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Ausländerfeindlichkeit hat in Solingen keine Chance mehr

16. September 2011

Fremdenfeindliche Anschläge gab es Anfang der neunziger Jahre auch in den westdeutschen Städten Mölln, Hünxe, Lübeck und Solingen. Dort forderte ein Brandanschlag fünf Menschenleben. Das Verbrechen hat bis heute Folgen.

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Demonstranten vor dem abgebrannten Haus der Familie Genc in Solingen. (Foto: Karsten Thielker)
Das abgebrannte Haus der Familie Genc in Solingen 1993Bild: AP

Die Schreie der Kinder haben die Nachbarn der türkischen Familie Genc in Solingen bis heute nicht vergessen. In der Nacht des 29. Mai 1993 brennt ihr Haus, angezündet von vier Jugendlichen, die damals 19 bis 24 Jahre alt sind. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus. Um den Flammen zu entkommen, springen zwei Mitglieder der Familie Genc aus dem Fenster und verletzen sich schwer. Fünf Menschen sterben bei dem Anschlag, darunter drei Kinder.

Der Brandanschlag von Solingen löst wegen seiner Brutalität weltweites Entsetzen aus und beendet eine ganze Reihe von fremdenfeindlichen Anschlägen in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Mehr als 2200 rassistische Angriffe verzeichnen die Polizeibehörden vor rund zwanzig Jahren, meist hatten die Verbrechen einen rechtsradikalen Hintergrund. Damals gab es in Deutschland heftige Diskussionen um die Asylgesetze. Das rechte Spektrum brachte es auf den Slogan: "Ausländer raus". Anfang der 1990er Jahre gab es rund 400.000 Asylbewerber jährlich, nicht wenige Deutsche fühlten sich bedroht.

Die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl reagierte und begrenzte den Zuzug mit der so genannten "Drittstaatenregelung". Danach muss ein Asylbewerber, auch wenn er eigentlich lieber nach Deutschland will, bereits in dem europäischen Land Asyl beantragen, in dem er zuerst eintrifft. Denn auch schon dieses Land gilt mit einer demokratischen Verfassung natürlich als sicherer Zufluchtsort.

Türkischer Elternverein bei einer Besprechung (Foto: DW)
Türkischer Elternverein Solingen bei einer Besprechung.Bild: DW

Die Stadt reagiert schnell

Solingen, eine Stadt mittlerer Größe im Bergischen Land, ist mit seinen Stahlwerken und besonders mit der Produktion hochwertiger Klingen und Bestecke bekannt geworden. Man sagt, der Händedruck der Menschen in dieser Industrieregion färbt nicht ab. Das steht symbolisch für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Plötzlich aber klebt der Makel eines fremdenfeindlichen Verbrechens an der Stadt.

Die Mehrheit der Bevölkerung will deutlich machen, dass man Fremdenfeindlichkeit verabscheut. Die Polizei ermittelt die Brandstifter schnell. Die Gerichte reagieren in ihren Urteilen mit deutlicher Härte.

Die Verantwortlichen der Stadt wissen, wo sie jetzt ansetzen müssen: bei der Jugend. Junge Leute sollen von einem Abdriften in die rechte Szene abgehalten und politisch eingebunden werden. Ein Jugendstadtrat wird gegründet. Darin sollen sich junge Deutsche und junge Migranten zu gleichen Teilen für gemeinsame Themen einsetzen. Das Interesse, begleitet von vielen Schulen, war groß. "Das hat sich bis heute nicht geändert", berichtet Anne Wehkamp, die Integrationsbeauftragte der Stadt Solingen.

Solingen entwickelt vorbildliche Integration

Im Rathaus, nur einen Kilometer vom Ort des Brandanschlags entfernt, werden weitere Maßnahmen zur Einbindung ausländischer Mitbürger auf den Weg gebracht. In einem Bündnis für Toleranz und Zivilcourage arbeiten alle Institutionen der Stadt an Verbesserungen für das Leben von Migranten.

