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Ein Friedhof für Mensch und Tier

Paula Rösler14. Juni 2015

Wenn der Hund oder die Katze sterben, klafft oft ein großes Loch im Leben der Besitzer. Nun können Menschen und Tiere auch über den Tod hinaus miteinander verbunden bleiben, in einem gemeinsamen Urnengrab.

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Beispielgrab auf dem Friedhof "Unser Hafen" (Foto: DW/P. Rösler)
"Immer verbunden" - das Motto des Friedhofs "Unser Hafen", wo Menschen und Tiere gemeinsam beerdigt werden könnenBild: DW/P. Rösler

Bis zu dreißig tote Haustiere werden im Tierkrematorium Nordrhein in Wesel Tag für Tag eingeäschert: Meerschweinchen, Hamster, Wellensittiche, Reptilien, hauptsächlich aber Hunde und Katzen. Gabi Stahl kennt die Prozedur. Zweimal hat sie schon auf diese Weise Abschied genommen, erst von Sammy, dann von Jojo. Seitdem stehen die Urnen mit der Asche ihrer beiden Hunde auf einer Kommode im Wohnzimmer. "Ich habe Sammy und Jojo bis zum Ofen begleitet, bis das Tor runterfuhr", erzählt Stahl und ringt um Fassung.

Partner- oder Kinderersatz

Für die 53-Jährige sind ihre Haustiere Familienmitglieder. Umso mehr freut sie sich, dass es nun möglich ist, die Asche ihrer Hunde irgendwann einmal mit ins Grab zu nehmen. "Unser Hafen" - so heißen die speziellen Orte der Stille für Mensch und Tier. Das Konzept stammt von der "Deutschen Friedhofsgesellschaft", einem privaten Bestattungsunternehmen. In Essen und Braubach bei Koblenz haben diese Woche die ersten beiden Friedhöfe dieser Art eröffnet. Weitere sollen folgen.

"Die Rolle des Haustieres in unserer Gesellschaft hat sich verändert", sagt Judith Könsgen, die das Geschäftsmodell entwickelt hat und die "Unser Hafen"-Friedhöfe leitet. Sie führt ihre Beobachtungen auf den demografischen Wandel zurück. Da es immer mehr ältere Menschen gebe, die einsam seien, aber auch immer mehr Singlehaushalte, sei das Haustier oft Partner- oder Kinderersatz. Darauf wolle man mit dem neuen Angebot reagieren.

Deutschland Friedhof für Besucher sehen sich auf dem Friedhof "Unser Hafen" um (Foto: DW/P. Rösler)
Besucher sehen sich auf dem Friedhof "Unser Hafen" umBild: DW/P. Rösler

Beerdigungen werden individueller

"Wir haben immer wieder Kontakt zu Hinterbliebenen, von denen häufig der Wunsch kommt, gemeinsam mit dem Tier beigesetzt zu werden", so Könsgen. Generell gehe der Trend bei Bestattungen hin zu mehr Individualität. Interesse an dieser speziellen Form der Bestattung zeigten vor allem Menschen, die bereits Urnen mit der Asche ihrer verstorbenen Vierbeiner besäßen. So, wie Gabi Stahl. Zwar gehört sie nicht zu der von Könsgen anvisierten alleinstehenden, einsamen Klientel - Stahl ist verheiratet und hat drei Kinder -, trotzdem ist sie zur Friedhofseröffnung nach Essen gekommen.

"Ich persönlich finde das toll, ich habe den Wunsch, die Hunde immer bei mir zu haben", sagt Stahl. Ihr Mann habe sich zu dem Thema noch nicht geäußert, sie aber mache sich zunehmend Gedanken. Mittlerweile hat sie auch wieder neuen Familienzuwachs: die drei Französischen Bulldoggen Amber, Jay-Jay und Cartier. die Hunde bleiben angeleint, so will es die Friedhofsordnung. Stahl muss sie immer wieder von der sorgfältig gestutzten Rasenfläche runterzerren.

