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Enttarnt: Der Mythos Modigliani

Leonie von Hammerstein
23. November 2017

Die Tate Modern in London widmet dem italienischen Maler und Bildhauer Amedeo Modigliani eine bedeutende Retrospektive. Ko-Kuratorin Simonetta Fraquelli: "Der Fokus liegt auf seinen Kunstwerken, nicht auf seinem Mythos."

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Deutschland - Modigliani-Ausstellung in Bonn
Bild: picture-alliance/dpa/O. Berg

DW: Warum gibt es einen solchen Mythos um Amedeo Modigliani?

Simonetta Fraquelli: Zunächst einmal ist seine Lebensgeschichte ziemlich außergewöhnlich: Er war ein junger italienischer Jude, der nach Paris kommt. Außerdem ein berühmt-berüchtigter Frauenheld und exzessiver Trinker. In unserer Ausstellung haben wir jedoch versucht, ihn nicht auf diesen Mythos zu reduzieren, sondern den Fokus wirklich auf seine Kunstwerke zu legen und zu schauen, was sie uns über seine Zeit in Paris erzählen. Darüber, wie er seinen unverkennbaren Stil entwickelt hat. Und auch, was sie uns von seinem Charakter preisgeben, der tatsächlich viel komplexer war, als der Mythos es vermuten lässt. 

Wo setzen Sie in der Ausstellung Ihren Fokus?

Wir wollten die Geschichte eines jungen Menschen und seine Reise nach Paris erzählen. Paris prägt ihn. Modiglianis Leben und sein künstlerischer Werdegang zeigen, wie wichtig es ist, von einem Land ins andere ziehen zu können und sich von verschiedenen Kulturen beeinflussen und inspirieren zu lassen. Als Modigliani nach Paris kam, wurde er eben nicht nur von der französischen Kultur beeinflusst, er war auch mit allen möglichen anderen Künstlern, die dort arbeiteten, in Berührung: von Picasso über Cézanne bis hin zum rumänischen Bildhauer Brâncuși. Und auch andere Teile des kulturellen Lebens hinterließen einen Eindruck: das ethnographische Museum, das Kino, das Theater, die Musik – er suchte und fand den kulturellen Austausch. Sie alle haben sein Schaffen geprägt. Diese Geschichte könnte heute nicht relevanter sein. Es ist eben unheimlich wichtig, dass wir in der Lage sein sollten, unterschiedliche Lebensweisen zu erleben.

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Provokante AkteBild: picture-alliance/AP Photo

1917 löste die Polizei Modiglianis erste und einzige Einzelausstellung zu Lebzeiten auf. Die Werke seien zu unanständig. Warum waren seine Aktbilder damals so umstritten?

Die Art und Weise, wie er seine Akte porträtierte, war sehr offen und direkt. Sie füllen die Leinwand, schauen einen als Betrachter direkt an und fordern einen in vielerlei Hinsicht heraus. Was die Menschen damals schockierte, war jedoch noch einfacher: Er zeigte die Frauen mit ihrer Körperbehaarung und ließ auch die Schambehaarung nicht aus. Historisch gesehen war das eine Premiere. Es ließ die Frauen in seinen Gemälden sehr real aussehen, vor allem verglichen mit den abstrakten Formen oder idealisierten Frauenbildern, die damals üblich waren.

Sind diese Darstellungen Beispiele für den sogenannten "männlichen Blick"? Oder hatten die Frauen in den Gemälden tatsächlich einen eigenen Charakter, eine Art Handlungsfähigkeit?

In der Ausstellung versuchen wir, die Rolle der Frau in Modiglianis Leben nuancierter und komplexer darzustellen als vielleicht üblich. Natürlich produzierte er sehr sinnliche Gemälde: Bilder von Frauen, die wahrscheinlich für ein männliches Publikum oder männliche Kunden bestimmt waren. Aber die Frauen strahlen auch eine gewisse Unabhängigkeit und Eindringlichkeit aus, die viel stärker reflektiert, wie sich die Rolle der Frau zu dieser Zeit verändert hat.

Maler - Amedeo Modigliani Porträt
Amedeo Modigliani wurde nur 35 Jahre altBild: Getty Images

Die meisten seiner Akte entstanden während des Ersten Weltkrieges. Damals lebten in Paris viel mehr Frauen als Männer, da die meisten Männer schon längst an die Front gegangen waren. Frauen fingen an, mehr Make-up zu benutzen, sich anders anzuziehen - aber eben auch mehr zu arbeiten, da es keine Männer gab. So wurden sie unabhängiger. Ein Aktmodell verdiente tatsächlich mehr als ein Fabrikarbeiter. Es ist nicht so, als wären sie superemanzipiert gewesen, aber immerhin war ihre Rolle im Wandel. Und in unserer Ausstellung haben wir versucht zu zeigen, dass die Art und Weise, wie Modigliani diese Frauen porträtiert hat, zeigt, dass auch er sie als moderne Frauen wahrgenommen hat und nicht nur als Objekte, die er malen kann.

Wie würden Sie Modiglianis Stil in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Charakteristisch für seinen Stil sind bestimmte Merkmale wie die eher länglichen Formen oder die schmalen Augen in seinen Porträts. Aber wir müssen auch anerkennen, wie sehr sich sein Stil im Laufe der 14 Jahre, die er in Paris lebte und arbeitete, verändert hat. Man sieht, dass es eine deutliche Entwicklung gibt - von seinen früheren Werken, die stark von Cézanne beeinflusst wurden, bis zu dem Werk, das er kurz vor seinem Tod schuf. Und auch innerhalb der sich wiederholenden Formen bleibt die Individualität bestehen. Seine Kunst ist also viel abwechslungsreicher als man zunächst denkt.

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Von den 28 Skulpturen Modiglianis zeigt die Schau neunBild: Getty Images/C. Court

Welche Rolle spielte die Bildhauerei in seiner künstlerischen Laufbahn?

Eine ziemlich wichtige. Es ist uns gelungen, neun der etwa 28 Skulpturen, die er im Laufe seines Lebens geschaffen hat, wieder zu vereinen. Trotz einiger anfänglicher Versuche in Italien beginnt Modigliani erst 1909 richtig mit der Bildhauerei, nachdem er den rumänischen Bildhauer Brâncuși kennengelernt hat. Zwischen 1910 und 1913 konzentriert er sich dann fast ausschließlich auf die bildhauerische Tätigkeit. Man kann ganz deutlich sehen, wie er durch das Experimentieren mit und die Betrachtung von afrikanischer und asiatischer Kunst oder außereuropäischer Kunst im Allgemeinen skulpturale Formen schafft, die wir später in seinen Gemälden wiederfinden. Die langen Gesichter, die Mandelaugen, die leeren Augen - sie alle finden sich schon in den Skulpturen.