Erstmals zwei Kinder nach Gebärmuttertransplantationen in Deutschland geboren

An der Universitätsfrauenklinik Tübingen sind zwei Kinder zur Welt gekommen, deren Mütter zuvor eine Gebärmutter transplantiert bekommen hatten. Die beteiligten Ärzte sind begeistert.

Es ist ein "wunderbares Ereignis", sagt der Ärztliche Direktor der Tübinger Universitätsfrauenklinik Diethelm Wallwiener. Im März und Mai dieses Jahres sind an seinem Krankenhaus zwei Kinder gesund zur Welt gekommen, deren Mütter transplantierte Gebärmütter hatten.

"Es ist gelungen, zwei Kindern zu helfen, das Licht der Welt zu erblicken, die sonst nie geboren worden wären", betont Wallwiener den ärztlichen Erfolg. Auch für die medizinische Forschung sei dies ein Durchbruch und ein "neues Kapitel der Transplantationschirurgie". Dabei ist es ihm wichtig zu betonen, dass sein Team dieses "Neuland" mit "der gebotenen ärztlichen Demut" betreten habe. 

An den Transplantationen in Tübingen waren jeweils auch Ärzte aus dem schwedischen Göteborg beteiligt, die als Pioniere auf dem Gebiet der Gebärmuttertransplantation gelten. Bisher gab es weltweit circa 40 Transplantationen dieser Art mit über 10 Geburten. 

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Wissenschaft | 15.04.2019

Prof. Wallwiener freut sich, dass die Uniklinik Tübingen transplantationsmedizinisches Neuland betritt

Wichtig für das Selbstwertgefühl der Patientinnen

Professorin Sara Brucker, die als Ärztliche Direktorin am Forschungsinstitut für Frauengesundheit die Transplantation zentral begleitet hatte, machte deutlich, was dieser Durchbruch für die betroffenen Patientinnen bedeutet. 

Es gehe dabei um Mädchen, die zwar mit Schamlippen, aber ohne Scheide und Gebärmutter zur Welt kommen. Etwa eins von 4500 neugeborenen Mädchen hat diesen seltenen Gendefekt – auch bekannt als Mayer-Rokatinsky-Küster-Hauser-Syndrom.

Etwa 8000 Betroffene leben in Deutschland. In der Regel zeigt sich die Erkrankung erst in der Pubertät. Die Mädchen haben zwar Eierstöcke, eine normale Hormonproduktion, Brustentwicklung, und sind auch sonst "hormonell unauffällig", erklärt Brucker, aber sie bekommen ihre Regelblutung nicht.

Gerade in der Pubertät sind die Mädchen aber psychisch sehr verletzlich, sagt Brucker: "Und da müssen wir ihnen das genau in dieser Phase mitteilen. Aber wir könnten den Betroffenen sagen: 'Sie sind nicht allein'. Wir können Ihnen helfen." 

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Professorin Brucker betont, dass die Transplantation vielen betroffenen Frauen helfen kann

Der erste Schritt: Der Aufbau einer Vagina

Für die meisten betroffenen Patientinnen geht es anfangs noch gar nicht darum, eigene Kinder zu kriegen. Der Kinderwunsch lässt sich unter Umständen auch durch eine Adoption später noch erfüllen.

Aber viele Patientinnen wünschen sich ein Sexualleben. Also legen die Ärzte eine sogenannte Neovagina an – eine operativ hergestellte Scheide. Es gehe darum, den Patientinnen "zu ermöglichen, vom Mädchen zur Frau zu werden", sagt Brucker. Bisher wurden in Tübingen 560 Frauen entsprechend operiert. Derzeit kommen jährlich etwa 40 bis 50 hinzu. 

