Dramatischer Anstieg des Antibiotika-Konsums

Für viele Patienten sind Antibiotika eine Art Wunderpille, die gegen alles hilft. Weltweit steigt ihr Absatz rasant. Doch damit rücken auch Katastrophenszenarien in den Fokus.

Die Praxen der Allgemeinärzte in Berlin sind noch gut gefüllt. Die Grippewelle will einfach nicht so richtig aufhören. Viele der schniefenden Patienten bringen die Mediziner häufig in eine schwierige Situation: Sie wollen Antibiotika verschrieben bekommen, damit sie schnell wieder fit sind für Job und Hobby. "Die Patienten fordern das direkt und immer wieder verschreiben die Ärzte dann Antibiotika, obwohl sie wissen, dass die bei Viren gar nicht wirken", weiß Petra Gastmeier. Sie leitet das Institut für Hygiene an der Charité in Berlin. Gastmeier hat den Umgang von Hausärzten mit dem Medikament untersucht und sieht dringend Handlungsbedarf. "Es werden immer noch zu häufig Antibiotika verschrieben und das birgt Risiken für uns alle."

Es gibt neue Zahlen zum Antibiotika-Verbrauch weltweit. Das US-Forschungszentrum Center for Disease Dynamics, Economics & Policy (CCDEP) hat hochgerechnet, dass der weltweite Antibiotika-Verbrauch zwischen 2000 und 2015 um 65 Prozent zugenommen hat. "Das spannende an der Arbeit der Forschergruppe um Eili Klein ist, dass sie zwischen reicheren und ärmeren Ländern differenziert", betont Gastmeier. So beträgt die Steigerung in aufstrebenden Ökonomien sogar 114 Prozent. "Das ist ja eine durchaus positive Entwicklung, dass sich die Menschen in China und Indien jetzt diese Mittel leisten und bestimmte Infektionen wirksam bekämpfen können", beobachtet die Wissenschaftlerin, "aber es ist eben keine Wunderpille, die gegen alles hilft." Sie wünscht sich stärkere Aufklärung der Verbraucher über Wirkungen von Antibiotika und Alternativen dazu.

Video ansehen 02:57
Jetzt live
02:57 Min.
Fit und gesund | 19.01.2018

Hausmittel gegen Husten

Aufstieg der Antibiotika

Es hat durchaus Gründe, dass so hohe Erwartungen, die mit Antibiotika verbunden werden. Ein kurzer Blick zurück: Die Entdeckung des Antibiotikums Penicillin wird gemeinhin dem Arzt und Bakteriologen Alexander Fleming zugeschrieben. Der stellte 1928 nach den Sommerferien in seinem Labor überrascht fest, dass die Staphylokokken in einer seiner Zuchtschalen von Schimmelpilzen abgetötet worden waren. Ähnliche Beobachtungen wurden allerdings schon 50 Jahre vorher von Luis Pasteur angestellt.

Doch erst Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts begann eine breiter angelegte Erforschung der Stoffe, mit denen sich Mikroorganismen gegen Bakterien wehren und der Möglichkeiten für die Medizin. Fleming bekam 1945, zusammen mit zwei weiteren Forschern, den Medizin-Nobelpreis für die Erforschung des Penicillins. Während des Zweiten Weltkriegs wurden schließlich in den USA Wege entwickelt, Antibiotika in großem Stil für die Behandlung von Verwundeten herzustellen.

Petra Gastmeier

Charité-Forscherin Petra Gastmeier: "Aufklärung über Antibiotika muss schon in der Schule ansetzen."

75 Jahre Massenproduktion: Antibiotika haben sich entschieden positiv auf die Lebensqualität und -erwartung ausgewirkt. Eine Lungenentzündung hat noch in den 30er Jahren fast ein Drittel der Erkrankten das Leben gekostet. Heute stirbt daran kaum noch jemand. Aber auch in der Landwirtschaft konnten die Wirkstoffe zu höheren Erträgen führen. In der Massentierhaltung halfen sie, Infektionen einzudämmen und sie machen es sogar möglich, das Wachstum des Viehs gezielt anzuregen. Weltweit wird sogar der größte Teil der Antibiotikaproduktion bei der Tierzucht verbraucht.

Wachsende Gefahren durch multiresistente Erreger

Doch der massenhafte Einsatz hat seinen Preis, die Wirksamkeit der Antibiotika nimmt ab -manche meinen sogar: dramatisch. Grund sind die gegen die Bakterienkiller gefeiten Keime. Die breiten sich verstärkt durch einen von den Antibiotika ausgelösten Selektionsprozess aus: Die resistenten Bakterien überleben eine Antibiotika-Kur und können sich danach ungestört weiter vermehren - und sogar ihre Resistenz anderen Bakterienstämmen weitergeben. Es kommt zur Bildung von Krankheitskeimen, die gegen ein breites Spektrum von Wirkstoffen resistent sind - den multiresistenten Erregern.

Eine Studie der in Großbritannien angesiedelten Medizin-Stiftung Wellcome Trust warnt: Bis 2050 könnte die Zahl von Patienten, die wegen dieser Krankheitserreger sterben, in Europa auf 400.000 ansteigen, weltweit sogar auf zehn Millionen. Derzeit kommen in Europa etwa 25.000 daran ums Leben. "Wir stehen blank da", schreiben die Verfasser der Untersuchung. Denn es seien in den vergangenen 25 Jahren keine neuartigen Antibiotika mehr entwickelt worden, die den Wirkungsverlust der alten auffangen könnten. Ihr Fazit: "Das Problem ist für die Menschheit so schlimm wie der Klimawandel."

Inititativen gegen den Missbrauch der Bakterienkiller

Inzwischen ist der Kampf gegen den Anstieg des Antibiotika-Konsums auch Gegenstand der Agenda der G20-Staaten. Die Gesundheitsminister dieser Gruppe haben sich verpflichtet, die Abgabe der Wirkstoffe strenger zu überwachen und bis Ende 2018 alles damit zusammenhängende Datenmaterial für das Global Antimicrobial Surveillance System (GLASS) der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Verfügung zu stellen. Eine Trendwende zeichnet sich bereits beim Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft ab - zumindest in Europa. "Durch die genaueren Kontrollsysteme hat sich die Abgabe in manchen Bereichen halbiert", konstatiert die Berliner Hygiene-Forscherin Petra Gastmeier. In den Niederlanden lasse sich sogar beobachten, dass das Aufkommen multiresistenter Keime zurückgehe.

Jena Schimmelpilz Penicillium

Der Pinsel-Schimmelpilz - Penicillium - in der Petrischale

Deutschland schneidet beim Antibiotika-Konsum vergleichsweise positiv ab. "Wir können das durch eine Studie für die Jahre 2011 und 2016 vergleichen und da ist die Abgabe fast gleich geblieben", sagt Gastmeier. Die Deutschen gehören in Europa zu den Patienten, die eher weniger Antibiotika nutzen. Gastmeier und ihre Kollegen haben festgestellt, dass es in der Bundesrepublik sehr große regionale Unterschiede gibt. "Berlin und Brandenburg schneiden da besser ab, im Rheinland ist der Verbrauch doppelt so hoch." Über Gründe dafür kann sie bisher nur spekulieren. "Im Rheinland ist der Anteil von Protestanten viel geringer als in Norddeutschland. Vielleicht setzen Katholiken mehr Hoffnungen in diese Pillen."

 

Mehr zum Thema