Flughafen BER: 11.519 Mängel und gefährliche Plastikdübel

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Diagnose Verschieberitis

Eröffnet werden sollte eigentlich am 30. Oktober 2011. Daraus wurde nichts - auch weil eine Planungsfirma pleite ging. Fünf Mal wurde die Eröffnung bislang verschoben. Mal funktionierte die Brandschutzanlage nicht. Mal war Baustopp, weil das Dach einzustürzen drohte. Zehntausende Baumängel verzögerten das einstige Prestige-Projekt Willy-Brandt-Flughafen. Ende 2020 soll er nun fertig sein.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Hohe Brandgefahr

Das größte Sorgenkind heißt Brandschutz. Deutsche Brandschutzregeln gelten zwar als streng. Doch die Mängel am Berliner Flughafen sind mit überbordender Bürokratie nicht zu rechtfertigen: So funktioniert etwa die Entlüftungsanlage anfangs nicht richtig. Ein Fehler der Architekten: Sie wollten den Rauch unterhalb der Flughafenhallen ableiten. Es musste aufwändig nachgebessert werden.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Ein gigantischer Kabelsalat

In Sachen Sicherheit höchst bedenklich sind auch die vielen Kabel, die wild übereinander gelegt wurden. Denn mit der Terminalerweiterung legten Firmen immer mehr Leitungen auf die Kabeltrassen - bis diese irgendwann überbelegt waren. Bildet sich dort Hitze, kann das aber brandgefährlich werden. Wie sich herausstellte, war ein Großteil der Kabel völlig planlos und ohne Absprache verlegt worden.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Zu kurze Rolltreppen

Wer gerade einen Transatlantikflug hinter sich hat, möchte möglichst schnell und bequem nach Hause. Leider heißt das aber für alle, die den Zug nehmen wollen: Koffer selber schleppen. Denn die Rolltreppen zwischen Abflugterminal und dem unterirdischen Flughafenbahnhof sind zu kurz geraten. Es fehlen ein paar Stufen. Auch wurden zunächst zu wenig und zu kleine Gepäckbänder geplant.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Mehr als 1000 Bäume falsch gepflanzt

Ups, dann auch das noch: Sage und schreibe 1036 Bäume wurden falsch gepflanzt. Der Grund: Die beauftragten Gärtner hatten Medienberichten zufolge die falschen Sorten bestellt. "Unveredelte Winterlinden" aus Deutschland sollten es sein - gepflanzt wurden aber veredelte aus Holland. 600 falsche Bäume wurden wieder herausgerissen. Das blüht wohl auch dem Wildwuchs, der sich inzwischen ausbreitet.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Falsch beschilderte Räume

Knapp jeder dritte der 4.000 Räume war falsch gekennzeichnet. An den Türen hingen falsche Nummern. Der Grund: Mal wieder Kommunikationsschwierigkeiten. Es wurde laufend umgeplant, ohne dass jemand im Blick hatte, was sich genau ändert. Das hätte gefährlich enden können: Denn auch Feuerwehr, Polizei und Notärzte brauchen verlässlich bezeichnete Türen.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Kosten-Katastrophe

Es soll ein attraktiver Airport für eine attraktive Weltmetropole werden. Ob der Ruf noch zu retten ist, wird man sehen. Fest steht: Die Planer haben sich gründlich verrechnet. Das Megaprojekt wird am Ende mindestens doppelt so viel kosten wie ursprünglich veranschlagt: Die offiziell genannten Kosten für den Flughafen sind seit Baubeginn von zwei Milliarden Euro auf 5,4 Milliarden Euro gestiegen.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Schmiergeld und falsche Diplome

Auch das noch: Der ehemalige Technik-Chef des Flughafens soll rund eine halbe Million Euro an Bestechungsgeldern angenommen haben. Er wurde deshalb verurteilt. Außerdem stellte sich heraus, dass der Chefplaner für die Brandschutzanlage gar kein Diplom-Ingenieur war, sondern nur ein technischer Zeichner. Kritiker sehen in solchen Fehlbesetzungen die Hauptursache des BER-Debakels.

Mehr als zehn Jahre Pannen am Berliner Flughafen

Der Nächste, bitte!

Den Verantwortlichen dürfte inzwischen das Lachen vergangen sein. In drei Jahren nahmen vier Flughafen-Geschäftsführer ihren Hut. So auch Hartmut Mehdorn (links), der zuvor schon den Chefposten bei der Bahn räumte. Der Berliner Senat rollt das Debakel in einem Untersuchungsausschuss auf: Im Abschlussbericht ist von "kollektivem Wirklichkeitsverlust" die Rede.

Wird Berlin 2020 einen neuen Flughafen bekommen? Wieder steht die Eröffnung des BER auf der Kippe. Die Politik fordert jetzt Klarheit von den Verantwortlichen, über einen Flughafen, der seit 16 Jahren nicht fertig wird.

Im Jahr 1969 fiel die Entscheidung über den Bau eines neuen Flughafens in der Hauptstadt. Am Anfang hieß es, er werde im November 2011 fertig. Dann wurde daraus Juni 2012. Die Eröffnung des neuen Hauptstadt-Airports wurde danach wegen Problemen am Bau noch mehrmals verschoben. Seit Ende 2017 steht der Oktober 2020 als neuer Termin fest.

