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Botschaft vom Balkon

29. September 2009

Der 30. September 1989: Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher sprach auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag zu 4500 DDR-Flüchtlingen. Ein unvergesslicher Augenblick - auch nach 20 Jahren.

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Hans-Dietrich Genscher (Foto: AP)
Hans-Dietrich GenscherBild: AP

DW-WORLD.DE: Herr Genscher, Sie selbst sind 1952 aus der DDR ausgereist. Wie sehr hat es Sie bewegt, dass Sie den Botschaftsflüchtlingen damals verkünden konnten, dass Sie nach Westdeutschland ausreisen konnten?

Hans-Dietrich Genscher: Es hatte für mich natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Ich konnte die Motive der Menschen vor mir gut verstehen, weil ich selbst diesen Weg gegangen war, wenn auch über gänzlich andere Umstände, auch mit dem Wunsch in Freiheit zu leben. Ich habe auch gespürt wie verzweifelt die Menschen im Grunde waren, und vor sich den kühler werdenden Oktober sahen und nicht wussten wie wird das ausgehen und dann eine solche Botschaft verkünden zu können, das war eine wunderbare Sache, die mich mit großer Dankbarkeit erfüllt hat. Ich wusste ja, diese Botschaft war mehr als die Ankündigung, die Ausreise ist möglich. Dazu gehörte auch, dass ich sagen musste, dass die Züge durch die DDR fahren.

Sie mussten das sagen?

Ich musste das sagen, weil ich ganz offen sagen wollte, wie es sich vollzieht. Ich habe zunächst gesagt, im ersten Zug werden Familien mit Kleinstkindern sitzen, und die Züge werden über Dresden nach Hof fahren. Da gab es viele Zurufe, “nein man kann denen nicht trauen“ und dann habe ich gesagt, ich übernehme die persönliche Bürgschaft, dass ihnen nichts geschehen wird. Sie wissen, ich bin wie Sie einen solchen Weg gegangen.
Das war ganz wichtig, auch als Glaubwürdigkeit für diese Erklärung. Ich habe diese Erklärung allerdings auch in voller Überzeugung abgegeben. Ich war der Meinung, dass sowohl die Sowjetunion und mein Kollege, heute sage ich mal Freund, Herr Schewardnadse und der Außenminister der DDR, Oskar Fischer, den ich als sehr verlässlichen Gesprächspartner kannte, gerade bei den Verhandlungen über die Ausreise in New York erlebt hatte, dass sie zu ihrem Wort stehen werden.

Hatte Ostberlin die Bedingung gestellt, dass die Züge durch die DDR fahren mussten oder war das ein Zugeständnis der westdeutschen Regierung?

Nein, die ostdeutsche Führung hatte sich so entschieden. Bei den Gesprächen hatten wir auch über die Wege und Möglichkeiten gesprochen. Und Oskar Fischer in New York sagte, es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten: Die Züge fahren über die bayerisch/tschechische Grenze und dann können Sie vorher mit ihren Konsularbeamten in unsere Botschaft kommen und die Pässe stempeln - es ging immer darum, dass die DDR ihre Souveränität unter Beweis stellt -, oder aber die Züge fahren für eine kurze Zeit durch die DDR.

Ich hatte aber ehrlich nicht erwartet, dass die DDR sich für die zweite Alternative entscheiden wird. Denn es war ja klar, wenn diese Züge mit hunderten oder gar tausenden von Flüchtlingen durch die DDR fahren, dass das ja praktisch wie eine "Brandfackel“ werden wird. Hat es ja auch. Aber nun war es so, nun musste ich überzeugen. Das hat sicher zur Glaubwürdigkeit dessen was ich sagen konnte beigetragen, dass die Leute, die vor mir standen, wussten, na ja, irgendwie ist der einer von uns.

Bevor Sie in Prag diese Botschaft verkündet hatten, waren Sie ja in New York. Sie haben es gerade erwähnt, Sie haben auch mit Eduard Schewardnadse verhandelt, mit Vertretern der DDR-Führung. Hatten Sie da schon das eindeutige "ja" aus Moskau?

Von Moskau das Wort "Ich helfe Ihnen“, das war für mich ein "ja“. Aber unmittelbar bevor ich das Hotel verließ um den Rückflug anzutreten, kam auch eine Mitteilung an unsere Delegation, dass der Ständige Vertreter der DDR in Bonn mir am nächsten Morgen, das war der Samstag, der 30. September, in Bonn die Einzelheiten erläutern würde. Das hieß, in der Sache war die Sache jetzt genehmigt, es ging jetzt um den Weg und da wurde eben bekannt gegeben, dass die Reise durch die DDR geht und da habe ich gesagt, dann muss ich da mitreisen, um das selbst oben sagen zu könne. Im letzten Moment kam dann, ich war schon in Prag in der Botschaft, die Mitteilung, die DDR bittet darum, dass ich Abstand nehme, dass ich im Zug mitfahre. Ich habe darauf auch nicht bestanden, weil es mir darum ging, die Leute zu überzeugen, und ich wollte nicht über eine Kontroverse über diese Frage die Vereinbarung insgesamt gefährden. Natürlich gab es in Ostberlin ganz bestimmt Leute, die diese Entscheidung nicht gebilligt haben.