Der zweite Schritt: Die Uterustransplantation

Die Uterus- bzw. Gebärmuttertransplanation sei dann "der nächste, logische Schritt" sagt die Ärztin. "Wir wollten ihnen ermöglichen, nicht nur vom Mädchen zur Frau zu werden, sondern auch von der Frau zur Mutter." Bisher haben Ärzte an der Universitätsfrauenklinik drei solche Operationen erfolgreich durchgeführt – erstmals im Oktober 2016.

Zuerst wird der Spenderin (in Tübingen waren das die Mütter der Patientinnen) die Gebärmutter explantiert. Dann wird sie gespült, um Blutbestandteile aus dem Organ zu entfernen, die später zu einem Verschluss führen könnten.

In einem Fall war einer Spenderin bereits eine Gebärmutter entnommen worden, konnte aber nicht transplantiert werden, weil diese notwendige Spülung nicht erfolgreich war.

Danach wird der Empfängerin das Organ implantiert. Das ist in Tübingen bisher dreimal geglückt. "Das erste Mal in ihrem Leben bekommen die Frauen [danach] eine Menstruationsblutung," beschreibt Brucker den Transplantationserfolg. 

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Eine echte Teamleistung: Mehr als 40 Experten aus 18 Fachabteilungen waren an der Transplantation beteiligt

Befruchtung aus der Retorte

Die Kinder müssen auf jeden Fall durch künstliche Befruchtung bzw. In-Vitro-Fertilisation gezeugt werden. Dann wird das Ei in die Gebärmutter eingepflanzt. Das ist notwendig, weil es medizinisch kaum möglich wäre, die Eileiter unbeschädigt mit zu transplantieren und sicherzustellen, dass das Ei sich an der richtigen Stelle in der Gebärmutter einnistet. 

Um die Gebärmutter und die Scheide zu schonen, müssen die Kinder auch per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Das Risiko, dass das transplantierte Organ sonst Schaden nimmt, wäre einfach zu groß.

Großes Team – überschaubare Kosten

Bei den Operationen in Tübingen war die gesamte Kompetenz des Unikliniums gefragt. "Es waren insgesamt 18 Abteilungen mit über 40 Expertinnen und Experten beteiligt", sagte Brucker und dankte ihren Kolleginnen und Kollegen für die gemeinsame Kraftanstrengung.

"Noch ist das Verfahren ein Forschungsprojekt", betont Direktor Wallwiener. Es könne also noch nicht allen betroffenen Patientinnen angeboten werden. Klar sei aber jetzt schon, dass sich die Kosten im Rahmen hielten, wenn das Verfahren einmal eine breitere Anwendung finde. "Sie liegen zwischen denen einer Nieren- und Lebertransplantation", schätzt Wallwiener. Und Brucker ergänzt: "deutlich unter 50.000 Euro". 

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Transplantationsmediziner Königsrainer hält das Verfahren für vergleichbar mit Nierentransplantationen

Der ärztliche Direktor der Transplantationsmedizin an der Uniklinik, Alfred Königsrainer, erklärt auch, warum das so ist: "Anders als bei einer Nierentransplantation, sind die Patientinnen ja gesund." Das Operationsrisiko sei also viel geringer.

Mehr als eine Schwangerschaft möglich

Bei den beiden Frauen, die bereits ein Kind ausgetragen haben, konnte die Gebärmutter erhalten bleiben. Einer zweiten Schwangerschaft steht also aus medizinischen Gründen nichts im Wege, so Frauenärztin Sara Brucker. 

Die dritte Transplantation, die in Tübingen durchgeführt wurde, fand erst im Januar 2019 statt. Weil die Patientin nach der Transplantation erst ein Jahr abwarten soll, bevor sie schwanger wird, könnte das nächste Kind also frühestens 2020 zur Welt kommen.

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Fit und gesund | 04.05.2018

Organspende – eine schwere Entscheidung

Die Empfängerinnen der Organspende bekommen während der Transplantation Medikamente, die eine Abstoßung des Spenderorgans verhindern sollen, sogenannte Immunsuppresiva. Diese haben aber bei der Schwangerschaft keine Auswirkungen auf das Kind.

