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"Wunderbares Ereignis"

23. Mai 2019

An der Universitätsfrauenklinik Tübingen sind zwei Kinder zur Welt gekommen, deren Mütter zuvor eine Gebärmutter transplantiert bekommen hatten. Die beteiligten Ärzte sind begeistert.

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Uni-Klinik Tübingen | Gebärmuttertransplantation
Das erste Kind wurde im März, das zweite im Mai in Tübingen entbunden. Bild: Universitätsfrauenklinik Tübingen

Es ist ein "wunderbares Ereignis", sagt der Ärztliche Direktor der Tübinger Universitätsfrauenklinik Diethelm Wallwiener. Im März und Mai dieses Jahres sind an seinem Krankenhaus zwei Kinder gesund zur Welt gekommen, deren Mütter transplantierte Gebärmütter hatten.

"Es ist gelungen, zwei Kindern zu helfen, das Licht der Welt zu erblicken, die sonst nie geboren worden wären", betont Wallwiener den ärztlichen Erfolg. Auch für die medizinische Forschung sei dies ein Durchbruch und ein "neues Kapitel der Transplantationschirurgie". Dabei ist es ihm wichtig zu betonen, dass sein Team dieses "Neuland" mit "der gebotenen ärztlichen Demut" betreten habe. 

An den Transplantationen in Tübingen waren jeweils auch Ärzte aus dem schwedischen Göteborg beteiligt, die als Pioniere auf dem Gebiet der Gebärmuttertransplantation gelten. Bisher gab es weltweit circa 40 Transplantationen dieser Art mit über 10 Geburten. 

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Uni-Klinik Tübingen | Diethelm Wallwiener
Prof. Wallwiener freut sich, dass die Uniklinik Tübingen transplantationsmedizinisches Neuland betrittBild: Universitätsklinikum Tübingen/Britt Moulien

Wichtig für das Selbstwertgefühl der Patientinnen

Professorin Sara Brucker, die als Ärztliche Direktorin am Forschungsinstitut für Frauengesundheit die Transplantation zentral begleitet hatte, machte deutlich, was dieser Durchbruch für die betroffenen Patientinnen bedeutet. 

Es gehe dabei um Mädchen, die zwar mit Schamlippen, aber ohne Scheide und Gebärmutter zur Welt kommen. Etwa eins von 4500 neugeborenen Mädchen hat diesen seltenen Gendefekt – auch bekannt als Mayer-Rokatinsky-Küster-Hauser-Syndrom.

Etwa 8000 Betroffene leben in Deutschland. In der Regel zeigt sich die Erkrankung erst in der Pubertät. Die Mädchen haben zwar Eierstöcke, eine normale Hormonproduktion, Brustentwicklung, und sind auch sonst "hormonell unauffällig", erklärt Brucker, aber sie bekommen ihre Regelblutung nicht.

Gerade in der Pubertät sind die Mädchen aber psychisch sehr verletzlich, sagt Brucker: "Und da müssen wir ihnen das genau in dieser Phase mitteilen. Aber wir könnten den Betroffenen sagen: 'Sie sind nicht allein'. Wir können Ihnen helfen." 

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Uni-Klinik Tübingen | Sara Brucker
Professorin Brucker betont, dass die Transplantation vielen betroffenen Frauen helfen kannBild: Universitätsklinikum Tübingen/Britt Moulien

Der erste Schritt: Der Aufbau einer Vagina

Für die meisten betroffenen Patientinnen geht es anfangs noch gar nicht darum, eigene Kinder zu kriegen. Der Kinderwunsch lässt sich unter Umständen auch durch eine Adoption später noch erfüllen.

Aber viele Patientinnen wünschen sich ein Sexualleben. Also legen die Ärzte eine sogenannte Neovagina an – eine operativ hergestellte Scheide. Es gehe darum, den Patientinnen "zu ermöglichen, vom Mädchen zur Frau zu werden", sagt Brucker. Bisher wurden in Tübingen 560 Frauen entsprechend operiert. Derzeit kommen jährlich etwa 40 bis 50 hinzu. 

Der zweite Schritt: Die Uterustransplantation

Die Uterus- bzw. Gebärmuttertransplanation sei dann "der nächste, logische Schritt" sagt die Ärztin. "Wir wollten ihnen ermöglichen, nicht nur vom Mädchen zur Frau zu werden, sondern auch von der Frau zur Mutter." Bisher haben Ärzte an der Universitätsfrauenklinik drei solche Operationen erfolgreich durchgeführt – erstmals im Oktober 2016.

Zuerst wird der Spenderin (in Tübingen waren das die Mütter der Patientinnen) die Gebärmutter explantiert. Dann wird sie gespült, um Blutbestandteile aus dem Organ zu entfernen, die später zu einem Verschluss führen könnten.

In einem Fall war einer Spenderin bereits eine Gebärmutter entnommen worden, konnte aber nicht transplantiert werden, weil diese notwendige Spülung nicht erfolgreich war.

Danach wird der Empfängerin das Organ implantiert. Das ist in Tübingen bisher dreimal geglückt. "Das erste Mal in ihrem Leben bekommen die Frauen [danach] eine Menstruationsblutung," beschreibt Brucker den Transplantationserfolg. 

