Chiles Missbrauchskandal: Ein Fall für die deutsche Justiz

Ein Erzbischof aus Chile floh nach sexuellen Verbrechen vor der Justiz seines Landes nach Deutschland. Dann verübte er auch hier sexuellen Missbrauch. Und nun beschäftigt sich erstmals die deutsche Justiz mit dem Fall.

"Wir stehen an der Seite der Betroffenen sexuellen Missbrauchs." Nur wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Mitte September betont Kardinal Reinhard Marx in einem Gottesdienst in Vallendar-Schönstatt seine Erschütterung über die Dimension des Missbrauchs.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz spricht vom "unvorstellbaren Leid", das Minderjährigen durch Priester widerfahren sei. Vallendar-Schönstatt, einige Kilometer von Koblenz auf der rechten Rheinseite gelegen, ist der Ort der heute in zahlreichen Ländern engagierten Schönstattbewegung, die sich innerhalb der katholischen Kirche für geistige Erneuerung einsetzt. 

Ob Marx da nicht wusste, nicht ahnte, dass in einem der Gebäude der Bewegung ein wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigter Geistlicher wohnt?Denn erstmals beschäftigt sich die deutsche Justiz mit einem katholischen Erzbischof, dem sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen in Deutschland vorgeworfen wird.

Kardinal Reinhard Marx war Mitte September in Schönstatt

Der Deutschen Welle liegt ein Schreiben des Schönstatt-Säkularinstituts vor, welches das juristische Verfahren nach einem Missbrauchsfall im Jahr 2004 bestätigt. Und der Beschuldigte wohnt, pflegebedürftig, in Schönstatt, dort büßend für seine sexuellen Verbrechen früherer Jahrzehnte. Nur die wenigsten kennen den Vorgang. Der ein oder andere spricht vom "Fall Schönstatt".

Erst jetzt finden Opfer Gehör

Der gebürtige Chilene Francisco José Cox, heute 84 Jahre alt, hat eine beeindruckende kirchliche Karriere durchlaufen. Er war erst 40 Jahre alt, da ernannte ihn Papst Paul VI. zum Weihbischof. Mit 47 Jahren stieg er die Karriereleiter weiter nach oben und wurde in Rom Sekretär des Päpstlichen Rates für die Familie. 1985 schickte ihn Papst Johannes Paul II. ihn als Koadjutor-Erzbischof (das bedeutete automatisch die Nachfolge auf den damals noch amtierenden Erzbischof im Jahr 1990) in die chilenische Diözese La Serena.

Politik | 27.09.2018

Viele dunkle Vorgänge und Verbrechen in der Kirche Chiles kommen jetzt erst ans Licht

Doch La Serena ist eine der chilenischen Diözesen, in denen sexuelle Gewalt gegen Minderjährige durch Kleriker verbreitet war. Auch die Vertuschung der Taten gehörte dazu. Erst jetzt, da der Missbrauch-Skandal in Chile die Kirche erschüttert und Bischöfe zurücktreten, kommen viele Aussagen von Opfern ans Licht. Oder sie finden erst jetzt Gehör.

Küsse und Berührungen

Einen von ihnen ist Hernán Godoy. Mit Jungen, berichtete er laut chilenischen Medien nun dem Gericht von La Serena, trieb Cox seltsame Spiele. Er mochte es, ihre Finger in seine Hände zu nehmen und so fest zuzudrücken, bis sie schrien. Womöglich animierte ihn das. Jedenfalls drückte er weiter.

So schilderte es der ehemaliger Messdiener der Diözese von Chillán Viejo rund 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, die Cox, damals, 1985, leitete. "Ich war damals 13 Jahre alt", berichtete Godoy dem Gericht von La Serena, das gegen den Geistlichen ermittelt.

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Cox schildert den Bischof im Rückblick als "sympathischen, charismatischen Menschen". Aber der Geistliche hatte diese merkwürdigen Verhaltensweisen. Und er beschränkte sich nicht nur auf die Hände der Jungen. "Eines Tages öffnete ich die Tür zu seinem Arbeitszimmer und sah, wie er einen anderen Jungen küsste. Der Junge hatte kein T-Shirt an, und Cox berührte ihn." Schockierend sei das gewesen, zitiert die chilenische Zeitung "La Tercera" Godoy. "Ich stellte mich dumm und ging nach Hause - ohne zu ahnen, dass mir dasselbe passieren würde."

Der heute 46 Jahre alte Hernán Godoy ist einer von insgesamt vier Zeugen, deren Aussagen den ehemaligen Erzbischof Cox belasten. Nach seinem Weggang aus Chillán Viejo war Cox von 1990 an als Erzbischof für die Diözese La Serena zuständig. Dort fielen seine pädophilen Neigungen bald auf.

