Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam für Lesbos

Die griechische Insel Lesbos hat besonders viele Flüchtlinge aufgenommen. Darunter leiden Tourismus und Wirtschaft. Projekte, die Einheimische und Flüchtlinge zusammenbringen, helfen allen. Aus Lesbos Jessica Bateman.

Vor drei Jahren stand die idyllische griechische Insel Lesbos plötzlich im Fokus der Weltöffentlichkeit. Damals kamen täglich um die 3000 Menschen an den Stränden der beliebten Urlaubsinsel an. Und obwohl die Journalisten die Hotels der Insel inzwischen wieder verlassen haben und die Touristen wieder wie üblich durch den Hafen der Insel flanieren, ist die Lage immer noch extrem angespannt. Im berüchtigten Flüchtlingscamp von Moria leben im Moment rund 8000 Menschen, obwohl es eigentlich nur für 2500 Flüchtlinge gebaut wurde. Es kommt oft zu Gewalt, und sogar Kinder, nicht älter als zehn Jahre, versuchen sich das Leben zu nehmen. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" erklärte Moria zum "schlimmsten Flüchtlingscamp der Welt".

Im Stich gelassen

Doch die Situation hat nicht nur Auswirkungen auf diejenigen, die im Camp untergebracht sind. Verglichen mit den besten Zeiten kommen nur noch halb so viele Touristen nach Lesbos. Viele lokale Unternehmen haben geschlossen und die Kleinkriminalität auf der Insel hat zugenommen. Die Einheimischen, die als erstes geholfen haben, fühlen sich mittlerweile allein gelassen. Panos, Besitzer eines lokalen Lebensmittelladens, sagt: "Die EU und die griechische Regierung haben die Insel in ein Warenhaus für verlorene Seelen verwandelt."

Anwohner wie Panos fühlen sich allein gelassen

Aus diesem Grund entstehen auf Lesbos aktuell immer mehr Projekte, die sowohl Flüchtlingen und Einheimischen zugute kommen sollen. Die kleine Insel im Mittelmeer hat bei der Flüchtlingshilfe viel mehr geleistet, als sie eigentlich konnte. Die neuen Projekte sollen Lesbos jetzt wieder mit Leben füllen. "Hunderte Freiwillige aus Europa und Nordamerika kamen hierher, aber niemand hörte auf die Einheimischen und darauf, was sie für nötig hielten", sagt Adil Izemrane, Mitgründer von "Movement on the Ground" (MOTG) - "Bewegung vor Ort". Die Organisation ist verantwortlich für viele dieser neuen Projekte. Als Izemrane den Vorsitzenden der Dorfgemeinde von Moria fragte, wie man seinen Bürgern helfen könne, sei der in Tränen ausgebrochen. Niemand habe ihm zuvor diese Frage gestellt, erwiderte er.

Vertrauen aufbauen

Eins der erfolgreichsten Projekte bisher war ein Fußballturnier, an dem Kinder aus dem Camp und aus dem Dorf teilgenommen haben. Kulturelle Unterschiede und die Angst vor Kriminalität und Gewalt machen es nicht einfach, Vertrauen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen aufzubauen. Das Fußballturnier sollte zunächst die Kinder zusammen bringen - und anschließend ihre Eltern.

"Kinder haben keine Vorurteile, sie freunden sich mit jedem an", sagt Tanja Matijevic, eine Umweltforscherin, die jetzt als Fußballtrainerin arbeitet. "Moria ist kein wohlhabender Ort. Die meisten Menschen hier versuchen nur, von einem Tag auf den anderen zu überleben. Wenn die Ziege einer Familie gestohlen wird, weil die Campbewohner verzweifelt sind, macht das schon einiges aus." Viele Eltern hätten der Organisation dafür gedankt, einen Sportverein gegründet zu haben: "Normalerweise könnten sie sich es nicht leisten, ihre Kinder zu Sportvereinen zu schicken."

