Die Deutschen, der Sex und die Scham

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07.07.2015

Die Deutschen, der Sex und die Scham

Sex ist heute überall. Nie zuvor wurde in Deutschland so viel und offen über Sex gesprochen. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Sexualmoral seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat. Trotzdem gibt es noch Grenzen.

Es dauert heutzutage keine 30 Sekunden und man ist mittendrin im reinen Sex – ohne ihn selber zu haben. Über Internetportale wie „pornhub“ kann man sich kostenlos Sex-Filme ansehen: Männer und Frauen zum Beispiel, die Sex an öffentlichen Plätzen haben. Frauen, die Sex mit Frauen haben. Oder Männer und Frauen, die gleichzeitig mit mehreren Partnern sexuell verkehren. Die Filme haben vielleicht nicht die beste digitale Qualität, aber sie sind sehr genau. Wer will, findet nackte Haut auch in Magazinen, in anspruchsvollen Filmen und in Talkshows. Es gibt in Deutschland heute eigentlich kein Thema mehr rund um Sex und andere Zärtlichkeiten, das nicht öffentlich besprochen wird. Polygamie zum Beispiel, wenn jemand offen mehr als einen Partner liebt. Oder sogenannte „Bondage-Parties“, bei denen sich Menschen treffen, die erotische Fesselspiele mögen. Auch Intim-Piercings, also Körperschmuck an intimen Körperbereichen wie beispielsweise Brustwarzen, sind alltäglich geworden. Und dass es Männer gibt, die sich sexuell besonders von älteren Frauen angezogen fühlen, das wissen heute schon Zwölfjährige. Sie kennen auch die entsprechende Abkürzung dafür, die in Pornofilmen verwendet wird: „MILF“. Das steht für „Mother I'd like to fuck“. Noch in den 1950er-Jahren war das komplett anders. Das Wort „Sex“ hätte niemand laut ausgesprochen – oder gar öffentlich darüber geschrieben. Klar, auch 1955 gab es Sex. Aber der fand im privaten Raum statt. Und selbst da war er irgendwie versteckt und hatte offensichtlich nichts mit Lust zu tun. Noch 1966 sprach das oberste deutsche Gericht, der Bundesgerichtshof, dieses Urteil:

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„Die Ehe fordert von der Frau die Gewährung des Beischlafs in Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“

Das bedeutet, dass Frauen laut Gesetz mit ihren Ehemännern schlafen mussten, auch wenn sie nicht wollten. Sie mussten Opferbereitschaft zeigen und ihrem Ehemann den Beischlaf, ein veraltetes Wort für Sex, gewähren, ihn zulassen. Und sie durften es sich nicht anmerken lassen, durften es nicht zur Schau tragen, wenn sie beim ehelichen Sex nur widerwillig, also gegen ihren Willen, mitmachten – oder es ihnen sogar egal war. Würde heutzutage ein Ehemann gegen ihren Willen mit seiner Frau schlafen, würde das als Vergewaltigung gelten. Denn das Rollenverständnis beider Geschlechter hat sich seit dem Gerichtsurteil verändert – ebenso wie die Auffassung in der Gesellschaft, was in der Sexualität erlaubt ist, die Sexualmoral, sagt Judith Kruse vom Museum Haus der Geschichte in Bonn:

Sexualmoral ist der Umgang mit Sexualität auf der einen Seite, aber auch generell mit dem Körper, und das Miteinander der Geschlechter. Auch das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau. Deshalb wird das auch bei uns in der Ausstellung thematisiert, weil das auch sehr stark reinspielt in Sexualität.“

Welche Auffassung Partner von ihrer Rolle in einer Beziehung haben, beeinflusst den Umgang mit Sexualität, spielt in sie hinein, wie Judith Kruse sagt. Sie hat an der Sonderausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ im Haus der Geschichte mitgearbeitet. Denn in den 1950er- und 1960er-Jahren waren die Rollen von Mann und Frau in Deutschland noch sehr klar verteilt: der Mann sagt, was zu tun ist, die Frau folgt und fügt sich. In der Ausstellung sind verschiedenen Videos zu sehen, die diese Haltung deutlich machen. Zum Beispiel ein Video aus dem deutschen Fernsehen der 1960er-Jahre, in dem ein Reporter eine Schule besucht, in der Frauen damals gelernt haben, einen Haushalt zu führen:

