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Der Berliner Zoo hat Geburtstag

Sabine Peschel
31. Juli 2019

Seit seiner Eröffnung 1844 ist die Geschichte des Berliner Zoos untrennbar mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden. Publikumslieblinge wie Gorilla Bobby oder Eisbär Knut wurden Teil des Stadtgedächtnisses.

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Berliner Zoo - Postkarte von Franz Kuhn
Bild: picture alliance / IMAGNO/Austrian Archives

Der weltberühmte Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt gehörte zu seinen Befürwortern wie der Garten- und Landschaftsgestalter Peter Joseph Lenné. Die Idee, nach dem Londoner Vorbild auch in Berlin einen Zoologischen Garten einzurichten, entsprach Mitte des 19. Jahrhundert dem Zeitgeist: Bildung und moralische Erziehung waren bürgerliche Ideale.

Bildungsinstitution Zoo

Doch als er vor 175 Jahren gegründet wurde, war dieser Ort, um Tiere anzuschauen und zu studieren, für die Berliner "jwd" – "janz weit draußen". Berliner benutzen diese dialektale Kurzformel für alles, was "ganz weit" entfernt vom Zentrum des Geschehens vor sich geht – und demzufolge keine große Rolle spielt. Heute kaum vorstellbar, traf das auch für den Zoo zu, als er am 1. August 1844 seine Pforten öffnete. Denn um in den Zoo zu gelangen, mussten die Besucher erst auf unwegsamen Pfaden den außerhalb der Stadt und vor dem Brandenburger Tor liegenden Tiergarten, den einstigen Jagdgrund der Könige, durchqueren. 

Weit entfernt von Attraktivität war anfangs auch das Angebot des jungen Zoos. 47 Tiere überließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV. dem Zoo als Erstausstattung: Affen, Bären und Vögel. Die meisten kamen aus der aufgelösten königlichen Menagerie der Pfaueninsel. Heute ist der Berliner Zoo mit seinen rund 20.000 Tieren und knapp 13.000 Arten nach eigenem Anspruch die vielfältigste Tiersammlung der Welt.

Berliner Zoo - Elefantenhaus 1879
Einem Märchenpalast glich 1879 das Elefantenhaus im Berliner Zoo Bild: picture-alliance/akg-images

Wenige Tiere, mangelnde Einnahmen

Seine Geschichte spiegle die Entwicklung Deutschlands von einem preußischen Königreich zu einem vereinten Land, erklärt der Historiker Clemens Maier-Wolthausen im Gespräch mit der DW. Für sein Buch "Hauptstadt der Tiere" hat er die Geschichte des ältesten deutschen Zoos erforscht. "So ist deutlich zu sehen, dass der 1844 gegründete Zoo in den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens klein und unbedeutend bleibt, keine großen Erfolge feiert und auch nicht viele Besucher anzieht."

Wenig Gewinn erwirtschaftete der Zoo für die Aktiengesellschaft, die ihn seit 1847 führte. "Es bedurfte des Gründerbooms", so Maier-Wolthausen, "der gewachsenen Bedeutung der Stadt Berlin und der Industrialisierung, die dann ab 1870 sehr stark einsetzt, dass der Berliner Zoo tatsächlich zu einem führenden Zoologischen Institut in Europa wurde. Es bedurfte der Bürger und der Kaufleute, die ihren Zoo unterstützten und ihn liebten."

Berliner Zoo - Gruppenbild von Besuchern vor dem Raubtiergehege ca 1920
Gruppenbild von Besuchern vor dem Raubtiergehege, ca. 1920Bild: picture-alliance/akg-images

Der Aufschwung nach dem Gründerboom

Historiker Clemens Maier-Wolthausen
Historiker Clemens Maier-Wolthausen erforscht die Geschichte des Berliner ZoosBild: Privat

Ab Anfang der 1870er Jahre wurden exotisch anmutende Gebäude wie das Antilopenhaus mit vier Minaretten, ein indisches Elefantenhaus und das berühmte Elefantentor am Eingang errichtet. Maurische Paläste, Blockhäuser und Fachwerkgebäude – die Gebäude sollten die fremden Länder, aus denen die Tiere kamen, gleich mit abbilden. Riesige, reich ausgeschmückte Restaurants und Konzerte machten den Zoo zusätzlich populär.

Alfred Brehms neues Aquarium Unter den Linden stellte nicht nur Fische und Meerestiere aus, auch Vögel und Reptilien wurden gezeigt. 1875 zog sogar der erste in Europa ausgestellte Gorilla "Mpungu" ins Aquarium ein - eine Sensation! Er überlebte nur anderthalb Jahre. Der Zoo bemühte sich über eine langen Zeitraum um einen Zusammenschluss der beiden Institutionen, ehe 1913 auf eigenem Gelände ein Aquarium  eröffnet wurde.

"Völkerschauen" noch bis in die 30er Jahre

Doch es waren nicht nur die vielen Neubauten und der wachsende Tierbestand, die immer mehr Besucher anzogen. Auch die  Forschungs- und Kolonialgeschichte hinterließ ihre Spuren. 1878 kam die erste "Völkerschaugruppe" in den Zoo, eine kleine Gruppe Inuit. Nach dem Erfolg der "Eskimos" wurden "Nubier" und "Lappen" ausgestellt. Noch bis 1931 zeigte der Zoo fremde Völker durch "Darsteller", zuletzt Frauen aus dem Gebiet des Tschadsees in Zentralafrika, die von der Presse als "Lippennegerinnen"  angekündigt wurden.