Griechische und geflüchtete Kinder freunden sich beim Fußballspielen an

Spyros Lalos zehnjähriger Sohn nimmt auch an den Fußballturnieren teil. Er sagt: "Ich denke eine Menge Leute waren zunächst skeptisch, sowohl die Eltern als auch die Kinder. Aber meinem Sohn macht es Spaß und er hat neue Freunde gefunden. Jedes mal, wenn sie zusammen spielen, wird es ein wenig einfacher und die Menschen werden entspannter."

Integration ist möglich

Der 25-jährige Adonis Zeivekis wohnt in Thermi, einem Dorf einige Kilometer nördlich von Moria. Auch er möchte den Kontakt zu den Flüchtlingen verbessern: "Ich komme von hier und bin hier aufgewachsen, ich verstehe daher beide Seiten des Problems", erklärt er. "Ich wollte mich irgendwie einbringen und helfen."

Eine der Lösungen, an den Zeivekis zusammen mit MOTG arbeitet, sind digitale Lernlabors - eines im Camp von Moria und das andere in Mytilini, dem Hauptort der Insel. Dort sollen griechische und geflüchtete Kinder gemeinsam IT-Kenntnisse erlernen. Die zwei Campbewohner Thierry Harbonimana und Kwizera Ahmed Aimable, beide aus Burundi, sind gemeinsam mit ihm Lehrer im Lernlabor: "Wir werden zunächst Flüchtlinge als Lehrer in den griechischen Klassen haben und dann eventuell die beiden Gruppen mischen", erklärt Zeivekis.

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Fokus Europa | 20.12.2017

Die Vergessenen von Lesbos

Mehr kleine informelle Kontakte zwischen Flüchtlingen und Einheimischen zu schaffen, sei der beste Weg, um die Gruppen zusammen zu bringen, meint Harbonimana aus Burundi: "Alles, was uns dabei hilft, uns aneinander zu gewöhnen, ist gut", erklärt er. "Letzte Woche haben wir gemeinsam ein religiöses Fest gefeiert - es war zwar klein, aber es hat jedem gefallen." Zeivekis fügt hinzu: "Gestern hatten wir ein Musikevent mit Flüchtlingen, das offen für alle war." Er denkt nicht, dass die Einwohner mehrheitlich gegen Flüchtlinge sind: "Sie sind nur wütend, weil wir nicht genug Einrichtungen und Mittel für sie haben."

Allerdings sagt Harbonimana, könne es für Flüchtlinge schwierig sein, an solchen Projekten teilzunehmen. Oft seien die Campbewohner vielmehr darauf konzentriert, den Tag zu überstehen: "Manche machen sich einfach große Sorgen darüber, was als nächstes passieren wird, ob sie ihre Papiere bekommen zum Beispiel. Sie können über nichts anderes nachdenken."

In einem anderen Projekt betreiben Flüchtlinge einen Food Truck und kochen für die Einheimischen - mit Zutaten von örtlichen Bauern. Panos, der dabei hilft, die Zutaten anzuliefern, sieht die große albanische Gemeinschaft auf Lesbos als Beweis dafür, dass Integration auf der Insel möglich ist: "Es gibt keinen Grund, warum sie hier nicht bleiben können, einen Job finden oder eine Familie haben können."

Ungewisse Zukunft

Die Menschen vor Ort entwickeln Lösungen, die allen helfen. Dennoch sind sie wütend. Es fehlt nämlich immer noch eine übergeordnete Strategie der Behörden, die letztendlich verantwortlich sind. "Am Anfang war jeder in einer Art Krisenmodus. Aber jetzt sind es bereits drei Jahre, immer noch kommen neue Flüchtlinge an. Und immer noch gibt es keinen langfristigen Plan. Das wird vermutlich noch für einige Jahre so bleiben", sagt Izemrane. "Die Menschen hier wissen nicht, was sie hier machen sollen und wie es weiter geht. Das frustriert sie sehr."

Die griechische Regierung ist für das Camp in Moria verantwortlich. Im Moment sei kein Geld da, um die Bedingungen für die Flüchtlinge zu verbessern, heißt es. Währenddessen können Einheimische und Flüchtlinge auf der Insel nur weiter warten - ohne zu wissen, was die Zukunft für sie bringen wird.