„Sagen Sie, was halten Sie eigentlich von der Gleichberechtigung der deutschen Frau? / Selbstverständlich, eine Gleichberechtigung. Aber trotzdem gehört die Frau in die Familie!“

Im Prinzip, so die Aussage der Frau, sollten Frauen zwar die gleichen gesetzlichen Rechte haben wie Männer, sollten gleichberechtigt sein. Aber ihr eigentliches Ziel sollte dennoch darin bestehen, zu heiraten, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen. Die Frau gehörte in die Familie. In einem anderen Video berichtet eine Frau von ihren Erlebnissen als verheiratete Frau in den 1950er-Jahren:

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„Ich war also in einer totalen Abhängigkeit von meinem Mann, von der Familie. Und ich bekam also Haushaltungsgeld. Das wurde auch bestimmt von meinen Schwiegereltern, wie viel das war. Und ich hatte überhaupt kein eigenes Konto. Ich hatte wirklich kein eigenes Geld. Ich wollte gerne arbeiten, aber das wurde abgelehnt. Das durfte ich auf gar keinen Fall. Das war bei anderen Ehemännern in unserem Bekanntenkreis genauso.“

Viele Männer gaben ihren Ehefrauen damals wöchentlich oder monatlich Geld, das sogenannte Haushaltsgeld, von dem sie alles bezahlen sollten, was nötig war: den Einkauf von Lebensmitteln, Reparaturen, aber auch den Friseur oder Kleidung. Wenn Frauen keinen eigenen Job hatten, hatten sie eben auch kein eigenes Einkommen und kein eigenes Bankkonto, auf das sie ihren Verdienst einzahlen konnten. Sie waren darauf angewiesen, dass ihre Ehemänner für alles bezahlten, waren finanziell von ihnen abhängig. Bis zum 1. Juli 1958 durften Ehemänner in Deutschland noch entscheiden, ob ihre Frau arbeiten gehen durfte oder nicht. Seit diesem Jahrzehnt hat sich in Deutschland jedoch in den Bereichen Rollenverständnis und Sexualität viel verändert. Anteil daran haben zum Beispiel die Erfindung der Antibabypille, die Frauenbewegung und die sogenannte Aufklärung in Familie und Schule. So wurde Kindern ab den späten 1960er-Jahren immer offener erklärt, was beim Sex zwischen Mann und Frau passiert und wie man schwanger werden kann. Und im Jahr 2013 waren laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach immerhin 64 Prozent der deutschen Männer der Meinung, dass die Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland erreicht sei. 28 Prozent der Männer fanden, dass mit der Gleichberechtigung übertrieben werde. Allerdings sind, wie dieser 24-jährige Mann, nicht alle dieser Meinung:

„Also, es ist noch nicht abgeschlossen. Also, es ist noch im Wandel. Und es wird noch aufgeklärter werden. Aber das muss halt auch durch alle, ja, Gesellschaftszonen durchgehen.“

Nach Ansicht dieses Ausstellungsbesuchers muss sich gesamtgesellschaftlich beim Thema „Gleichberechtigung“ noch mehr verändern. Es muss, wie er es formuliert, durch alle Gesellschaftszonen durchgehen. Denn es kommt auch heute in Teilen der Gesellschaft noch vor, dass Männer glauben, Frauen sollten nicht die gleichen Rechte haben wie sie. Es kommt auch immer noch vor, dass unter Partnern oder in der Familie wenig über Sexualität gesprochen wird. Und manche – wie diese beiden Teenager und eine 50-jährige Ausstellungsbesucherin – trennen ganz klar zwischen dem, was man sagt und was man macht:

„Mir wäre es eigentlich egal, drüber zu reden. Aber ich rede nicht drüber, weil es keinen angeht. Also, man sollte nicht rumprahlen, was man alles macht. ‘N bisschen Privatsphäre muss noch sein. / Ich bin so jemand, die redet nicht so gerne darüber, also mir ist das noch alles peinlich. Das ist zu intim und zu privat das Thema, dass ich das jetzt in die ganze Welt raustragen müsste. / Zum Beispiel, wenn das in der Öffentlichkeit zu sexuell wird zwischen Partnern. Das finde ich also nicht so toll. Weil ich denke, das ist ja doch schon ‘ne Intimität, die die betreffenden Personen auch unter sich alleine machen sollten.“

Die beiden Teenager finden, dass Sexualität etwas ist, das jeden selbst betrifft, angeht, etwas, das man nicht man anderen teilen, es in die ganze Welt hinaustragen muss. Außerdem, so der 16-Jährige, sollte man mit seinen sexuellen Vorlieben nicht andere beeindrucken wollen, damit prahlen. Die ältere Besucherin mag es nicht, wenn Partner in der Öffentlichkeit zu intim miteinander umgehen. Und damit berührt sie auch das Ausstellungsthema: Scham – ein Gefühl, das wie kaum ein anderes mit Intimität und Sex verbunden ist. Und – das mit einem Fragezeichen versehen – als Titel über der ganzen Ausstellung steht: schamlos? Wie schamlos oder schambehaftet war und ist das Thema Sex in Deutschland noch? Der Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann schreibt dazu in seinem Buch „Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist“:

„Scham hat zunächst und ganz grundsätzlich etwas mit kulturellen Werten zu tun – sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Nur wer soziale und moralische Erwartungen an sich selber hat und sie nicht erfüllt, empfindet Scham. Scham entsteht, wenn etwas aufgedeckt wird, was man verbergen möchte.“

Wer sich schämt, meint, dass er gegen die Werte einer Gesellschaft, gegen deren Moral, verstößt. Und trotz aller Offenheit, was den Bereich Sexualität und Intimität angeht, existiert Scham in Deutschland heute immer noch, vor allem bei Jugendlichen, bestätigt diese Lehrerin:

„Ich glaube, dass da Kinder und Jugendliche schon oft falsch eingeschätzt werden. Ich glaube, dass die schon gewisse Wertevorstellungen haben, und auch wissen, dass man mit manchen Dingen nicht in die Öffentlichkeit geht. Aber durch die ganzen Medien heute wird das ja alles offen publiziert, und die haben dann manchmal den Eindruck, sie müssen da mithalten, obwohl sie es vielleicht innen ganz anders sehen.“

Viele Kinder und Jugendliche wissen heute schon sehr viel über Sex, bevor sie überhaupt eigene praktische Erfahrungen damit gemacht haben. Sie orientieren sich an dem, was sie hören und sehen, und denken, genau so müsse das sein mit dem Sex. Sie meinen, da selbst mitmachen, mithalten zu müssen. Der offene Umgang mit Sexualität führt heute also auch dazu, dass Jugendliche sich offener geben, als sie eigentlich sind, und dass sie ihre wahren inneren Gefühle oder Ängste verbergen, es innen drin ganz anders sehen. Und was war die Antwort für die Organisatoren der Ausstellung? Judith Kruse meint:

„Dass es Werte gibt, die nach wie vor bestehen, und dass es wichtig ist, über Dinge zu reden. Und die Entwicklung, die dieses Reden gerade über Sexualität genommen hat. Also, von einer Nicht-Aufklärung in den 50er-Jahren bis hin zu einer sehr, sehr frühzeitigen Aufklärung.“

Das Fazit der Organisatoren ist: Die Sexualmoral hat sich in Deutschland seit den 1950er- Jahren stark gewandelt. Schamlos geworden sind die Deutschen nicht; und es gibt gewisse Werte, die beständig bleiben – wie der Wunsch nach Liebe und Treue.




Arbeitsauftrag
Stellt in eurer Lerngruppe einen Vergleich an: Wie wird in eurer Kultur mit dem Thema „Sexualität“ und „Scham“ umgegangen? Seht ihr Parallelen zu Deutschland? Wo liegen die Unterschiede? Erarbeitet einen Katalog von Fragen und diskutiert diese in kleinen Arbeitsgruppen. Präsentiert euer Ergebnis vor der gesamten Lerngruppe.