Fall nackter Schauspielerin zeigt Gesetzeslücke

Eine als TV-Nonne bekannte Schauspielerin muss Strafe zahlen, weil sie sich vor zwei Zivilfahndern entblößte. Der Fall zeigt eine absurde Trennung nach Geschlecht im Strafgesetzbuch auf.

Antje Mönning, die in der Serie Um Himmels Willen eine Nonne, die vorher Stripperin war, spielte, hat schon in vielen Interviews gesagt, dass sie sich nackt besonders wohlfühlt. Im Juni 2018 zeigte sie das auch in der Öffentlichkeit. Auf einem Parkplatz im Allgäu posierte sie vor einem LKW-Fahrer und zwei weiteren Männern in einem durchsichtigen Top und hob ihren Rock, unter dem sie keine Unterwäsche trug.

Kultur | 18.09.2018

Was Mönning nicht wusste: Die beiden anderen Männer waren Zivilpolizisten. Die beiden Beamten, die auf dem Parkplatz den LKW-Fahrer kontrollierten, filmten ihren Auftritt mit dem Handy und beschuldigten sie der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Am Dienstag stand die 40-Jährige deswegen vor Gericht. Der Richter sieht in Mönnings Verhalten keine Straftat, verurteilt sie aber wegen einer Ordnungswidrigkeit zu einem Bußgeld von 300 Euro. "Ich kann nicht glauben, dass es eine Straftat sein soll, als Frau seinen Körper zu zeigen", sagte Mönning. Der Fall der Schauspielerin sorgte für großes Medieninteresse, insbesondere aufgrund des Kontrastes zwischen Mönnings ehemaliger Nonnenrolle und ihrem freizügigen Parkplatzauftritt.

Vage Gesetzeslage

Die Erregung öffentlichen Ärgernisses ist eine Straftat nach Paragraph 183a des Strafgesetzbuchs. "Wer öffentlich sexuelle Handlungen vornimmt und dadurch absichtlich oder wissentlich ein Ärgernis erregt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es dort. Aber was genau als öffentliches Ärgernis gilt, ist schwer festzulegen.

"Das, was unter eine sexuelle Handlung fällt, das kann im konkreten Einzelfall sehr umstritten sein", erklärt Rechtsanwalt Steffen Lindberg im DW-Interview. "Es muss eine gewisse Erheblichkeitsschwelle überschritten werden, um in die Strafbarkeit reinzukommen. Normale Küsse werden diese Erheblichkeitsschwelle nicht überschreiten, und auch der sogenannte Flitzer, der nackt durchs Stadion rennt, wird sich in der Regel nicht nach 183a strafbar machen."

Wenn selbst ein splitterfasernakter Flitzer nicht für Erregung öffentlichen Ärgernisses belangt wird, stellt sich die Frage, wie die Anschuldigung gegen Mönning zustande kam. Den Intimbereich in der Öffentlichkeit zu entblößen fällt eigentlich unter exhibitionistische Handlungen, Paragraf 183. Den konnten die beiden Zivilpolizisten aber aus einem einfachen Grund nicht gegen Mönning vorbringen: Er bezieht sich nur auf Männer.

"Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es im Strafgesetzbuch.

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"So wie es den Eindruck macht, gehe ich davon aus, dass [Mönnings Verhalten] in eine Strafbarkeitslücke fällt, zwischen 183 und 183a", sagt Lindberg. "Solange es nur um das Heben des Rockes und das rhythmische Bewegen geht, kann man mit guten Argumenten begründen, dass es nicht unter die Erregung öffentlichen Ärgernisses fällt. Es würde vielleicht unter [Exhibitionismus] fallen – wenn es bei einem Mann gewesen wäre."

Lindberg nennt die Doppelvorschrift aus den Paragrafen 183 und 183a, so wie sie jetzt ist, eine "Fehlkonstruktion" und hat für die geschlechterspezifische Regelung – die einzige im Strafgesetzbuch, die nur für ein Geschlecht gilt – nur ein Wort übrig: absurd.

"Paragraf 183 wird über kurz oder lang sowieso auf den Müllhaufen der juristischen Geschichte geworfen werden müssen. Alleine deswegen, weil natürlich die nächste Frage ist, was eigentlich mit Personen ist, die weder Mann noch Frau sind."

"Striptease ohne Musik"

Mönnings Anwalt, Alexander Stevens, würde den Straftatbestand Erregung öffentlichen Ärgernisses am liebsten ganz abschaffen. Er sagt, die Moralvorstellungen hätten sich seit Einführung des Gesetzes in seiner jetzigen Form in den 1970ern erheblich verändert. "Man kann doch nicht jemanden für bis zu ein Jahr ins Gefängnis sperren für etwas, das man ab 21 Uhr ganz normal im Fernsehen sehen kann", so der Anwalt. Er sagt, bei dem Auftritt seiner Mandantin habe es sich um Kunst gehandelt.

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Der LKW-Fahrer, der Zeuge von Mönnings Darbietung wurde, fühlte sich in keinster Weise belästigt. Er sagte vor Gericht aus, er habe den Auftritt als "Auflockerung" während der Polizeikontrolle gesehen. Seine Stammtischfreunde wollten ihm die Geschichte erst nicht glauben. "Wir sind im ländlichen Bereich. Das hat hier noch keiner erlebt", so der 51-Jährige. "Striptease ohne Musik" sei das gewesen. "Ich war baff, dass ich so etwas miterleben durfte."