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Uni-Klinik Tübingen | Gebärmuttertransplantation
Eine echte Teamleistung: Mehr als 40 Experten aus 18 Fachabteilungen waren an der Transplantation beteiligtBild: Universitätsfrauenklinik Tübingen

Befruchtung aus der Retorte

Die Kinder müssen auf jeden Fall durch künstliche Befruchtung bzw. In-Vitro-Fertilisation gezeugt werden. Dann wird das Ei in die Gebärmutter eingepflanzt. Das ist notwendig, weil es medizinisch kaum möglich wäre, die Eileiter unbeschädigt mit zu transplantieren und sicherzustellen, dass das Ei sich an der richtigen Stelle in der Gebärmutter einnistet. 

Um die Gebärmutter und die Scheide zu schonen, müssen die Kinder auch per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Das Risiko, dass das transplantierte Organ sonst Schaden nimmt, wäre einfach zu groß.

Großes Team – überschaubare Kosten

Bei den Operationen in Tübingen war die gesamte Kompetenz des Unikliniums gefragt. "Es waren insgesamt 18 Abteilungen mit über 40 Expertinnen und Experten beteiligt", sagte Brucker und dankte ihren Kolleginnen und Kollegen für die gemeinsame Kraftanstrengung.

"Noch ist das Verfahren ein Forschungsprojekt", betont Direktor Wallwiener. Es könne also noch nicht allen betroffenen Patientinnen angeboten werden. Klar sei aber jetzt schon, dass sich die Kosten im Rahmen hielten, wenn das Verfahren einmal eine breitere Anwendung finde. "Sie liegen zwischen denen einer Nieren- und Lebertransplantation", schätzt Wallwiener. Und Brucker ergänzt: "deutlich unter 50.000 Euro". 

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Uni-Klinik Tübingen | Alfred Königsrainer
Transplantationsmediziner Königsrainer hält das Verfahren für vergleichbar mit NierentransplantationenBild: Universitätsklinikum Tübingen/Verena Müller

Der ärztliche Direktor der Transplantationsmedizin an der Uniklinik, Alfred Königsrainer, erklärt auch, warum das so ist: "Anders als bei einer Nierentransplantation, sind die Patientinnen ja gesund." Das Operationsrisiko sei also viel geringer.

Mehr als eine Schwangerschaft möglich

Bei den beiden Frauen, die bereits ein Kind ausgetragen haben, konnte die Gebärmutter erhalten bleiben. Einer zweiten Schwangerschaft steht also aus medizinischen Gründen nichts im Wege, so Frauenärztin Sara Brucker. 

Die dritte Transplantation, die in Tübingen durchgeführt wurde, fand erst im Januar 2019 statt. Weil die Patientin nach der Transplantation erst ein Jahr abwarten soll, bevor sie schwanger wird, könnte das nächste Kind also frühestens 2020 zur Welt kommen.

Die Empfängerinnen der Organspende bekommen während der Transplantation Medikamente, die eine Abstoßung des Spenderorgans verhindern sollen, sogenannte Immunsuppresiva. Diese haben aber bei der Schwangerschaft keine Auswirkungen auf das Kind.

Keine ethischen Bedenken wegen einer Lebendspende

Auf die Frage, ob die Ärzte bei einer Gebärmuttertransplantation ethische Bedenken haben, da ja lebende Personen als Spender herangezogen werden, antwortete Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik der Universität Tübingen: Das Gesetz begrenze Lebendspenden auf solche Operationen, die das Leben eines Patienten retten oder auf "schwerwiegende Erkrankungen, um ein Leiden zu lindern." Damit, so Wiesing, stünde die Gebärmuttertransplantation eindeutig "innerhalb des Transplantationsgesetzes" und gehöre zum "genuinen Aufgabenbereich der Medizin".

Zwar gebe es einen Fall in Brasilien, wo ein Kind auch nach einer post-mortem Gebärmutterspende zur Welt gekommen sei, aber die Tübinger Ärzte bevorzugen eindeutig die Lebendspende.

Uni-Klinik Tübingen | Urban Wiesing
Ethiker Wiesing sagt: Das Verfahren ist klar durch das Transplantationsgesetz gedecktBild: Silke Sommer

So sei es bei Unfallopfern sehr schwierig, die Vorgeschichte der Gebärmutter zu erfahren: Liegt möglicherweise eine Infektion mit dem Humanen Papillomvirus (HPV) vor? Besteht damit die Gefahr einer Krebserkrankung? Sind Geburten des Unfallopfers zuvor erfolgreich verlaufen? Solange Ärzte solche Risiken nicht ausschließen können, verzichten sie lieber auf eine Transplantation.

Können bald auch transsexuelle – ehemalige Männer – Kinder kriegen?

Das schließen die Tübinger Ärzte nach dem derzeitigen medizinischen Erkenntnisstand aus. Der Grund: Transsexuelle haben weder Eierstöcke noch die nötige eigene Hormonbildung, um eine Gebärmutter gesund am Leben zu erhalten.

Es gab zwar schon Studien zur Eierstocktransplantation, aber die Risiken und Erfolgsaussichten sind kaum abzuschätzen. Ethisch wäre ein solcher Schritt also derzeit nicht zu vertreten, so Professorin Sara Brucker.

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