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GesellschaftNahost

Faktencheck: Pressefreiheit in Katar?

Joscha Weber | Sonya Angelica Diehn
18. November 2022

Der Gastgeber der FIFA WM 2022 gibt sich als moderner, offener Staat, in dem Medien "frei und ohne Einmischung" berichten können, so Katar. Unser Faktencheck zeigt: Das stimmt nicht.

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Sicherheitskräfte am Al-Thumama Stadion in Katar (Foto: KARIM SAHIB / AFP)
Sicherheitskräfte am Al-Thumama Stadion in Katar: Berichterstattung nur nach Genehmigung?Bild: Karim Sahib/AFP

Plötzlich fährt ein Golf Cart ins Bild, dann greift eine Hand vor das Kameraobjektiv. Das Bild wird schwarz. Ein paar Männer in weißen arabischen Gewändern sind herbeigeeilt, um offensichtlich die Dreharbeiten eines Kamerateams des dänischen Senders TV2 zu unterbinden. Doch Fernsehjournalist Rasmus Tantholdt ist gerade live auf Sendung und setzt sich mit Worten zur Wehr: "Sie haben die gesamte Welt eingeladen, hierherzukommen. Warum können wir hier nicht filmen? Das ist ein öffentlicher Ort", so Tantholdt zu den katarischen Sicherheitskräften und zeigt seine Akkreditierung vor: "Wir dürfen filmen, wo wir wollen. Sie drohen uns damit, die Kamera zu zerstören?" Den Mitschnitt veröffentlicht der dänische Fernsehreporter später auf Twitter:

Die katarischen Behörden hätten sich schnell bei ihm entschuldigt, lässt Tanholdt wissen. Der Vorfall ereignete sich wenige Tage vor dem Start der FIFA Weltmeisterschaft an diesem Sonntag und wirft Fragen auf: Können Medien frei aus dem WM-Gastgeberland berichten?

Behauptung: Katar hat mehrfach verkündet, dass eine freie Berichterstattung möglich sei. Als kürzlich Kritik an der restriktiven Praxis von Drehgenehmigungen in dem Emirat aufkam, antwortete das für die Organisation der WM zuständige Supreme Committee mit einem Tweet, in dem es heißt: "Tausende Journalisten können jedes Jahr frei und ohne Einmischung aus Katar berichten". 

DW Faktencheck: Falsch.

Eine wirklich freie Berichterstattung aus Katar ohne staatliche Einmischung ist nach unseren Recherchen nicht möglich. Journalisten müssen dort mit Einschränkungen der Pressefreiheit rechnen, zum Beispiel gibt es Grenzen, was sie zeigen dürfen. "Journalisten wird es nicht erlaubt, zu filmen oder zu fotografieren in Wohngebäuden, Geschäften und Gewerbegebieten - letzteres betrifft vor allem Gebiete, in denen Journalisten über Menschenrechtsverletzungen bei Gastarbeitern berichtet haben", kritisiert die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen in einem Bericht über die Restriktionen für Journalisten während der WM. Im Pressefreiheitsindex der Organisation rangiert Katar auf Platz 119 von 180 Nationen. 

"Die Pressefreiheit ist nicht gewährleistet in Katar", sagt Jonathan Dagher, Leiter des Nahost-Desks bei Reporter ohne Grenzen in Paris. "Katar steht zwar in unserem Pressefreiheits-Ranking sicherlich besser da als die meisten Länder in der Region. Aber das heißt nicht, dass die Situation der Pressefreiheit in Katar als 'gut' beschrieben werden kann."

Auch der Internationale Journalisten-Verband IFJ bestätigt die Einschränkungen der Pressefreiheit in Katar. Medien würden durch staatliche Maßnahmen daran gehindert, über Themen von öffentlichem Interesse, wie etwa Menschenrechtsverletzungen, zu berichten. Beispielsweise wurden im November 2021 zwei norwegische Journalisten festgenommen, die über die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen berichteten.

