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ReiseEuropa

Energiekrise: Heizung aus und ab in den Süden

Sarah Hucal
21. Januar 2023

Griechenland, Spanien und die Türkei machen sich die hohen Energiepreise in Deutschland zunutze und werben um Langzeittouristen, die der Kälte entfliehen wollen.

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Zwei Touristen am Balos Strand in Griechenland
Auch im Winter warm und viel Sonne: Südeuropäische Länder werben mit gutem Wetter im WinterBild: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Nach zwei Jahren Pandemie boomte der Sommertourismus in Griechenland, das Land ist nach wie vor eines der beliebtesten Sommerziele für Europäer, insbesondere die großen Inseln wie Rhodos, Kreta und Korfu. Der Tourismus macht etwa ein Viertel der griechischen Wirtschaft aus, etwa jeder Fünfte ist im Gastgewerbe beschäftigt.

Und wie sieht es im Winter aus? Griechische Werbekampagnen setzen vor allem auf niedrige Preise und viele Sonnenstunden - offenbar mit Erfolg. In Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern zu überwintern, ist seit Herbst immer wieder Thema in den deutschen Medien. "Hohe Heizkosten: Gas sparen auf den Kanaren" titelte beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) oder "Heizkosten im Homeoffice: Dieses Land lockt zum Überwintern (Griechenland)" die Berliner Morgenpost. Manche Artikel rechnen sogar das Einsparen der Heizkosten mit den Kosten des Auslandsaufenthaltes gegen.

Überwintern in Griechenland? Gute Idee, aber schwer erreichbar

Laut Reuters sind die Gaspreise in deutschen Haushalten seit Beginn des Ukraine-Krieges im Schnitt 173% höher als noch vor einem Jahr. Hinzu kommt die Inflation. Bisher war der Winter zwar noch nicht sehr kalt, aber mit 250 Sonnentagen im Jahr in Griechenland kann er trotzdem nicht mithalten.

Im Herbst 2022 bereiste der griechische Tourismusminister Vassilis Kikilias Berlin, Wien, Paris und Stockholm, um sein Land als Winterdestination zu bewerben.

Rückkehr des griechischen Tourismus, Vassilis Kikilias
Der griechsche Tourismusminister Vassilis Kikilias ist durch Europa gereist, um für Griechenland als Winterurlaubsziel zu werbenBild: Vasilis Rebapis/ANE/Eurokinissi/picture alliance

Katja Haffenrichter-Kritsotakis vom Hotelverband Rethymno im gleichnamigen Urlausbsort auf der Insel Kreta hält von dieser Kampagne nicht viel. "Das Problem ist der Transport. Von Mitte November bis etwa Ostern haben wir kaum Direktflüge nach Kreta. Wenn die Regierung nichts dagegen unternimmt, ist es aus unserer Sicht sehr schwierig, der Kampagne gerecht zu werden. Auch wir haben im Winter hohe Energiekosten und müssen trotzdem alle Dienstleistungen für die Gäste bereithalten." Daher blieben die meisten Hotels in Rethymno in diesem Winter geschlossen.

Die Flüge nach Griechenland sind in der Tat ein Problem. Nicht nur, weil sie momentan teurer sind als letztes Jahr, sondern weil Billigfluggesellschaften wie Ryanair noch nicht einmal mehr nach Athen fliegen. Das Unternehmen hat seinen Betrieb in der griechischen Hauptstadt wegen hoher Gebühren aufgegeben.

Das sei schade, sagt Haffenrichter-Kritsotakis, denn das Wetter sei großartig, und Rethymno sei auch im Winter eine lebendige, schöne Stadt. 

Blick auf den Venezianischen Hafen in Rethymno, Kreta
Da es kaum direkte, internationale Flüge nach Kreta im Winter gibt, bleiben viele Hotels geschlossenBild: Joko/Bildagentur-online/picture alliance

Auch die Türkei wirbt um Wintertouristen

Der Schweizer Reiseveranstalter Bentour berichtet von vielen Griechenland-Buchungen aus dem deutschsprachigen Raum, die bereits für den kommenden Sommer eingegangen seien. Im Winter würden die Kunden aber lieber woanders hinfahren.

Das Unternehmen, das sich auf Reisen in die Türkei spezialisiert hat, nutzt auch die hohen Heizkosten, um für langfristige Winteraufenthalte zu werben. "Heizung aus, Energiekosten runter und ab in die Sonne", heißt es etwa in einer Kampagne.

Und diese Strategie geht wohl auf, denn bisher seien Langzeiturlaube - also Reisen, die länger als drei Wochen dauern - beliebter als erwartet, erzählt Deniz Ugur, Geschäftsführer von Bentour. "Obwohl wir insgesamt etwa 30 Prozent weniger Winterbuchungen als 2019 haben, sind die Buchungen für 'Workations' um etwa 70 Prozent gestiegen." Bentour zählt jeden unter 65 Jahre, der länger als 21 Tage verreist, als einen potentiellen "Workation"-Bucher, also als jemanden, der Urlaub und Arbeit verbindet. Rund 8000 Workation-Kunden haben in diesem Winter Reisen bei Bentour gebucht.

Das Titanic Mardan Hotel in Antalya von oben, Türkei
Antalya in der Türkei ist bei Wintertouristen besonders beliebtBild: Bekir Bektas/AA/picture alliance

Das beliebteste Ziel in der Türkei sei Antalya. Es gäbe genügend Flüge und wegen der schwachen Lira seien die Preise günstig, so Ugur. "Natürlich wählen Menschen Länder aus, in denen die Kosten nicht so hoch sind. Da sie wochenlang oder sogar länger bleiben, um von dort aus zu arbeiten, spielt der Preis einfach eine große Rolle." Auch die Gesundheitsversorgung sei gut, weshalb die Türkei auch ein beliebtes Winterreiseziel für Rentner sei.

Digitale Nomaden auf den Kanaren

Wegen ihrer Lage vor der Küste Nordafrikas sind die Kanarischen Inseln das ganze Jahr über sonnig und warm - perfekt für winterliche Langzeiturlaube. Davon weiß auch das Kanarische Tourismusministerium und wirbt explizit um Rentner und digitale Nomaden. 

Nelleke Meijer aus den Niederlanden ist schon länger dem Charme und Wetter Gran Canarias verfallen. Sie kam 2018 für einen zweimonatigen Arbeitsaufenthalt auf die Insel und blieb bis heute. Sie gründete eine Online-Community für digitale Nomaden, Expats und lokale Unternehmer auf Gran Canaria.

Mitglieder der "Live it up, Las Palmas"-Community sitzen zusammen im Restaurant und unterhalten sich, Gran Canaria
Die Mitglieder der "Live it up, Las Palmas"-Community für digitale Nomaden treffen sich einmal die Woche in Las PalmasBild: Nanneke Meijer

Meijer erzählt, die Nachfrage sei gestiegen, vor allem bei den wöchentlichen Treffen seien mehr dabei. "Es kommen ständig neue Leute jeden Alters und aus allen Ländern", schwärmt sie. Die meisten kämen wegen des Wetters und dem, was sie dank der Community über Las Palmas gehört haben. Obwohl der Trend zum Remote-Arbeiten schon im Jahr 2020 begann, glaubt sie, dass er noch weiter ansteigen wird. "Es gibt wirklich viele, die jeden Winter wiederkommen. Deshalb liebe ich die Saison so sehr."

Aus dem Englischen übersetzt.