Mönning selbst entschuldigte sich bei den Zivilpolizisten, kündigte aber nach der Verhandlung an, auch in Zukunft mit Aktionen auf das gesellschaftliche Thema aufmerksam machen zu wollen.

Die Schauspielerin bleibt dabei: "Nacktheit ist keine Straftat."

Kultur

Der freie Körper

Nackt sein gehört zur deutschen Kultur wie Technomusik und Spargelzeit. Auch wenn die Identifikation mit der Freikörperkultur (FKK) bei den jüngeren Generationen langsam schwindet, sind an vielen Stränden noch immer FKK-Gebiete markiert. Auch in Parks und Spas können Nackt-Enthusiasten ihrem Freiheitsgefühl nachgehen.

Kultur

Ein gesundes Hobby

Im späten 19. Jahrhundert glaubten viele Deutsche, es sei gesund, in einem der vielen Seen des Landes "textilfrei" zu baden. Es wurde zum Trend, aus den Industriestädten in die Natur zu gehen. Manch einer begann, nackt zu wandern oder Sport zu treiben. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1933 und zeigt zwei Frauen am Chiemsee in Bayern.

Kultur

Nackte Körper im Film

Die Idee, Gesundheit durch Freizügigkeit in der Natur zu steigern, war auch ein Leitmotiv des Films "Wege zu Kraft und Schönheit" mit der umstrittenen deutschen Schauspielerin und Filmemacherin Leni Riefenstahl. Der Streifen aus dem Jahr 1926 war einer der populärsten Lehrfilme der Stummfilmzeit, die körperliche Bewegung wie Tanzen und Baden propagierten.

Kultur

FKK und die Nazis

Leni Riefenstahl wurde später Hitlers Lieblingsfilmerin; in ihrem zweiteiligen Film "Olympia", der die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgriff, verherrlichte sie die athletische Figur der Arier. Während die Nazis die FKK zunächst untersagten, wurde das Nacktschwimmen 1942 wieder erlaubt - sofern es in abgelegenen Gebieten diskret geschah. Viele Förderer der FKK-Bewegung waren Linke.

Kultur

Ein Stück Freiheit in der DDR

In den 1950er Jahren starteten Avantgardisten in der DDR die ersten unbekleideten Gehversuche. In den 70er Jahren war FKK schließlich weit verbreitet. Nackt zu baden war eine der wenigen Freiheiten, während das Leben in der DDR auf andere Weise streng kontrolliert wurde - also machten die Menschen davon umfassend Gebrauch. Hier sonnen sich 1986 Nudisten am Müggelsee in Ost-Berlin.

Kultur

FKK an der Ostsee

Auch an den Stränden der Ostsee wird FKK bis heute zelebriert. Die Praxis verbreitete sich jedoch nicht auf der polnischen Seite der Küste. Nach Polens EU-Beitritt war es zwar leicht, von einem Land ins andere zu laufen, Nudismus allerdings sorgte für Spannungen zwischen den Orten auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze.

Kultur

Der Spirit von FKK

Diese Nudisten in Leipzig anno 1980 haben den FKK-Spirit verinnerlicht: den Körper feiern, frei von Kleidung. Die Praxis ist übrigens nicht mit Sex verbunden, es geht vielmehr darum, sich von sozialen Zwängen zu befreien. Hübscher Nebeneffekt: Es gibt nach dem Sonnenbad keine lästigen weißen Streifen von der Badekleidung.

Kultur

Nicht nur im Osten: Münchens Ausnahmen

Öffentliche Nacktheit ist in der bayerischen Landeshauptstadt tabu; Ausnahmen gibt es im Englischen Garten und am Flaucher, einem Abschnitt der Isar, der ein beliebtes Ziel für Nudisten ist, wie dieses Bild von einem heißen Tag 2002 belegt. FKK-Gebiete sind als solche gekennzeichnet und wer dort abhängt, will keine Touristenattraktion sein.

Kultur

Berlins eigene Regeln

Auch Berlin hat - wohl wegen seiner teilweisen DDR-Vergangenheit - eine gewisse FKK-Tradition. Beim Spaziergang durch den Park kann man möglicherweise mehr Fleisch sehen als erwünscht. Zwar ist öffentliche Nacktheit auch in der Hauptstadt nicht erlaubt, in Grünanlagen wie dem Mauerpark, Volkspark Friedrichshain (Bild, 1999) und Tiergarten ist sie aber geduldet - solange sich niemand an ihr stört.

Kultur

Eine Leidenschaft für Millionen Deutsche

Als in Berlin die Mauer fiel, saß die spätere Kanzlerin Angela Merkel in der Sauna - es war ihr Donnerstagsritual. Rund 30 Millionen Besucher zählen die 2.300 öffentlichen Saunen in Deutschland jedes Jahr. Die meisten Einrichtungen stehen beiden Geschlechtern offen. Aber Vorsicht! Diese Saunen unterscheiden sich von sogenannten FKK-Saunen oder Clubs, die eigentlich Bordelle sind.

Kultur

Nackt in der Wildnis

Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Wer sich aber doch mal in Freikörperkultur üben will, kann im Harz auf 18 Kilometern eine Nacktwanderung machen, von der Stadt Dankerode bis zum Stausee Wippertal. Aber Vorsicht vor den Brennesseln!