Immer schlechtere Bedingungen: Migranten auf Lesbos

Gefangen in der Ägäis

Die europäischen Hilfsgelder für NGOs, die auf Lesbos Flüchtlinge unterstützen, liefen im August aus. Seitdem liegt die Verantwortung für die dort Gestrandeten allein beim griechischen Staat. Die Übergabe der Verantwortung verlief ungeregelt. Die Lücken im Versorgungssystem werden immer offensichtlicher.

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Weder weg noch angekommen

Moria, das zentrale Aufnahmelager in Lesbos, wie auch andere Flüchtlingsunterkünfte schaffen es kaum, die weiterhin in vielen kleinen Gruppen eintreffenden Flüchtlinge zu versorgen. Der Frust steigt, und mit ihm die Anspannung. Einige Personen werden aggressiv, Auseinandersetzung zwischen Einzelnen münden in Schlägereien zwischen ethnischen Gruppen.

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Fehlende Hygiene

Leere Shampoo- und Wasserflaschen neben einer improvisierten Dusche außerhalb von Moria. Die Hygiene-Einrichtungen im Lager wurden reduziert, weshalb viele Menschen andere Orte zur Körperpflege aufsuchen. Die Flüchtlinge sehen den Abbau dieser Einrichtungen als bewussten Schritt, ihnen das Leben im Lager schwerer zu machen.

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Warten auf den Entscheid

Aman aus Eritrea entschuldigt sich, dass er seinem Gast keinen Tee oder Wasser anbieten kann. Vor drei Monaten kam er nach Lesbos, seitdem wartet er auf seine Asyl-Entscheidung. "Es gibt zu viele Probleme im Lager Moria", sagt er. Die Überbelegung und Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen führen oft zu Kämpfen.

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"Wir sind Menschen, keine Tiere"

Ein afghanischer Asylbewerber malt ein Plakat für eine Demonstration gegen die schlechten Lebensbedingungen in Moria. Die meisten der afghanischen Demonstranten leben seit über einem Jahr auf Lesbos und warten immer noch auf ihren Bescheid. Fehlende Informationen, harte Lebensbedingungen und die Furcht, zurück nach Afghanistan gebracht zu werden, halten viele in einem Zustand dauernder Angst.

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Grenzen der Großzügigkeit

Während der Demonstration der Afghanen beginnen die Einwohner von Lesbos zu diskutieren. Die Flüchtlingskrise hat einen massiven Rückgang im Tourismus bewirkt. Im Vergleich zum Jahr 2015 kamen dieses Jahr 75 Prozent weniger Besucher. Zwar empfinden viele Bewohner Sympathien für die Flüchtlinge, zweifeln aber daran, dass Griechenland sie derzeit angemessen versorgen kann.

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Zwei Wochen gegen Hilflosigkeit

Freiwillige Helfer haben auf Lesbos viele Lücken gefüllt - etwa in der völlig unzureichenden Gesundheitsversorgung. Die deutsche Ärztin Jutta Meiwald kam für zwei Wochen. Viele Gesundheitsprobleme führt sie auf die schlechten Lebensbedingungen in Moria zurück. Die Flüchtlinge beschweren sich, egal, was ihnen fehle, sie bekämen meistens einfach nur Schmerzmittel.

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Das Leben zurückgewinnen

Im Unterstützungszentrum Mosaik verwandeln Asylsuchende am Strand gefundene Schwimmwesten in Taschen und Portemonnaies. Aktivitäten wie diese helfen, die Monotonie des Lager-Alltags zu unterbrechen. Zudem können sich die hier Festsitzenden - wie diese iranische Frau - mit der Arbeit ein wenig Geld verdienen.

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Jeden Tag Neuankömmlinge

Seit Anfang 2015 müssen Asylbewerber auf der Insel bleiben, bis ihre Anträge bearbeitet sind. Bisher wurde aber nur ein kleiner Teil bearbeitet. In diesem Jahr kamen nach UN-Angaben über 14.000 Flüchtlinge nach Griechenland. Im vergangenen Jahr gewährte Griechenland 12.500 Menschen Asyl, insgesamt kamen 173.000 Neuankömmlinge ins Land.

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