Deutschlands Kunstrebell Klaus Staeck ist 80

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Wir ruinieren das Klima

Klaus Staeck versteht sich als Anwalt der kleinen Leute im Kampf gegen die Großen und Mächtigen. Viele fühlten sich von den satirischen Slogans des Künstlers, Graphikers, Verlegers und Juristen provoziert. Doch bis heute gewann Staeck jeden Gerichtsprozess.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Dürers Mutter - wie alles anfing

Ein Plakat, das Furore machte: Es zeigt die Kopftuch tragende Mutter Albrecht Dürers, die 18 Kinder zur Welt gebracht und Seuchen und Armut überlebt hat. Im Dürer-Gedenkjahr 1971 plakatierte Staeck das Motiv in Nürnberg, das Dürer zu seinem 500. Geburtstag mit einer Ausstellung feierte - und wo gleichzeitig ein Makler-Kongress stattfand. Seine Aktion machte Klaus Staeck schlagartig bekannt.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Ansichtssachen

Klaus Staeck im überquellenden Büro seiner Heidelberger Edition Staeck. Von hier aus hat sich der Plakatkünstler in die politischen Debatten der Republik eingemischt. Seit 2006 stand Staeck auch der Berliner Akademie der Künste vor. Heute ist er ihr Ehrenpräsident.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Plakatkünstler der Republik

Hunderte Plakate hat der ursprünglich aus Ostdeutschland stammende Künstler bis heute gemacht. Mit ihnen mischte er sich treffsicher in die politischen Debatten der 1970er und 80er Jahre ein. Aufrütteln, provozieren, kritisieren – mit diesem Credo wurde Staeck zum bekanntesten Plakatkünstler der Republik. Seine Werke wurden mehrfach auf der Kasseler "documenta" gezeigt.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Die Aktionskünstler

Staeck war der Herausgeber, mit dem Joseph Beuys seit 1968 am häufigsten zusammengearbeitet hat: Er war an der Herstellung von mehr als 200 Multiples beteiligt. Dieses Foto zeigt die Künstler als politische Aktivisten, wie sie 1970 an die Tür der Düsseldorfer Kunstakademie klopfen.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Wurst und Banane

"Es wächst zusammen, was zusammen gehört", hatte Willy Brandt, der populäre Alt-Kanzler und einstige Berliner Bürgermeister den Mauerfall vom 9. November 1989 kommentiert. Der Heidelberger Plakatkünstler formulierte dazu augenzwinkernd das passende Bild – mit Banane und Fleischwurst.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Trump, der neue Lügenbaron

"Wieder im Programm: Der Lügenbaron" lautet der Text auf diesem Plakat. Mit ihm bezieht sich Staeck auf eine frühere Arbeit, die den damaligen Kanzler Helmut Kohl beim Ritt auf einer Kanonenkugel über die von ihm versprochenen "blühenden Landschaften" im Osten Deutschlands zeigte. Statt Kohl reitet jetzt der US-Präsident auf der Weltkugel - als neuer Lügenbaron.

Klaus Staeck: Stachel im Fleisch der Bundesbürger

Sand fürs Getriebe

Die Klaus Staeck-Retrospektive im Museum Folkwang in Essen lässt Staecks künstlerisches Werk Revue passieren. Es reicht von früher Druckgraphik über Multiples bis hin zu seinen Aufsehen erregenden politischen Plakaten der 1970er und 80er Jahre. Treffender Titel der Schau: "Sand fürs Getriebe".

Seine Plakate prägten das visuelle Gedächtnis der alten Bundesrepublik. Staeck überzog die Reichen und Mächtigen mit Witz und Häme. Und vor Gericht behielt er immer die Oberhand. Denn er ist selbst Jurist.

Staecks Kunst, das sind vor allem Plakate, Postkarten, Aufkleber und Multiples. Mit ihnen bezieht er Position - fast jeder Entwurf enthüllt einen Missstand. "Meine Hoffnung ist", sagt er, "Störendes zu beeinflussen." Er möchte zum Nachdenken anregen - sein Widerspruchsgeist, sein Humor und seine Fabulierkunst kommen ihm dabei zugute, auch heute noch.