Keine ethischen Bedenken wegen einer Lebendspende

Auf die Frage, ob die Ärzte bei einer Gebärmuttertransplantation ethische Bedenken haben, da ja lebende Personen als Spender herangezogen werden, antwortete Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik der Universität Tübingen: Das Gesetz begrenze Lebendspenden auf solche Operationen, die das Leben eines Patienten retten oder auf "schwerwiegende Erkrankungen, um ein Leiden zu lindern." Damit, so Wiesing, stünde die Gebärmuttertransplantation eindeutig "innerhalb des Transplantationsgesetzes" und gehöre zum "genuinen Aufgabenbereich der Medizin".

Zwar gebe es einen Fall in Brasilien, wo ein Kind auch nach einer post-mortem Gebärmutterspende zur Welt gekommen sei, aber die Tübinger Ärzte bevorzugen eindeutig die Lebendspende.

Ethiker Wiesing sagt: Das Verfahren ist klar durch das Transplantationsgesetz gedeckt

So sei es bei Unfallopfern sehr schwierig, die Vorgeschichte der Gebärmutter zu erfahren: Liegt möglicherweise eine Infektion mit dem Humanen Papillomvirus (HPV) vor? Besteht damit die Gefahr einer Krebserkrankung? Sind Geburten des Unfallopfers zuvor erfolgreich verlaufen? Solange Ärzte solche Risiken nicht ausschließen können, verzichten sie lieber auf eine Transplantation.

Können bald auch transsexuelle – ehemalige Männer – Kinder kriegen?

Das schließen die Tübinger Ärzte nach dem derzeitigen medizinischen Erkenntnisstand aus. Der Grund: Transsexuelle haben weder Eierstöcke noch die nötige eigene Hormonbildung, um eine Gebärmutter gesund am Leben zu erhalten.

Es gab zwar schon Studien zur Eierstocktransplantation, aber die Risiken und Erfolgsaussichten sind kaum abzuschätzen. Ethisch wäre ein solcher Schritt also derzeit nicht zu vertreten, so Professorin Sara Brucker.

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Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Eine Meisterleistung der Medizin

Am 13. Februar 1969 transplantierte der Münchener Herzspezialist Rudolf Zenker erstmals ein Spenderherz in Deutschland. Die Transplantation war leider nicht erfolgreich. Nach nur 27 Stunden starb der Patient. Dennoch war die Methode auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten. Heute transplantieren Ärzte in Deutschland jährlich etwa 300 Herzen, so wie auf diesem Bild.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Eine medizinische Sensation

Zwei Jahre davor: Der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard führte weltweit die erste Herztransplantation durch und schrieb Medizingeschichte. Sein Patient war der 54-jährige Louis Washkansky. Bei der Operation im Groote Schuur Hospital in Kapstadt erhielt er das Herz einer jungen Frau, die bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Er selbst starb 18 Tage später an einer Lungenentzündung.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Ein eingespieltes Team

Fünf Stunden dauerte die Transplantation. 31 Ärzte waren daran beteiligt, darunter auch Christiaan Barnards Bruder Marius. Er erlangte allerdings bei weitem nicht eine so große Bekanntheit, genauso wenig wie die Spenderin, die 25-jährige Denise Ann Darvall. Für die Feststellung ihres Todes war die Diagnose Hirntod ausschlaggebend. Die Einwilligung zur Entnahme ihres Herzens gab ihr Vater.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Eine wahre Flut von Herztransplantationen

Am 2. Januar 1968 nahm Barnard zum zweiten Mal eine Herztransplantation vor. Philip Blaiberg lebte 18 Monate lang mit dem fremden Herzen. Es folgten weltweit etwa 100 Operationen. Die New York Times beschrieb es als "Epidemie von Herztransplantationen". Aber es kam oft zu Abstoßungsreaktionen oder zu lebensgefährlichen Infektionen.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Nicht nur Ruhm und Ehre

