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Blumenuhr

Brigitte Osterath17. August 2011

Sag mir, welche Pflanzen ihre Blüten geöffnet haben, und ich sage Dir, wie spät es ist. Dieses Phänomen ist als Blumenuhr bekannt. Doch die ungewöhnliche Zeitmessung arbeitet nur korrekt, wenn die Bienen pünktlich sind.

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Eine Biene sitzt auf einer Blüte (Foto: Tatjana Holschneider/dpa/lhe) dpa 18085631
Biene auf BlumeBild: picture-alliance/dpa

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné musste im 18. Jahrhundert nur aus seinem Fenster auf ein selbst gepflanztes Blumenbeet schauen, um zu wissen, wie spät es war. Bis auf fünf Minuten genau konnte er aus seiner Blumenuhr die Zeit ablesen, so heißt es.

Vormittags sind die Blüten des Bitterkrauts geöffnet: Die Wiese ist gelb (Foto: Universität Göttingen)
Morgens sind die Blüten des Bitterkrauts offen...Bild: Universität Göttingen

Denn unterschiedliche Pflanzenarten blühen zu unterschiedlichen Tageszeiten: Die Distel etwa morgens zwischen 6 und 12 Uhr, der Waldsauerklee zwischen 10 und 16 Uhr, die Blüte der Sumpfdotterblume wiederum bleibt von 8 bis 21 Uhr offen.

Doch was Carl von Linné damals noch nicht wusste: Diese Zeiten halten die Pflanzen nur dann ein, wenn ihre Blüten rechtzeitig von Insekten bestäubt wurden.

Nicht so zuverlässig wie lange gedacht

Knapp 300 Jahre glaubte man, dass die Öffnungszeiten der Blüten hauptsächlich davon abhingen, wie hell und wie warm es ist. Einen geringeren Einfluss hatten nach gängiger Lehrmeinung die Luftfeuchtigkeit und die innere Uhr der Pflanzen. Doch eine große Rolle spielt auch, ob die Blüte bereits Besuch von Bestäubern hatte, haben Forscher der Universität Göttingen im Feldversuch herausgefunden.

Nachmittags ist die Wiese weniger gelb: die Blüten des Bitterkrauts haben sich geschlossen (Foto: Universität Göttingen)
.... und nachmittags haben sich fast alle Blüten geschlossenBild: Universität Göttingen

Der Korbblütler Kleinköpfiger Pippau, mit lateinischem Namen Crepis capillaris, schließt seine gelben Blüten unter normalen Bedingungen – wenn genügend Bienen anwesend sind – gegen 13 Uhr. In Beeten, bei denen die Forscher die Pflanzen mit feinen Drahtkäfigen gegen alle Insekten abschirmten, hielt der Kleinköpfige Pippau seine Blüten hingegen bis durchschnittlich 19 Uhr offen: Offensichtlich warten die Blüten dann noch auf die Bestäubung. Nachts waren stets alle Blüten geschlossen – unabhängig vom Bienenbesuch.

Waren Bestäuber anwesend, interessierten sie sich vor allem in der Zeit zwischen 10 und 11 Uhr für den Kleinköpfigen Pippau, am Nachmittag kamen dann andere Blumen an die Reihe, schreiben Biologe Jochen Fründ und seine Kollegen.

Der Sinn des Ganzen ist offensichtlich: Indem die Pflanzen zu unterschiedlichen Zeiten ihre Blüten für die Insekten öffnen, konkurrieren sie weniger miteinander – und am Nachmittag werden die Bienen automatisch dahin gelenkt, wo noch nicht bestäubt wurde. Eine Pflanze mit geschlossenen Blüten verliert zudem weniger Wasser.

Ganz schön flott - für eine Pflanze

Die Pflanze Kleinköpfiger Pippau - eine Blüte wurde bereits bestäubt und ist daher geschlossen, eine ist noch offen (Foto: Universität Göttingen)
Die Blüte links wurde bereits bestäubt und ist daher geschlossenBild: Universität Göttingen

Dabei hat eine Bestäubung per Hand den gleichen Effekt wie ein Bienenbesuch: Bestrichen die Forscher einige Korbblütler mit einer anderen Blüte der gleichen Art, schloss sich die so künstlich bestäubte Blüte innerhalb von ein bis zwei Stunden.

Nur bei einer untersuchten Art, nämlich beim gewöhnlichen Löwenzahn Taraxum officinale, ließ die Bestäubung die Blüten kalt. Kein Wunder, denn der Löwenzahn vermehrt sich ungeschlechtlich – auf eine Bestäubung verzichtet er komplett. Er hält sich daher stets stur an seine Öffnungszeiten.

Wie genau die Blumenuhr tickt, ist nach Angaben der Göttinger Wissenschaftler von mehreren Faktoren abhängig. Ganz klar ist aber: Ohne Bestäuber geht die Blumenuhr nach.

Autorin: Brigitte Osterath
Redaktion: Fabian Schmidt