Und wenn Sie das im Rückblick betrachten, könnte man sagen, die Berliner Mauer ist schon in Prag gefallen?

Sie hat auf jeden Fall einen schweren Schlag erhalten. Man muss ja wissen, dass 20 Tage vorher, am 10. September, Ungarn die Grenze öffnete für die Flüchtlinge, die in Ungarn waren, und dagegen gab es die heftigsten Proteste in der DDR-Führung. Aber diese Flüchtlinge in Prag, die reisten ja mit Zustimmung der DDR aus. D.h., in 20 Tagen, weniger als drei Wochen, nahm die DDR eine Kehrtwende, das war im Grunde die Absage an die Mauer. Sie war 1961 gebaut, weil die Führung der DDR den Wettbewerb der Systeme für verloren gab. Die Leute liefen ja weg und wenn das Volk wegläuft, glaubte man es einsperren zu müssen. Und auch das half jetzt nicht mehr. Im Grunde war das schon ein schwerer Schlag gegen die Mauer.

Wie stark war zu diesem Zeitpunkt die Feindschaft zwischen Ost und West aufgeweicht?

Wir haben ja immer davon gesprochen, wir müssen das West- Ostverhältnis entfeinden. Das konnte die Gegensätze zwischen einer freiheitlichen Ordnung und einer sozialistischen Ordnung nicht aufheben, aber es gelang eben doch, durch die deutschen Ostverträge, durch die Schlussakte von Helsinki, durch Zusammenarbeit Vertrauen aufzubauen. Es spielt eine ganz erhebliche Rolle, dass in Moskau eine Art Revolution von oben stattfand durch Gorbatschow und Schewardnadse und [General] Jakoblev, die unter dem Stichwort Glasnost und Perestroika eine Öffnung der sowjetischen Gesellschaft wollten, und die Öffnung der sowjetischen Gesellschaft bedeutete auch die Öffnung der Sowjetunion nach außen mit allen Auswirkungen auch für den sowjetischen Machtbereich. Das alles hat hier hinein gewirkt.

Und vor diesem Hintergrund ist dann dieser 30. September 1989 geschehen Die DDR-Medien haben damals den Flüchtlingsstrom in die westdeutschen Botschaften heruntergespielt und das Vorgehen der Bundesregierung sehr stark kritisiert (…). Das war ja ein gängiger Vorwurf, dass sich die Bundesrepublik in DDR Angelegenheiten einmische.

Wie haben Sie diese Kritik damals empfunden?

Die habe ich als letzte Verzweiflungsrufe empfunden von einer Führung, die die Menschen eben nicht hinter sich hatte. Und es gab ja auch immer wieder das Verlangen der DDR - Führung, ich sollte die Botschaften schließen.

Ich habe daraufhin sagen lassen, dass ich nicht die Absicht habe, die Mauer auch noch vor den deutschen Botschaften im sowjetischen Machtbereich zu errichten. Denn das war unsere Verantwortung, wir gingen von der einheitlichen deutschen Staatsangehörigkeit aus. Wir, d.h. die damalige Bundesregierung. Es gab ja auch starke Kräfte, die wollten, dass wir eine getrennte Staatsangehörigkeit anerkennen, aber für mich war klar, die einheitliche deutsche Staatsangehörigkeit entsprach dem Willen des deutschen Volkes und die Rufe in den Straßen der DDR: Wir sind das Volk. Und wir sind ein Volk, haben das ja dokumentiert.

Und deshalb hat sich für viele tausend Menschen endlich der Traum von Freiheit erfüllt am 30. September damals.

Damals waren schon die Tage der DDR gezählt. Haben Sie damals geahnt, dass die Mauer bald fallen würde?

Das konnte die DDR nicht überstehen was in Prag geschehen war. Niemand konnte sagen wann das geschieht und unter welchen Umständen das geschieht, aber im Grunde musste dieser schwere Schlag gegen die Mauer nachhaltigste Wirkung haben.

Und seit 20 Jahren leben nun die Deutschen in Ost und West miteinander. Aber in vielen Köpfen ist die Einheit noch nicht ganz angekommen. Wie empfinden Sie den Einigungsprozess heute?

Also, ich höre das ja gelegentlich auch, es sei in vielen Köpfen ….ja, ich weiß nicht …Da mag es welche geben, die den alten Zeiten nachtrauern, aber mit der freien Gesellschaft im Rücken. Ich stelle fest, dass die Einheit sehr viel weiter ist als manche es wahr haben wollen. Und besonders ermutigend ist für mich, wenn ich an Universitäten spreche oder mit jungen Menschen zusammen komme, die wissen genau, das Schicksal ihrer Eltern war das der Teilung. Aber die Zukunft - und das ist ihr Leben - ist eine gemeinsame Zukunft. Und die müssen sie gemeinsam meistern und deshalb ist der Blick in die Zukunft auch ein gemeinsamer Blick. Da kann niemand etwas wegnörgeln.

Das Gespräch führte Cordula Denninghoff
Redaktion: Wim Abbink