So druckte er 2014 "nie mehr amazon" auf ein Plakat. Mit den Namen "AMAZON", "FACEBOOK", "GOOGLE" und "APPLE" benannte er im gleichen Jahr Albrecht Dürers vier apokalyptische Reiter (Holzschnitte von 1497/98 - Anm.d.Red.), unter deren Ansturm die Welt zugrunde geht. Zu seinem 80. Geburtstag breitet das Essener Museum Folkwang derzeit Staecks Lebenswerk in einer großen Ausstellung aus.

Plakat zur Essener Staeck-Ausstellung "Sand fürs Getriebe".

Eines der Plakate zeigt Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, wie er 1997 auf einer Kanonenkugel sitzend "blühende Landschaften" überfliegt. Titel: "Der Lügenbaron". Über die Porträts zweier Industriemanager montierte Staeck 1988 den Schriftzug: "Alle reden vom Klima. Wir ruinieren es."

Das Plakat als Kunstform

Klaus Staeck hat das Plakat zur Kunstform erhoben. Viele seiner Arbeiten brannten sich ins kollektive Gedächtnis der alten Bundesrepublik (1949-1990) ein. Das Plakat "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" etwa entstand im Dürer-Jahr 1971. Es zeigt Dürers Mutter und wurde in Nürnberg anonym plakatiert, als dort eine große Dürer-Gedächtnisausstellung stattfand - zeitgleich zu einem Kongress des Haus- und Grundbesitzer-Vereins.

Kunst | 08.02.2018

Polit-Satire an die Adresse der SPD

Aufreger-Plakat von Klaus Staeck aus dem Jahr 1971.

Mit den Plakaten "Die Reichen müssen noch reicher werden. Deshalb CDU" oder "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen" griff Staeck in Wahlkämpfe ein und avancierte so zum ironischen Kommentator des Politbetriebs. Aus seiner linken Gesinnung machte er keinen Hehl. Doch Staecks Satire traf den Nerv der Zeit: Viele Zeitgenossen fühlten sich provoziert und strengten Prozesse gegen den Künstler an. Keines der 41 Verfahren verlor Staeck.

Schlacksig-schlank, im typischen blauen Anzug, so schlenderte Staeck jetzt durch die Essener Geburtstagsausstellung. Ihr Titel "Sand fürs Getriebe", zu sehen noch bis zum 8. April, trifft genau seinen Anspruch. "Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle, "und da gibt es immer was zu tun." Unerschrocken legte er sich mit den Mächtigen an, darunter Großkonzerne wie Rheinmetall, Amazon oder Google. "Die zocken Leute ab und erwerben ihre Reichtümer so, dass andere darunter leiden!" Das hat ihn motiviert.

"Mehr loben wirkt auch"

Provokantes Staeck-Plakat

Klaus Staeck wuchs in der ostdeutschen Industriestadt Bitterfeld auf. Dort erlebte er auch den Volksaufstand vom 17. Juni 1953. "Die Demokratie bietet wie keine andere Staatsform die Chance, sich einzumischen und Fragen zu stellen, die andere möglicherweise nicht gern hören", versichert Staeck im DW-Gespräch. Auf Antworten zu bestehen, das sei die große Chance der Demokratie. "Die nutze ich, vielleicht auch deshalb, weil ich als Jugendlicher in der DDR die Unfreiheit erfahren und die Freiheit zu schätzen gelernt habe." Um Freiheit zu verteidigen, greift Klaus Staeck zu satirischen Mitteln.

Nach dem Abitur 1956 siedelte er nach Heidelberg über und studierte Jura. Viele seiner Plakate hingen schon bei der Kasseler Kunstschau "documenta". "Nicht altersmüde" findet sich Staeck, der von April 2006 bis Mai 2015 Präsident der Akademie der Künste in Berlin war und heute ihr Ehrenpräsident ist. Inzwischen findet er sich "höchstens altersweise". Und statt zu kritisieren, möchte er mehr loben. "Das", sagt er, "wirkt auch!"