Drei französische Bulldoggen an der Leine (Foto: DW/P. Rösler)
Gabi Stahls Lieblinge: Cartier, Amber und Jay-JayBild: DW/P. Rösler

Tierfriedhof vs. Tierkörperverwertungsanlage

Martin Struck betreibt in Dortmund einen Tierfriedhof. Er glaubt nicht, dass zu viel in die Haustiere hineinprojiziert wird. "Es gibt sicherlich Menschen, die einem Tier mehr geben, als es andere tun würden", meint er, "aber dieses Phänomen gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft, darin sehe ich keine Schwierigkeit." Der Bestatter ist begeistert von dem Konzept eines gemeinsamen Friedhofs für Mensch und Tier und hofft auf eine Kooperation mit den Betreibern von "Unser Hafen". "Mir ist es wichtig, dass ein Lebewesen würdevoll bestattet wird und nicht in der Tonne landet."

Tatsächlich werden nur fünf Prozent der Haustiere überhaupt eingeäschert. Die gängigere Alternative ist nach wie vor die sogenannte Tierkörperverwertungsanlage. Ein unschönes Wort, und spätestens beim Lesen des einschlägigen „Wikipedia“-Eintrags dreht sich wohl jedem Haustierbesitzer der Magen um:

"[…]Danach wird die Rohware mittels Grob- oder Feinbrechern in ca. 50 g bzw. 20 g schwere Stücke zerkleinert. Darauf erfolgt für 20 Minuten bei 133 °C und 3 bar eine thermische Sterilisation in geeigneten Druckgefäßen. Als Resultat erhält man einen sterilisierten Fleischbrei, der nun mit unterschiedlichen Verfahren weiterverarbeitet werden kann."

85 bis 90 Prozent aller toten Haustiere enden auf diese Weise. Ihre Überreste werden beispielsweise zu Schmierfetten oder Kosmetika verarbeitet.

"Tiefgreifende theologische Probleme"

Jedenfalls, sagt Judith Könsgen, habe sie sehr viel positive Resonanz bekommen, vor allem aus den sozialen Medien. Auch wenn es noch keine verbindlichen Anmeldungen gebe, wolle man das Konzept "Unser Hafen" deutschlandweit ausbauen. "Wir bekommen immer wieder Anfragen aus anderen Regionen, die Verhandlungen laufen." Einige rechtliche Hürden habe man nehmen müssen, auf Nachfrage hält sich Könsgen aber mit Blick auf die Konkurrenz bedeckt - Geschäftsgeheimnis.

Doch auch kritische Stimmen werden laut. Der Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Rahn, sagt, kirchliche Bestattungen von Menschen und Tieren in gemeinsamen Gräbern "wären für mich Grenzüberschreitungen". Auch bei der Trauerfeier drohten "tiefgreifende theologische Probleme", so Rahn. Schließlich sei die Beisetzung ein religiöser Akt, der eng mit der Taufe am Anfang des Lebens verbunden sei.

Judith Könsgen und Pfarrer Brandt enthüllen das Eingangsschild zu dem neuen Friedhof (Foto: DW/P. Rösler)
Judith Könsgen und Pfarrer Brandt eröffnen den FriedhofBild: DW/P. Rösler

Mikro-Urne um den Hals

Zumindest die Einäscherung, so ist es gesetzlich vorgeschrieben, muss weiterhin getrennt in Human- und Tierkrematorien erfolgen. Auch wird die Asche nicht zusammengeführt, sondern in separaten Urnen in der Erde begraben. Gabi Stahl hat die Wahl zwischen einem Freundschaftsgrab mit bis zu sechs Urnen (1.725 Euro/25 Jahre), oder einem Familiengrab mit bis zu zwölf Urnen (2.300 Euro/25 Jahre). Aber schon jetzt tragen sie und ihr Mann die Asche ihrer gestorbenen Hunde immer bei sich, um den Hals, als Anhänger in einer Mikro-Urne.