Festgenommen und 14 Stunden lang verhört

Das erlebte auch Florian Bauer. Als ARD-Reporter reiste er mehrfach nach Katar, um über die menschenunwürdigen Wohn- und Arbeitsbedingungen der ausländischen Arbeiter auf den Baustellen im Land zu berichten. 2015 endete ein Dreh in einem Gastarbeitercamp abrupt. "Der katarische Geheimdienst nahm uns fest. Wir wurden 14 Stunden lang befragt und dem Staatsanwalt vorgeführt. Erst nach fünf Tagen durften wir das Land verlassen", erinnert sich Bauer.

Fußball-WM 2022: Gastarbeiter aus Nepal auf der Baustelle im Lusail-Stadion Katar (20.12.2019)
Bauarbeiter aus Nepal am Lusail-Stadion (2019): Kaum zugänglich für JournalistenBild: Hassan Ammar/AP/dpa/picture alliance

Seitdem habe sich das eine oder andere in Katar verbessert, so Bauer. Doch auch bei seiner jüngsten Reise nach Katar Ende September wurde er nach eigener Aussage vom Geheimdienst beschattet, als er sich den Unterkünften der Gastarbeiter genähert habe. Das Kernproblem bleibt für ihn weiterhin der Zugang zu den Gastarbeitern.

Nach seinen Angaben bedarf weiterhin eine staatliche Drehgenehmigung, um in den Unterkünften der Gastarbeiter zu filmen und diese zu sprechen. "Diese Genehmigung bekommen JournalistInnen fast gar nicht mehr und wenn, nur organisiert durch das WM-Organisationskomitee oder die Regierung. Das heißt, man hat im Normalfall, wenn man diese Unterkünfte besucht, immer Aufpasser dabei. Und die unterbrechen auch teilweise, wenn man dort Interviews macht."

Ein Fake-News-Gesetz und viele Fragen

Werden Journalisten also davon abgehalten, während der WM auch über kritische Themen in Katar zu berichten? Pamela Morinière befürchtet genau das. Die Sprecherin des Internationale Journalisten-Verbands IFJ meint, es könne nicht sein, dass Journalisten in Katar nur über WM-Spiele berichten. "Journalisten wollen über mehr als nur Fußball berichten, sie wollen darüber berichten, was in Katar geschieht und darüber, was mit den Gastarbeitern geschieht", so Morinière, die "sehr besorgt" über die Festnahmen von Journalisten ist.

Menschen stehen vor einem FIFA Fußball-WM 2022 Schriftzug in Doha. (Foto: REUTERS/Marko Djurica)
FIFA-World-Cup-Werbung in Doha: Was passiert nach der WM?Bild: Marko Djurica/REUTERS

Aus Sicht des IFJ droht Journalisten noch ein weiteres Problem: "Wir sind auch besorgt wegen eines Gesetzes in Katar, das jede Verbreitung von 'Fake News' oder Gerüchten mit sehr hohen Geldstrafen und bis zu fünf Jahren Gefängnis belegt", sagt Morinière. 2020 veröffentlichte Katar eine Neufassung des Strafgesetzbuchs, in dem die Verbreitung von "Fake News" mit strafrechtlichen Sanktionen geahndet werden können. Human Rights Watch kritisiert die Gesetzesnovelle, weil diese nicht definiere, wer feststellt, was ein Gerücht oder eine Falschnachricht ist oder welche Standards dabei anzuwenden sind. Katars Strafgesetzbuch kriminalisiere auch Kritik am Emir oder Verleumdung der Religion, so Human Rights Watch.

Selbst wenn nun während der WM solche Gesetze und Restriktionen ausgesetzt werden, was passiert dann danach, fragt sich der dänische Journalist Rasmus Tantholdt im Interview mit dem Sender Sky: "Ist das, was wir gesehen habe, der Normalfall in Katar? Und wie wird die Situation sein, nachdem wir unsere Mikrofone eingepackt haben und zurück unsere Heimatländer reisen? Das macht wahrscheinlich vielen Leuten Sorge".

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