Kritiker an Barnard und der ersten Herztransplantation waren schnell zur Stelle. Die Operationstechnik hatte sich Barnard bei Kollegen in den USA abgeschaut, wo er bei Hunderten von Eingriffen an Hunden assistiert hatte. Dass der damals 45-jährige einen solchen Eingriff an einem Menschen durchführte, hielten viele seiner Kollegen vor allem in den USA für fahrlässig und auch für eine Frechheit.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Von jetzt auf gleich berühmt

Geboren wurde der bekannteste Chirurg der Welt am 8. November 1922 im südafrikanischen Beaufort West als Sohn eines protestantischen Missionars. Sein Weg führte ihn über seine Stellung als Assistenzarzt, praktischer Arzt und Internist in einem Infektionskrankenhaus hin zur Chirurgie. Mit der ersten Herzverpflanzung trat er ins Licht der Öffentlichkeit und wurde auf der ganzen Welt bekannt.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Zwischen Papst, Mandela und der Gräfin von Monaco

Barnard trat im Fernsehen auf, nahm an Gesprächsrunden teil, war ein gern gesehener Gast bei Empfängen und Festen und auf Du und Du mit den wichtigen Persönlichkeiten dieser Zeit. Gräfin Gracia Patricia von Monaco gehörte dazu wie hier beim Tanzen. Ein Besuch bei Papst Paul VI. durfte da nicht fehlen. Die Mächtigen der Welt schmückten sich mit seiner Anwesenheit.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Guiness-Buch der Rekorde

An zweiter Stelle hinter Nelson Mandela wurde Barnard auf Platz Zwei der berühmtesten Menschen der Welt gewählt. Damit aber nicht genug: Er landete auch im Guinness-Buch der Rekorde. Es war seine Wirkung auf Frauen, die ihm den Eintritt in dieses Werk verschaffte, denn er bekam mehr als 200 Fan-Briefe pro Tag. Auch die weltbekannte Gina Lollobrigida gehörte zu seinen Verehrerinnen.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Chirurg mit Charme

Eine jugendliche Ausstrahlung wurde Barnard immer wieder gerne bescheinigt. Dreimal war der Charmeur par excellence verheiratet: 1948 gab er Aletta Gertruida Louw das Jawort. Scheidung: 1970. Im selben Jahr heiratete der damals 48-jährige die 18-jährige Barbara Maria Zoellner. Scheidung: 1982. Karin Setzkorn wurde 1988 Ehefrau Nummer Drei. Insgesamt hatte Bernard sechs Kinder.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Das "Aus" als Chirurg

Im Alter von 61 Jahren erkrankte Barnard an Arthritis. Sie betraf vor allem seine Hände, so dass der berühmteste Herzchirurg der Welt nicht mehr operieren konnte. Seitdem beschäftigte er sich unter anderem mit der Erforschung von Alterungsprozessen und verfasste Bücher wie "Mit Arthritis leben" – Ein Handbuch für alle Arthritis-Kranken.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Tod am Pool

Christiaan Barnard starb am 2. September 2001, im Alter von 78 Jahren auf Zypern. Als Todesursache wurde zunächst ein Herzinfarkt vermutet. Später hieß es, es sei ein Asthmaanfall gewesen. Zeitlebens hatte sich der weltberühmte Herzchirurg an die Regel behalten: Sport treiben, täglich ein bis zwei Gläser Rotwein trinken, viel Olivenöl und Sex. Bestattet wurde er in Beaufort West.

Vor 50 Jahren: Die erste Herztransplantation in Deutschland

Aus einer Sensation wird Routine

Barnard hinterließ der Medizin ein wichtiges Erbe. Zwar dauerte es einige Jahre und es gab viele Rückschläge. Aber inzwischen wurden Herztransplantationen zu einem sicheren Behandlungsverfahren weiterentwickelt und sind heute fest etabliert. Allerdings mangelt es nach wie vor an Spenderorganen.

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