Berliner Zoo Archivbild
1920 zeigte der Berliner Zoo eine "Ostafrika-Schau" Bild: picture-alliance/akg-images

Nach der Jahrhundertwende wurde der Zoo immer mehr zu einem Mittelpunkt des Berliner Stadtlebens und zu einer viel besuchten Bildungs- und Freizeiteinrichtung. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte der inzwischen weltberühmte Garten einen Bestand von etwa 3500 Tieren. Der Krieg machte den internationalen Tierhandel unmöglich, nach dem Krieg tat die Inflation ein Übriges: Am 1. Oktober 1922 wurde der Zoo für ein halbes Jahr geschlossen.

Von den Goldenen Zwanzigern zum NS-Niedergang

Nach der Währungsstabilisierung 1924 erlebt der Zoo seine goldene Zeit: Es wurde sogar das erste Kind eines Menschenaffen im Zoo geboren. Leider starb die Schimpansenmutter kurz darauf. 1928 gelang die erste erfolgreiche Elefantennachzucht, und die Berliner strömten in Scharen in den Zoo. Das wichtigste Ereignis aber war 1928 die Ankunft des Gorillas Bobby, den die Berliner in ihr Herz schlossen. Er schmückt heute sogar das Zoo-Logo.

Berliner Zoo - Tierwärter Ohlsen mit einem Nashornbaby um 1925
Wiederaufschwung: Tierwärter Ohlsen mit einem Nashornbaby um 1925Bild: picture-alliance/akg-images

Während des Nationalsozialismus dienten sich Zoo-Direktor Lutz Heck, der Aufsichtsrat und  die Belegschaft den neuen Machthabern an. Jüdische Aktionäre wurden enteignet, "Reichsmarschall" Hermann Göring erhielt junge Löwen als Haustiere. Mit dem Zweiten Weltkrieg brach das Desaster erneut herein: Der Zoo wurde in Schutt und Asche gelegt. Nur 91 der 3715 Tiere überlebten den Krieg.

Eine besondere Treue

Doch die Berliner erwiesen ihrem Zoo auch in den harten Nachkriegsjahren große Treue. Das männliche Flusspferd "Knautschke" hatte als eines der wenigen großen Tiere die Bomben des Zweiten Weltkriegs und die Schlacht um Berlin überlebt. "Dank der Futterspenden der Berlinerinnen und Berliner überlebte es auch die Blockade", erzählt Maier-Wolthausen. "Es wurde für sie zu einem Sinnbild des eigenen Durchhaltewillens."

Bronzeplastik Knautschke
Die Bronzeplastik des Flusspferds "Knautschke" bei ihrer Ankunft im Berliner ZooBild: picture-alliance/dpa

Immer wieder entstand zwischen einzelnen Tieren und den Berlinern ein besonders intensives Verhältnis. "Ich glaube, es ist die Geschichte der geteilten Stadt, der Stadt unter der Blockade, der Stadt, in der der Zoo eine grüne Oase war, die dazu geführt hat, dass die Berliner mit ihren tierischen Leidensgenossen, die das gleiche durchlitten, eine große Identifikation entwickelten", vermutet der Historiker. "Als Anfang der 1980er Jahre die ersten Pandas in den Westteil der geteilten Stadt kamen, waren sie für viele Berliner ein Beispiel dafür, dass die Stadt nicht vergessen war."

Neue Haltungsbedingungen für den Natur- und Artenschutz

1955 war in der "Hauptstadt der DDR" der Ostberliner "Tierpark" gegründet worden, von Berlinerinnen und Berlinern teilweise in Freiwilligenarbeit mit aufgebaut. Nach dem Mauerfall wurden auch die beiden Zoologischen Gärten unter einem Verwaltungsdach vereint. Die "Zoologischen Gärten von Berlin" ziehen jährlich fünf Millionen Besucher an. Tierische Stars wie der kleine Eisbär Knut erregen weltweit Aufmerksamkeit.

Eisbärbaby "Knut" hat am Freitag seinen ersten Auftritt
"Cute Knut", das tapsige Eisbärbaby im Februar 2007Bild: picture-alliance/dpa

Für die nahe Zukunft ist im Berliner Zoo die Wiedereröffnung des Raubtierhauses mit großzügigen Innen- und Freianlagen geplant. Sie sollen die Tiere zeitgemäß in ihrer naturnahen Umgebung zeigen. "Das nächste große Projekt ist anschließend der komplette Neu- und Umbau der Nashornanlage", berichtet Maier-Wolthausen. Dort sollen den Besuchern verschiedene Nashornarten in einem großzügigen Dschungel gezeigt werden. "Denn Sinn und Zweck ist es vor allen Dingen, bei den Besucherinnen und Besuchern ein Bewusstsein für den Natur- und Artenschutz zu erwecken."

Clemens Maier-Wolthausen: "Hauptstadt der Tiere - Die Geschichte des ältesten deutschen Zoos", Verlag Christoph Links, 280 Seiten