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Die Front in der Ukraine

Alexander Warkentin10. März 2014

Die ukrainische Halbinsel Krim ist offenbar inzwischen fest in russischer Hand. Auf der Landzunge zum Festland entstehen provisorische Grenzanlagen, mitten auf dem Gebiet der Ukraine. Einblicke in eine gespaltene Region.

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Am "Grenzübergang" auf dem "Perekop", der engen Landzunge zwischen der Krim und dem Festland - Foto: Alexander Warkentin (DW)
Bild: DW/A. Warkentin

Auf dem "Perekop", der engen Landzunge, die die Krim mit dem Festland verbindet, wird gearbeitet. Kräne versperren die Hauptstraße nach Simferopol mit Betonblöcken, auf dem Krim-Teil und einige dutzend Meter weiter auch auf dem ukrainischen Festland. Eilig wird hier offenbar ein "Grenzübergang" eingerichtet.

Die ukrainischen Soldaten an dieser Grenze sehen grimmig aus - mit ihren Kalaschnikows und Masken. In Wirklichkeit sind sie nett, verunsichert und jung, genauso wie die russischen Soldaten 50 Meter weiter.

"Jungs, schießt nur nicht!", sage ich halb im Scherz - oder doch in Ernst? "Keine Bange, wir haben keinen Schießbefehl", antwortet der betont korrekte junge Mann auf der Krim-Seite. Er ist eindeutig russischer Offizier. Aber von wem er keinen Schießbefehl erhalten habe, aus Moskau oder aus Simferopol, will er nicht sagen. Fotografieren darf ich auch nicht. Sonst sei er gezwungen, mir die Kamera wegzunehmen. Die Ukrainer hingegen haben gegen Fotos nichts einzuwenden.

"Wir Tataren haben nur die Krim als Heimat"

Die Krimtataren nahe dem Dorf Voikove demonstrieren gegen einen Anschluss ihrer Heimat an Russland - Foto: Alexander Warkentin (DW)
Demonstration von Krimtataren bei Voikove: "Russia go home"Bild: DW/A. Warkentin

Ich fahre zunächst weiter in Richtung Krim auf der sonst viel befahrenen Strecke zur Inselhauptstadt Simferopol. Die Straße ist wie leergefegt. Doch dann, am Ortsausgang des Dorfes Voikove, ein Menschenauflauf mit ukrainischen Fahnen. "Russia go home", steht auf einem Plakat. Auf einem anderen wird dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Botox-Vergiftung unterstellt.

Es sind Krimtataren, die nicht nur hier in Voikove, sondern auch in anderen tatarischen Dörfern demonstrieren. Die Volksgruppe ist traditionell muslimisch, aber eher weltlich gesinnt. Kaum eine Frau trägt bei der Demo in Voikove ein Kopftuch. Sie sind geschminkt und festlich gekleidet.

"Die Deutschen wissen wohl nicht, dass es uns überhaupt gibt. Dabei haben unsere Eltern mit den Russlanddeutschen zusammen die Verbannung in Kasachstan und Sibirien überstanden und einander geholfen", sagt eine Frau. Man müsse den Deutschen erklären, dass Russland ein Riesenreich sei. "Die Russen können doch wohnen, wo sie wollen. Wir, die Krimtataren, haben nur diese kleine Heimat - die Krim. Wenn Putin kommt, wer rettet uns vor einer neuen Vertreibung?", fragt die 50-Jährige. Sie berichtet, anfangs seien es mehr als 500 Demonstranten gewesen, aber der eiskalte Wind aus dem Osten habe manche vertrieben. Der Rest harrt aus - mit Kinderwagen, Luftballons und Plakaten.

Wo sind die "Faschisten"?

Zurück zum absurd wirkenden Grenzübergang. Dutzende von Betonblöcken zwingen alle Fahrzeuge, im Zickzack und Schritttempo zu fahren. Auf beiden Seiten stehen mobile Baukräne, die noch mehr Hindernisse auftürmen. Auf die Frage, was das solle, heißt es nur: "So lautet unser Befehl." Von wem er komme, darauf gibt es keine Antwort.

"Stopp dem Faschismus" – Plakat zum geplanten Referendum über den Anschluss der Krim an Russland - Foto: Baz Ratner
Plakat zum geplanten Referendum über den Anschluss der Krim an Russland: "Stopp dem Faschismus"Bild: Reuters

Wie man im Mietwagen den Kofferraum öffnet, weiß ich nicht. Der freundliche Soldat legt einfach beide Rücksitze um, um in den leeren Kofferraum zu schauen. Keine Waffen, kein Sprengstoff. Das russische Fernsehen in Simferopol erzählt aber, es seien Hunderte und Abertausende von "Faschisten" unterwegs, um das "rechtmäßige Streben der Menschen auf der Krim nach einer Wiedervereinigung mit Russland in die Luft zu sprengen".

Drei Mann auf der russischen Seite, 30 auf der ukrainischen

An der virtuellen Grenzlinie haben sich die Ukrainer festgefahren. Sie haben einfach aus dem nächsten Dorf einen Bagger geholt und ihre uralten Panzertransporter eingegraben. Sie haben eine Feldküche herangeholt, aus den umliegenden Dörfern kommen rostige sowjetische Shiguli-Autos mit Borschtsch-Suppe und Speck-Eiern angefahren.

Es sind etwa 30 bis 40 Mann auf der ukrainischen Seite. Auf der russischen sind es vielleicht drei oder vier. Aber keiner weiß, wie viele Russen sich im Gebäude nebenan verstecken. Einer schaut grinsend aus einem der Fenster: ein älterer Herr mit einer Kosakenmütze, die aussieht, als wäre sie Teil eines Karnevalskostüms. Ausweiskontrollen gibt es hier bislang nicht. Weder die Russen noch die Ukrainer haben von mir einen Pass oder die Fahrerlaubnis verlangt. An der absurden Grenze zwischen der Ukraine und der Ukraine hat wohl keiner den Befehl dazu gegeben.