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Deutscher "Fußball-Tempel" eröffnet

Aaron Skiba / Milan Gagnon24. Oktober 2015

Deutschland ist eine Fußballnation. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hat für die Heldentaten seiner Nationalspieler einen Tempel gebaut – in der Fußballstadt Dortmund. Die Geschichte des Rasensports, rasant erzählt.

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Deutschland Endspielball im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund
Bild: picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd

"Dortmund überrascht dich" lautet das Motto der Stadt in Nordrhein-Westfalen. Das war vielleicht ein wenig übertrieben - bis jetzt. Denn der 36-Millionen-Euro-Tempel, den der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Dortmund bauen ließ, vermag durchaus zu überraschen. Im Inneren des imposanten Gebäudes wird der Lieblingssport der Deutschen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln inszeniert, zelebriert und glorifiziert. Für Besucher öffnete das "Deutsche Fußballmuseum" am Sonntag (25.10.2015) seine Pforten.

Die Hälfte des Millionen-Budgets kam aus Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen, der Rest wurde durch Sponsoren und Überschüsse der WM 2006 bezahlt. "Der Wunsch, die Erinnerungen an diese sportlich einmaligen Erlebnisse zu wahren, gibt den Ausschlag, dem Fußball einen dauerhaften öffentlichen Raum zu geben", heißt es in der Chronologie zur Entstehung des Museums, die mehr als neun Jahre gedauert hat.

Krise statt Feierstimmung

Die Eröffnung des Fußballmuseums sollte ein Festtag werden für den DFB. Stattdessen muss der größte Sport-Fachverband der Welt im Moment aber massive Spannungen aushalten und mit schweren Vorwürfen umgehen: Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hatte am 17.10.2015 geschrieben, Deutschland habe sich die WM 2006 im eigenen Land "gekauft".

Deutschland Eröffnung Deutsches Fußballmuseum in Dortmund
Das neueröffnete Gebäude von außenBild: Getty Images/Bongarts/C. Koepsel

Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz des Fußballmuseums versicherte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hingegen, von deutscher Seite seien keine Bestechungsgelder gezahlt worden: "Es gab keine Schmiergelder, es sind keine Stimmen gekauft worden". Der ehemalige Verbandschef Theo Zwanziger widersprach dieser Aussage - und bezichtigte seinen Nachfolger der Lüge. Auch "Kaiser" Franz Beckenbauer ist tief in die Affäre involviert, doch er zieht es vor zu schweigen - und sagte sein Erscheinen bei der feierlichen Eröffnungsfeier kurzfristig ab.

Dortmund: Im Herzen des deutschen Fußballs

Aber zurück zum Museum: Sein Standort in Dortmund ist sicher kein Zufall. Der heimische Verein, Borussia Dortmund, ist ein erfolgreicher Top-Verein in der 1. Bundesliga. Der langjährige Erfolgscoach Jürgen Klopp, der Dortmund ins Champions-League-Finale 2013 führte, ist gerade Trainer beim FC Liverpool geworden. Dortmunds Erz-Rivale Schalke 04 befindet sich eine halbe Zugstunde entfernt in Gelsenkirchen, der VfL Bochum spielt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Erstligisten Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Köln und Bayer Leverkusen sind ganz in der Nähe im Rheinland beheimatet.

Brasilien WM 2014 Finale Merkel und Gauck feiern mit der Nationalmannschaft
Selfie mit Kanzlerin - die Deutsche Nationalmannschaft nach ihrem WM-Sieg 2014Bild: picture-alliance/dpa/G. Bergmann

Das Deutsche Fußballmuseum rechnet mit 270.000 Fußball-Pilgern im Jahr, davon könnten viele auch Durchreisende sein. Schließlich befindet sich das Museum gleich gegenüber des Hauptbahnhofs in Dortmund - Fußballinteressierte brauchen nur über den Vorplatz zu gehen.

In Erstaunen versetzt einen der Eintrittspreis: 17 Euro ist nicht gerade familienfreundlich, online gebucht ist der Eintritt zwei Euro günstiger. Vom Eingangsbereich fährt man mit der Rolltreppe in die Ausstellung, Lautsprecher reproduzieren während der Fahrt Jubel und Fangesänge - das soll den Aufgang zur Stadiontribüne simulieren. Karikaturen von Fans - in den Trikots ihrer Lieblingsteams - zieren die Wände. Auch eine gezeichnete Angela Merkel jubelt für die Nationalmannschaft.

