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Die Raumfahrt braucht Russland

Dirk Lorenzen29. April 2014

Ein Weltraum-Boykott Russlands als Reaktion auf die Ukraine-Krise hätte dramatische Folgen für Europa und die USA. Denn ohne russische Technik blieben die westlichen Länder weitgehend am Boden.

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Computerpanne lässt Andockmanöver an ISS scheitern Foto: REUTERS/Maxim Shemetov
Bild: Reuters

Sechs Menschen befinden sich derzeit an Bord der Internationalen Raumstation ISS - drei Russen, ein Japaner und zwei US-Amerikaner. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind mit einer russischen Sojus-Kapsel vom Weltraumbahnhof Baikonur aus ins All gestartet. Andere Flugmöglichkeiten zur ISS gibt es derzeit nicht.

Seit die USA vor drei Jahren ihre Space-Shuttle-Flotte ins Museum geschickt haben, bringen nur noch die zuverlässigen russischen Raumschiffe Menschen zur Raumstation in 400 Kilometern Höhe und zurück. Das wird bis mindestens 2017 so bleiben. Frühestens dann verfügt die NASA wieder über Raumfahrzeuge, um mit Astronauten den himmlischen Außenposten zu erreichen.

Aufeinander angewiesen

Ein sofortiger Stopp der Zusammenarbeit mit Russland im All wäre nichts anderes als das sofortige Ende der ISS: Denn Astronauten aus Europa und den USA kämen nicht mehr ins All, und Russland verlöre die technische und finanzielle Unterstützung der Amerikaner, etwa bei der Kommunikation, Ausstattung und Materialversorgung der Raumstation.

Bei der ISS sitzen alle Partner in einem Boot - für nationale Alleingänge ist der Modulkomplex viel zu groß. "Unsere Astronauten trainieren weiter im Sternenstädtchen bei Moskau und fliegen auch mit den Sojus-Kapseln", erklärte kürzlich Charles Bolden, einst selbst Astronaut und heute Chef der US-Weltraumbehörde NASA. "Die Zusammenarbeit im Weltall ist nach wie vor sehr gut."

Die NASA zahlt etwa 70 Millionen US-Dollar für jeden Mitflug eines ihrer Astronauten in einer Sojus-Rakete. Diesen Geldfluss direkt von den USA nach Russland muss der US-Kongress jeweils mit maßgeschneiderten Gesetzen genehmigen. Die Flüge zur Raumstation dienen nicht allein dem Routinebetrieb, sondern sind unverzichtbar für künftige Missionen im All, betonte Charles Bolden bei einer Anhörung im Kongress.

Denn die NASA testet dort oben neuartige Materialien für Flüge zum Mond oder gar zum Mars, und die Astronauten sammeln wichtige medizinische Erfahrungen. "Es ist absurd zu behaupten, wir könnten Missionen in die Tiefen des Weltraums unternehmen, anstatt zur ISS zu fliegen. Kämen wir nicht einmal mehr in die erdnahe Umlaufbahn, gäbe es zunächst überhaupt kein Raumfahrtprogramm mehr", stellte der NASA-Chef unmissverständlich klar.

Baikonur, Kasachstan Raketenstart Sojus-Rakete Foto: RosCosmos
Die Versorgung der ISS ist abhängig von russischen Sojus-Raketen.Bild: RosCosmos

Erst im Januar hatte US-Präsident Barack Obama verfügt, dass sich die USA noch mindestens zehn Jahre lang an der ISS beteiligen - möglichst gemeinsam mit dem Partnern Russland, Europa, Japan und Kanada.

US-Rakete mit russischem Triebwerk

Zwar gibt es abgesehen von der Raumstation kaum gemeinsame Projekte von Russen und US-Amerikanern im All, also keine Missionen zum Mond oder anderen Zielen im Sonnensystem. Doch selbst beim Start ihrer Satelliten sind die Vereinigten Staaten erheblich von russischer Technik abhängig. In der Atlas-V-Rakete, einem der Arbeitspferde der US-Raumfahrt, kommt ein in Russland gebautes Triebwerk zum Einsatz.

