zeitgeschichte".

Der Film feierte bei den diesjährigen Filmfestspielen im Schweizer Locarno Weltpremiere und erhielt den Publikumspreis.

In KINO ist "Der Staat gegen Fritz Bauer" das Thema der Sendung. Außerdem in der am Wochenende startenden neuen wöchentlichen DW-Sendung KINO: ein Blick auf den anderen Fritz Bauer-Film "Das Labyrinth des Schweigens" sowie Kurzbeiträge über den Publikumserfolg "Fack Ju Göhte 2", die Dokumentation "Landraub" sowie Wolfgang Beckers "Ich und Kaminski".