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Politik

Erste "Homo-Ehe" in Bolivien

18. Dezember 2020

Ein kleiner Schritt für David und Guido, ein großer Schritt für die Gesellschaft Boliviens - ihr Fall ist ein Meilenstein für die Gleichberechtigung Homosexueller in dem erzkatholischen Land.

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Bolivien | Erste eingetragene Lebenspartnerschaft eines homosexuellen Paares anerkannt
Für den Fotografen im bolivianischen Dschungel - Guido Montaño und Davíd Aruquipa (rechts)Bild: Magdalena Tola

Nur noch ein einziges Mal. Noch ein letztes Mal zur Bürgerlichen Registrierungsstelle SERECI, dann ist es endlich unter Dach und Fach. Am Freitagmorgen, um 9 Uhr bolivianischer Zeit, standen David Aruquipa und Guido Montaño ein letztes Mal an vor der Behörde in La Paz - wie so oft in den letzten Jahren. Aber diesmal gehen der 48-jährige Betriebswirt und der 46-jährige Rechtsanwalt nicht mit leeren Händen nach Hause. Sondern mit dem Dokument, das belegt, dass ihre eingetragene Partnerschaft registriert und anerkannt ist.

An diesem Freitag wird also Geschichte in Bolivien geschrieben. Denn Aruquipa und Montaño sind das erste gleichgeschlechtliche Paar, das dies in dem Andenstaat durchgeboxt hat. Hinter ihnen liegt ein jahrelanger, zermürbender Kampf mit vielen Anfeindungen, in einem Land, in dem katholische und evangelikale Kirchen immer noch den Ton angeben. Und in dem andererseits die Unterstützung für die LGBTI-Community, gerade in der Metropole La Paz, immer stärker wird.

Bolivien zieht in Lateinamerika nach

“Natürlich freuen wir uns, dass wir als erste diesen Weg freigemacht haben. Gleichzeitig ist es eine riesige Verantwortung“, sagt David Aruquipa am Telefon. Es ist in diesen Tagen nicht ganz einfach, ihn zu erreichen, alle Medien überschütten das Paar mit Anfragen. Vielleicht drückt ihre Erleichterung am besten aus, dass Aruquipa und Montaño ihren Facebook-Status geändert haben: "casado" steht da jetzt, "verheiratet".

Bolivien | Erste eingetragene Lebenspartnerschaft eines homosexuellen Paares anerkannt
Geschafft: In der LGBTI-Gemeinde von La Paz sorgt die Nachricht für FeierstimmungBild: Privat

Doch die beiden wissen nur zu gut, dass der Kampf für die Gleichstellung homosexueller Paare in Bolivien jetzt erst so richtig los geht. "Das, was wir geschafft haben, ist ein erster Schritt, bis irgendwann die komplette Diversität Boliviens abgebildet wird", sagt Aruquipa. So wie auch in anderen lateinamerikanischen Staaten wie Argentinien, Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Uruguay und einigen Provinzen Mexikos.

Dauernde Diskriminierungen und Anfeindungen

Rückblende: 2008 lernen sich Aruquipa und Montaño in einer Bildungseinrichtung in La Paz kennen, werden kurze Zeit später ein Paar. Warum sie sich irgendwann aus der Deckung wagen und mit den Gang vor die Gerichte aufs Ganze gehen? Vielleicht weil Aruquipa einmal eine Notoperation benötigt und Montaño diese nicht autorisieren darf. Er muss einen geschlagenen Tag warten, ehe ein Familienangehöriger in der Klinik unterschreibt.

Bolivien | Erste eingetragene Lebenspartnerschaft eines homosexuellen Paares anerkannt
"Wir sind mit Glückwünschen überhäuft worden, die Presse war überall" - Davíd Aruquipa (links)Bild: Privat

Oder weil Montaño einmal fast nicht nach Mexiko fliegen kann, weil die Behörde seinen Visumsantrag mit dem gemeinsamen Bankkonto nicht akzeptiert. Oder auch weil eine Familien-Krankenversicherung für die beiden nicht möglich ist. "Das sind nur einige Geschichten", sagt David Aruquipa, "aber als Homosexueller, vor allem als Paar, bist Du es in Bolivien vor allem gewohnt, jeden Tag diskriminiert und in den sozialen Medien mit Hassnachrichten bombardiert zu werden."

Vor allem in ultrarechten und evangelikalen Kreisen ist der Widerstand gewaltig, Bewegungen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, werden heftig attackiert. Der evangelikale Pastor Luis Aruquipa, der ironischerweise den gleichen Nachnamen wie David trägt, verurteilt die Entscheidung aufs Schärfste, ein Paar müsse aus Frau und Mann bestehen. "Dabei wären die Anfeindungen noch viel härter, wenn wir beide nicht zwei Erwachsene mit Jobs und einem guten wirtschaftlichen Einkommen wären", ist sich David Aruquipa sicher.

Zwei Jahre juristischer Streit

Wer sonst soll diesen Kampf führen, wenn nicht wir, denken sie sich deshalb. Und beantragen im Oktober 2018 beim Standesamt den Eintrag ihrer Partnerschaft ins Zivilregister. Das juristische Tauziehen kann beginnen, ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Die bolivianischen Behörden lehnen den Antrag zunächst ab, verweisen auf Artikel 63 der bolivianischen Verfassung: Eine Ehe könne nur die Verbindung eines heterosexuellen Paares sein.

Bolivien | Erste eingetragene Lebenspartnerschaft eines homosexuellen Paares anerkannt
"Schon die Schüler lernen hier in ihren Büchern, dass Homosexuelle nicht gleichberechtigt sind" - David AruquipaBild: Magdalena Tola

Aruquipa und Montaño legen Widerspruch ein und ziehen vor das Verfassungsgericht. Die Konstitution verstoße gegen internationale Menschenrechtsstandards. Sie berufen sich auf eine Erklärung des Interamerikanischen Gerichtshofes für Menschenrechte, die besagt, dass "es die Pflicht der Staaten ist, die familiären Bindungen von Menschen gleichen Geschlechts anzuerkennen und sie zu schützen."

Weil internationales Recht nationales Recht schlägt, kassieren die Richter vor einer Woche den ablehnenden Beschluss des Standesamtes. Es ist vollbracht. Die Registrierungstelle SERECI kündigt an, "für die Eintragung der freien Vereinigung zwischen David Aruquipa und Guido Montaño zu sorgen." Zum ersten Mal in der Geschichte Boliviens.

Hochzeit soll 2021 nachgeholt werden

Das Paar kann es kaum glauben, jahrelang hatten die Behörden sie zuvor abgewimmelt, sich gar über sie lustig gemacht. "Es war wie eine Kassette, die sie immer wieder eingelegt haben. Artikel 63. Artikel 63", erinnert sich Aruquipa, "dabei sollten doch Behörden nach Lösungen suchen, wie du deine Rechte als Bürger wahrnehmen kannst. Es hieß aber immer nur: 'So ist die Verfassung. Punkt.'"

Seit  Freitagmorgen 9 Uhr ist die eingetragene Partnerschaft amtlich, andere Paare haben schon angekündigt, nachzuziehen. "Es war eine Tortur, aber wir haben immer gesagt, wir geben nicht auf", sagt David Aruquipa. Und die Hochzeitsfeier? Kann warten und soll irgendwann im nächsten Jahr steigen. "Wegen der aktuellen Situation mit dem Coronavirus ist das nicht der richtige Moment, aber wir werden die große Party im nächsten Jahr auf jeden Fall nachholen."