Ironischerweise starten viele Aufklärungssatelliten des US-Verteidigungsministeriums mit einer Rakete, die nicht ohne russische Technik auskommt. Das lässt sich auch nicht auf die Schnelle ändern. Zum einen sind andere Raketen nicht in der erforderlichen Menge verfügbar, zum anderen lässt sich ein Triebwerk nicht ohne weiteres durch ein anderes ersetzen. Bei einem sofortigen Boykott Russlands gäbe es bald keine Atlas-V-Starts am Weltraumbahnhof Cape Canaveral mehr.

Frachtkapsel mit Raketenstufe aus der Ukraine

Auch beim neu gestalteten Frachttransport ins All sind die US-Amerikaner zum Teil auf Technik aus Russland angewiesen. Zwar hat die NASA nach dem Einstellen der Shuttle-Flüge private Firmen damit beauftragt, Nachschub und wissenschaftliche Experimente zur ISS zu bringen. Doch die neue US-Frachtkapsel Cygnus fliegt mit einer Antares-Rakete, von der eine Stufe komplett im eher russisch geprägten Teil der Ukraine hergestellt wird.

Sollten die USA tatsächlich die Zusammenarbeit mit Russland zumindest drastisch reduzieren, so könnte Europa diese Lücken nicht füllen. Der ESA-Frachttransporter ATV fliegt nur noch einmal zur ISS und wird dann nicht mehr gebaut, und bemannte Raumschiffe hat es in Europa noch nie gegeben. Die Ariane-Rakete ist zwar äußerst zuverlässig, fliegt aber keine Menschen ins All. Europas Raumfahrtpolitiker blockieren seit Jahrzehnten aus Kostengründen die Entwicklung eines bemannten europäischen Raumschiffes.

Im Weltraum noch beisammen: USA, EU und Russland

Im Mai fliegt ein deutscher Astronaut zur ISS

So trainiert der deutsche Geophysiker Alexander Gerst derzeit vor allem in Russland für seine Reise zur ISS. Ende Mai soll er für ein halbes Jahr Posten im All beziehen. Entweder startet er mit einer russischen Rakete - oder gar nicht. Im November löst ihn dann die Italienerin Samantha Cristoforetti ab. Die ESA ist auf Russlands Flugmöglichkeiten angewiesen und arbeitet im Weltraum ohnehin intensiver mit der russischen Raumfahrtbehörde Roscosmos zusammen als die US-Amerikaner.

Nachdem sich die NASA vor zwei Jahren recht ruppig aus dem gemeinsamen ExoMars-Projekt zurückgezogen hat, ist Russland eingesprungen. Die ESA will nun mit russischer Unterstützung auf dem Mars landen und mit einem automatischen Forschungslabor nach Lebensspuren suchen.

Einzige Alternative: China

Beim Transport von Menschen ins All böten derzeit nur die Chinesen eine Alternative. Doch China verfügt zwar über bemannte Raumkapseln, ist aber nicht Partner der ISS. Für die politischen Hardliner in Europa und den USA wäre es wohl ohnehin ein Sprung vom Regen in die Traufe, wenn man statt auf Russland künftig auf chinesische Technik angewiesen wäre.

Die Raumfahrer selbst sehen das irdische Säbelrasseln äußerst gelassen. Nationalitäten spielen bei gemeinsamen Missionen ohnehin keine Rolle - im All muss sich jeder auf den anderen verlassen können. Der NASA-Astronaut Reid Wiseman, der gemeinsam mit Alexander Gerst und dem Russen Maxim Surajew zur Raumstation fliegt, lobt die wunderbare Gastfreundschaft und das äußerst professionelle Training in Russland: "Wenn wir starten, fliegen drei Freunde ins All!"

Sein Chef Charles Bolden betont, wie sehr die Raumfahrt die Menschen in allen Teilen der Welt zusammenbringt: "Für die Raumstation arbeiten Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Kulturen und Weltanschauungen - aber alle eint das große Ziel im Kosmos."