Anne Wehkamp, Integrationsbeauftragte Solingen und Murat Uysal, stellvertretender Vorsitzender des Integrationsrates Solingen, vor einem Plakat zu einer Integrationsaktion. (Foto: DW)
Die Integrationsbeauftragten der Stadt Solingen arbeiten zusammenBild: DW

Da sitzen zum Beispiel Sozialverbände, Polizei und Sportvereine zusammen. Ein Zuwanderer- und Integrationsrat garantiert mit vielen Migrantenselbstorganisationen die ständige Einbindung von ausländischen Bürgern.

"Dieses Miteinander hat uns die größten Erfolge für ein friedfertiges Zusammenleben gebracht" bestätigen Anne Wehkamp von der Statd Solingen und Murat Uysal, der auch erster Vorsitzender des türkischen Elternvereins ist. Gemeinsam haben sie auch eine Reihe von Veranstaltungen entwickelt, bei denen Deutsche und Migranten zusammen feiern, lernen oder Sport treiben. Man will aber auch Mut machen und Anerkennung schenken für all jene, die sich für ausländische Mitbürger einsetzen.

Dazu wird in Solingen jedes Jahr der Preis "Der silberne Schuh" verliehen. Unter anderem erhielt die Auszeichnung ein Mann, der nicht mehr damit leben wollte, als Personalleiter keine Migranten einstellen zu dürfen. Als er sich der Anordnung der Firmenleitung widersetzte, verlor er seine Stellung. Geehrt wurde auch eine ältere Dame, die in ihrer Wohnung rund zwanzig Kindern aus Zuwandererfamilien kostenlos Nachhilfestunden gab.

Alle diese Aktionen haben dazu beigetragen, dass Solingen heute in Deutschland als Vorbild gilt. Die jährliche Integrationskonferenz des größten Bundeslandes, Nordrhein Westfalen, findet in Solingen statt.

Mahnmal in Solingen zum ausländerfeindlichen Anschlag am 29.Mai 1993. Die verurteilten Täter stammten aus der Nazi-Szene (Foto: DW)
Mahnmal in SolingenBild: DW

Brandanschlag bleibt Mahnung

Dort, wo einst das abgebrannte Haus der Familie Genc stand, klafft heute eine Baulücke, die mit Bäumen bepflanzt wurde. Zur Erinnerung an die Opfer. Als Mahnung, rechtsradikalen und rassistischen Kräften keine Chance mehr zu geben, wurde eine besondere Installation in der Stadt errichtet. Zwei Figuren zerreissen ein Hakenkreuz, das einstige Nazi-Symbol.

Werden in anderen deutschen Städten Denkmäler schon mal mit Farbe verschmiert oder gar zerstört, blieb das Mahnmal in Solingen in 18 Jahren seiner Existenz unangetastet.

Die Geschwister Fatma Temirlenk und Keziban Altay sind in Solingen aufgewachsen. Beide bezeichnen Solingen als ihre Heimat. Sie fühlen sich dort absolut wohl und auch sicher. Beide denken aber nicht, dass es alleinige Aufgabe der Deutschen in Solingen ist, das Zusammenleben zu organisieren. Keziban engagiert sich im Integrationsrat und Fatma arbeitet als so genannte Stadtteilfrau. Sie hilft neuen Zuwanderern, sich in Solingen einzuleben. Dazu gehören auch Übersetzungsdienste bei Behördengängen oder die Betreuung der Kinder. "Wenn wir nicht mit anpacken, dann wird die Integration wieder stecken bleiben, sagen Fatma und Keziban.

Eine weitere Tat wie die des Jahres 1993 hat es in Solingen nie wieder gegeben. Weil sich viele Städte ähnlich wie Solingen organisieren, ist auch die Welle des Hasses abgeklungen.

Autor: Wolfgang Dick
Redaktion: Hartmut Lüning