"Hang zu Pädophilie"

Der Erzbischof habe seinem Hang zur Pädophilie ungehindert nachgehen können, erklärte ein anderer Belastungszeuge in dem Prozess, der 49 Jahre alte Abel Soto Flores. Und er beschuldigt den Erzbischof Bernardino Piñera Carvallo, Vorgänger von Cox in La Serena, von dessen Taten nicht nur gehört zu haben, sondern deren unmittelbarer Zeuge gewesen zu sein.

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"Piñera deckte und schützte ihn", zitiert die Zeitung "El Dínamo" Soto. Pikant ist: Piñera Carvallo, mit heute 103 Jahren der älteste noch lebende Bischof weltweit, ist ein Onkel des derzeitigen chilenischen Staatspräsidenten Sebastián Piñera.

"Ich lebte mit Bernardino Piñera und Cox im Bistum von la Serena. Ich aß jeden Tag mit ihnen. Piñera sah, wenn Cox mich betatschte und auf den Mund küsste, vor ihm und der Familie, die uns pflegte", zitiert "El Dínamo" Soto. Direkt vergewaltigt habe Cox ihn nicht, so Soto weiter - "aber es fehlte nicht viel bis dahin." Piñera habe auf vielfache Weise versucht,  Cox an seinem Tun zu hindern, aber die Versuche waren nicht so energisch, dass Cox mit den Übergriffen aufgehört hätte.

Rücktritt mit 63 Jahren

Die Übergriffe waren so vielfältig, dass sie auffielen. Und sich Berichte über sexuelle Verfehlungen des Erzbischofs häuften, auch nach Rom kamen. Offiziell zog sich Cox im April 1997 von seinem Amt zurück, weil der Vatikan seinen Rücktritt angenommen hatte. Ein Rücktritt mit 63 Jahren ist für einen Bischof ausgesprochen ungewöhnlich.

Fünf Jahre später räumte der Erzbischof von Santiago de Chile, Kardinal Francisco Javier Errazuriz Ossa, ein, dass Cox wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zurückgetreten sei. Der Schönstatt-Pater habe sich auf eigenen Wunsch zurückgezogen, um "für die begangenen Fehler um Vergebung zu bitten". Chilenische Medien hatten dies als Schuldeingeständnis gewertet. 

Gläubige vor der Kapelle der Schönstatt-Bewegung im Wallfahrtsort Vallendar

Von Kolumbien siedelte Cox, der nach Chile nie mehr offiziell zurückkehrte, nach Deutschland über, nach Vallendar. Dort kam es offensichtlich zumindest 2004 zum sexuellen Missbrauch an einem Schutzbefohlenen. Allerdings sprechen unbestätigte chilenische Quellen auch von Missbrauchfällen in Deutschland zwischen 2004 und 2007, wegen der auch in den USA eine Klage angestrengt werde.

Der Generalobere der Schönstattbewegung, Juan Pablo Catoggio, sagte der Deutschen Welle, er habe sich von sich aus an die Justiz gewandt, die die Ermittlungen aufgenommen habe. Der chilenische Provinzobere Fernando Baeza bestätigte, dass in Deutschland gegen Cox ein juristisches Verfahren laufe, bei dem gegen ihn wegen eines Missbrauchsfalls im Jahr 2004 auf deutschem Boden ermittelt werde. Die zuständige deutsche Staatsanwaltschaft und das Bistum Trier wollten sich am Freitag noch nicht zu dem Vorgang äußern. Der Missbrauch eines Schutzbefohlenen verjährt nach deutschem Recht nach fünf Jahren.

Rückzugsort Deutschland

Abzuwarten bleibt, ob Papst Franziskus Cox auch aus dem Priesterstand entlassen wird, wie er es in diesem Jahr schon bei mehreren lateinamerikanischen Geistlichen tat. Dafür könnte auch die Wucht der Vorwürfe minderjähriger Opfer sorgen, die sich nun trauen, in Chile ihre Erfahrungen zu schildern, und dort auch – anders als vor Jahren - Gehör finden.

Doch die Abwicklung des Täters Cox durch den Vatikan erinnert an einen anderen prominenten Fall. Der von Papst Johannes Paul II. stets hofierte Gründer der Legionäre Christi, der Mexikaner Marcial Maciel, zog sich als 86-Jähriger im Jahr 2006 wegen Vorwürfen des langjährigen sexuellen Missbrauchs auf Anweisung der Glaubenskongregation zu einem Leben in Gebet und Buße zurück und verzichtete auf jeden weiteren öffentlichen Auftritt. Zu einem staatlichen Strafverfahren kam es nie. Zwei Jahre später starb er. Nun hat Chile einen ähnlichen Fall, José Cox. Sein Rückzugsort liegt in Deutschland. Und er wurde dort rückfällig.

Es ist reiner Zufall, dass am nächsten Mittwoch Chiles Präsident Sebastián Piñera bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin zu Gast ist. Nun hätten sie ein Thema mehr.  

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