Wirtschaft | 03.01.2019

Der Bund macht Druck

Der Berliner "Tagesspiegel" berichtet nun aber, dass die BER-Terminpläne erneut ins Rutschen geraten könnten. Die Zeitung verwies dabei auf einen internen Bericht der Prüforganisation TÜV, wonach wegen weiterhin gravierenden Mängeln an Sicherheitskabeln des Brandschutzsystems der Eröffnungstermin stark gefährdet sei.

Jetzt scheint auch die Bundespolitik die Geduld zu verlieren. Das Bundesverkehrsministerium fordert der "Bild"-Zeitung zufolge Klarheit über den Stand der Bauarbeiten. Das Ministerium verlange demnach in einem Brief an Flughafen-Geschäftsführer Engelbert Lütke Daldrup bis nächsten Mittwoch eine "verbindliche Stellungnahme", ob der Airport wie geplant im Oktober 2020 an den Start gehen könne.

"Notorischer Lügner": Die Berliner Politik misstraut Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup

BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup hält daran fest, dass der zukünftige drittgrößte deutsche Flughafen im Oktober 2020 an den Start gehen kann. "Der Terminplan ist aus meiner Sicht nicht gefährdet, das hat der TÜV auch genauso gesehen", sagte er dem Sender Radioeins. Die besagten Mängel stammten aus einem Fortschrittsbericht der Prüforganisation: "Wenn man einen Satz herausgreift, kann man in der Tat zu einer Einschätzung kommen, wie sie vorgetragen worden ist", das sei aber "nicht eine realistische Einschätzung des Projekts".

Politik | 18.03.2018

Tropfende Sprinkler und falsch verlegte Kabel

Im Zentrum aller Probleme steht noch immer der Brandschutz im Terminalbereich. In den vergangenen Jahren waren Tausende Mängel bekannt geworden. Aus Sprinklern tröpfelte es nur, die Entrauchungsklappen ließen sich nicht steuern, Kabel waren falsch verlegt, es bestand Überhitzungsgefahr. Die Firma Bosch arbeitet an der Brandmeldeanlage, doch das dauert länger als geplant.

Auch der Flughafenbetreiber musste mittlerweile zugeben, dass sich der Zeitplan ein wenig verschoben hat: Noch Ende 2018 war vorgesehen, dass Bosch die Brandmelder Anfang Februar fertigstellt. So weit ist es noch nicht. "Die Arbeiten der Firma Bosch sind inzwischen weitgehend abgeschlossen", sagte ein Flughafensprecher. Damit verzögert sich der übergeordnete Test aller Anlagen im Terminal, der eigentlich im Mai beginnen sollte. Der TÜV hatte schon im Herbst deutlich gemacht, dass es einige Monate länger dauern dürfte.

"Notorischer Lügner"

Die BER-Probleme sollen nach dem Willen der Fraktionen von CDU und FDP im Berliner Abgeordnetenhaus umfassender durchleuchtet werden. Sie wollen dazu den Auftrag eines bereits bestehenden Untersuchungsausschusses ausweiten. FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja erhob schwere Vorwürfe gegen die BER-Spitze: "Flughafen-Chef Lütke Daldrup hat sich als notorischer Lügner erwiesen, von dem die Steuerzahler keine Wahrheit über den BER erwarten können." Lütke Daldrup reagierte per Rechtsanwalt und forderte eine Unterlassungserklärung.

Tausende Mängel am Bau: Wird der BER neun Jahre zu spät endlich fertig?

Der TÜV-Bericht stellt laut Medienberichten noch 11.519 Mängel allein bei den Kabeln für die Sicherheitsbeleuchtung und Sicherheitsstromversorgung fest, die nach der gescheiterten Eröffnung 2012 ausgetauscht und erneuert wurden. Lütke Daldrup sprach noch im März von weniger als 3000 Mängeln.

Dazu sagte Flughafensprecher Hannes Hönemann, nicht die Zahl der Mängel habe sich verändert, sondern die Art der Dokumentation: "Wir haben Mängel in jeden einzelnen kleinteiligen Arbeitsschritt unterteilt, damit die Firmen bei der Abarbeitung keine Ausreden mehr haben." In den kommenden Wochen werde die Zahl schnell schrumpfen.

Letzte Hürde: Plastikdübel

Aus TÜV-Sicht ist "eine Vielzahl von Rückbauten" notwendig, wie der "Tagesspiegel" die Prüfer zitiert. Die Flughafengesellschaft erklärte, "kleinere Rückbaumaßnahmen" bei sicherheitsrelevanten Kabeln dürfe man sich nicht etwa als "Abriss" vorstellen. "Manchmal muss man einfach eine Abdeckung oder ein Wandelement abnehmen oder ein Lüftungsrohr wegnehmen, um an die sicherheitsrelevanten Kabel zu kommen." Das gehöre zu jeder Baufertigstellung komplexer Gebäude.

Der Zeitung zufolge kommt ein Problem hinzu: Kabelbefestigungen mit Plastikdübeln, die einem Brand nicht standhalten könnten. So verdichteten sich Hinweise, dass die vom Flughafen erhoffte Einzelfallzulassung nicht erteilt werde. Schlimmstenfalls könnten die Dübel so "zu einem K.-O.-Problem" werden. Hönemann konterte, entscheidend sei nicht die Norm, sondern dass die Dübel sicher seien. Das Nachweisverfahren hierzu sei gerade in Arbeit.

pgr/qu (dpa, rtr)

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