Der erste Ausstellungsraum in der langen, dunklen Halle feiert die deutsche Mannschaft, die 1954 die Fußball-Weltmeisterschaft gewann – ein starker Kontrast zur durchtrainierten und multi-ethnischen Deutschen Nationalmannschaft von 2014. Am Ende der Halle, in der Fußbälle der letzten WM und andere Artefakte ausgestellt sind, ruht eine riesige, lodernde Kugel, die als Projektionsfläche für Filme herhält: Auf vier Metern Breite werden die Fußballhelden eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Bildergalerie Wunder von Bern 1954 public viewing damals und heute
Die deutsche Nationalmannschaft im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaftspiel 1954 in BernBild: picture-alliance/dpa

Emotionen, Pokale und Ernährungstipps

Nachdem die Ausstellung die Besucher mit Eindrücken des WM-Triumphes 2014 förmlich erschlägt, folgt ein Film in einem kleinen Kinosaal: Dort berichten die deutschen Weltmeister über "ihre" WM. Der Fußballfan wird seine Helden sofort erkennen - für Nicht-Fußballfans bleiben sie aber leider unkenntlich.

In der "Schatzkammer" des Museums werden die Pokale präsentiert, die die Deutschen Fußballhelden errungen haben. Blankpolierte Repliken wie der Champions-League-Pokal oder die WM-Pokale, stehen - episch erleuchtet - auf schimmernden Podesten.

Es folgt der "Trainings- und Taktikraum", in dem die Besucher unter Beweis stellen müssen, ob sie sich mit den Diäten und Ernährungsanforderungen der Nationalspieler auskennen. Wer mangelhafte Antworten gibt, wird an den Sponsor (eine Supermarkt-Kette) weitergeleitet.

Mitten in einer großen Halle dreht sich langsam eine Scheibe, auf der Tribünen-Sitzplätze platziert sind. Ihnen gegenüber Leinwände, die szenische Stilblüten aus internationalen Fußballspielen abspielen, während Ragtime-Musik – mit künstlichen Lachern unterlegt – aus den Lautsprechern tönt.

Deutschland Miniaturstadio im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund
Hellerleuchtetes Museumsstück: Ein Fußballstadion im MiniaturformatBild: picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd

Ein kurzer Überblick über die Geschichte, wie Geld den Sport ruinierte, ist fast nebensächlich platziert - an der Peripherie des großen Raums, der ausschließlich der Bundesliga gewidmet ist. Das ist, angesichts des aktuellen Skandals um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, fast schon Ironie.

Ehe man sich versieht ist der Rundgang schon wieder vorbei. Der letzte Raum, die Hall of Fame, ist schnell erreicht und wirkt düster nach den ganzen Highlights und Hologrammen. Der zylinderförmige Raum erinnert nicht an die Sternstunden des deutschen Fußballs, sondern präsentiert auf schwarzen Wänden lediglich die Namen deutscher Fußballhelden - das erinnert eher an ein Kriegerdenkmal.

Fußball ist hier Männersache

Stundenlanges Videomaterial, tausende Namen und 1600 Exponate bezeugen den sportlichen Heldenmut der deutschen Spieler. Den winzigen Abschnitt, der den deutschen Fußball-Frauen gewidmet ist, könnte man dagegen schnell übersehen - oder mit einer Flughafen-Toilette verwechseln, die mit Bildern geschmückt ist. Das Museum widmet den "Mann"-schaften unverhältnismäßig viel mehr Aufmerksamkeit als dem ebenfalls überaus erfolgreichen deutschen Frauenfußball.

Das größte Ausstellungsstück zeigt das Deutsche Fußballmuseum am Schluss: Den früheren Reisebus des (männlichen) WM-Teams, einen vollausgestatteten Mercedes mit WLAN und angemessener Beinfreiheit. Wem noch Zeit bleibt, für den lohnt sich ein Gang durch den Bus - und wenn er nur dem Zweck dient, das Euro-pro-Minute Verhältnis der teuren Eintrittskarte zu erhöhen.

Gala zur Eröffnung des Deutschen Fußballmuseums
Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff bei der Eröffnungs-GalaBild: picture-alliance/dpa/B. Thissen