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Ausstellung in Köln zeigt Anja Niedringhaus

29. März 2019

Sie war eine "Bilderkriegerin“. Das Werk der deutschen Kriegsfotografin dokumentiert die großen Krisen der letzten 25 Jahre. Vom Kosovo bis Afghanistan, wo Anja Niedringhaus bei einem Anschlag starb.

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US-Marine mit Maskottchen, aufgenommen 2004
US-Marine mit Maskottchen, aufgenommen 2004Bild: Anja Niedringhaus/AP

Diesen Moment wird Kathy Gannon nie vergessen. Die Kanadierin saß am 4. April 2014 neben ihrer Kollegin und Freundin Anja Niedringhaus auf der Rückbank ihres Wagens, als ein Polizeioffizier, der sie eigentlich beschützen sollte, das Feuer eröffnete. "Anjas Kopf sank an meine Schulter. Ich wusste nicht, was mit ihr los war. Ich konnte mich nicht bewegen, weil meine Hand von zwei Kugeln zerfetzt worden war", erzählt sie bei der Ausstellungseröffnung "Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin" im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln.

Es handelt sich um die erste posthume Retrospektive der Pulitzerpreisträgerin, die auf tragische Weise bei einem Einsatz in Afghanistan ihr Leben verlor. Die beiden Journalistinnen seien in der östlichen Provinz Chost unterwegs gewesen, um von dort über die Vorbereitung der ersten Runde der Präsidentschaftswahl zu berichten, erzählt Gannon; plötzlich sei auf sie geschossen worden. Erst einen Tag später habe sie im Krankenhaus erfahren, dass Anja Niedringhaus bei dem Attentat gestorben ist.

Kathy Gannon
Journalistin Kathy Gannon war bei der Ausstellungseröffnung dabeiBild: DW/S. Oelze

Fotos von den Frontlinien der Welt

Anja Niedringhaus war eine von ganz wenigen Fotografinnen an den Frontlinien der Welt. Für 900 Zeitungen und Magazine war sie tätig, von der New York Times bis zum Spiegel. Mehr als hundert Aufnahmen erzählen in der Ausstellung in Köln von ihrem Arbeiten im Ausnahmezustand. Den Auftakt machen frühe Fotografien vom Balkan. Die Belagerung Sarajewos 1992 war der erste Konflikt, über den Anja Niedringhaus berichtete. Damals fand ein Krieg im Herzen von Europa statt - und trotzdem erschien er den Menschen weit weg.

Anja Niedringhaus, gerade mal 25 Jahre alt, sah dort erstmals in ihrem Leben Kriegsopfer und fotografierte, wie Menschen ihr Leben verloren. Sie war ganz nah dran. Ein Foto zeigt eine Passantin mit rot geschminkten Lippen, die gemeinsam mit einem französischen UN-Soldaten Erste Hilfe leistet, nachdem ein bosnischer Soldat auf offener Straße angeschossen wurde. Kurze Zeit später war er tot. Schon diese ersten Aufnahmen zeigen den besonderen Blick der Fotografin. Die Perspektive der Kamera ist leicht erhöht, der Blick der Frau trifft ins Mark. Die Sinnlosigkeit des Tötens könnte kaum trefflicher zum Ausdruck gebracht werden. Ein weiteres Beispiel ihres Könnens: "I want Freedom, Hitler" steht als Graffito in schwarzen Buchstaben auf einer grauen Häuserwand. Eine Frau mit Schleier nimmt davon keine Notiz, sondern hetzt eilig vorbei. Solche eher nebensächlichen Momentaufnahmen geben Aufschluss über das Denken der Menschen in Bosnien, wo der serbische Präsident Slobodan Milosevic von der muslimischen Bevölkerung häufig mit Hitler verglichen wurde.

Anja Niedringhaus redet und gestikuliert 200
Anja Niedringhaus 2004Bild: F.A.Z./Wolfgang Eilmes

Große Liebe zu Afghanistan

Nach einem kurzen Aufenthalt in Libyen verbringt Anja Niedringhaus zehn Jahre in Pakistan und Afghanistan. Das Land sei ihre "große Liebe" gewesen, sagt Sonya Winterberg, Kuratorin der Ausstellung. Nach ersten Aufenthalten 2001/2002 fuhr die Fotografin ab 2008/2009 regelmäßig nach Afghanistan. Ihre Arbeit entwickelte sich so in Richtung "Fotoessay", wie Kuratorin Sonya Winterberg im Katalog zur Ausstellung schreibt. Bilder bauen aufeinander auf und erzählen Geschichten. In Zusammenarbeit mit AP-Chefreporterin Kathy Gannon entstehen in Afghanistan erste Text-Bild-Geschichten. Wieder sind es die Kompositionen ihrer Aufnahmen sowie das malerische Element, wie es ein Kunsthistoriker einmal formuliert hat, das Anja Niedringhaus auszeichnet. Tatsächlich erinnern manche Situationen an Gemälde der Renaissance. Anja Niedringhaus und Kathy Gannon treffen auf Nomaden in der Provinz Helmand, sie porträtieren Schuldmädchen, die Basketball spielen in Kabul, Nahrungsmittelvorräte für US-Marines, die von einem Flugzeug abgeworfen werden und an Fallschirmen vor blauem Himmel schweben.

Frauen genossen in Afghanistan keine Sonderrechte

"Wir waren die einzigen Frauen in Afghanistan, aber niemand hat uns so betrachtet. Wir waren auch die ersten Embeds (Embedded Journalists, Anm. d. Red.) bei den US-Streitkräften, auch das war kein Problem." Einziges Problem sei das Duschen gewesen, da habe Anja immer Wache gehalten und umgekehrt. Der Ausstellungstitel "Bilderkriegerin" mutet beinahe etwas zu martialisch an, schließlich hätten sich die Frauen als Bildjournalistinnen verstanden, wie Kathy Gannon betont. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, die Geschichten der Menschen im Krieg zu erzählen, ihren Alltag zu dokumentieren. Angst habe weder sie noch Anja Niedringhaus gehabt. "Warum sollten wir Angst haben? Die Zivilisten kamen ja auch damit klar und haben das Bomben ausgehalten", sagt sie. Die Journalistinnen wollten vor allem eins: erstklassige Bilder liefern für ihre Agenturen und zeigen, wie die Menschen mit dem Krieg umgehen.

Die Ausstellung "Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin" ist bis zum 30. Juni 2019 im Käthe Kollwitz Museum Köln zu sehen.

Autorin Sabine Oelze
Sabine Oelze Redakteurin und Autorin in der Kulturredaktion