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Funkel: "Die gehen doch nicht auf den Laufsteg!"

22. Februar 2019

Fortuna Düsseldorf gehört zu den positiven Überraschungen der Saison. Trainer-Urgestein Friedhelm Funkel spricht im DW-Interview über seinen persönlichen Rekord, Social Media, Haarspray und die Spannung in der Liga.

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DFB-Pokal 2017/18 | Fortuna Düsseldorf - Borussia Mönchengladbach | Friedhelm Funkel, Trainer Düsseldorf
Bild: picture-alliance/dpa/M. Becker

DW: Herr Funkel, die Bundesliga nähert sich dem letzten Drittel. Wie würden Sie den bisherigen Saisonverlauf von Fortuna Düsseldorf beschreiben?

Friedhelm Funkel: Als sehr wechselhaft, aber auch sehr erfolgreich. Wir sind zunächst recht gut in die Saison gekommen, haben in den ersten fünf Spielen fünf Punkte geholt, darunter einen beachtlichen Sieg gegen Hoffenheim. Dann haben wir allerdings sechs Spiele in Folge verloren. Doch in dieser Situation sind alle sehr ruhig und realistisch geblieben. Dann haben wir drei Siege in Serie zum Ende der Hinrunde geholt, darunter der tolle Erfolg gegen Dortmund. Auch in die Rückrunde sind wir gut gestartet und haben uns inzwischen eine Ausgangsposition erarbeitet, die große Hoffnung macht, in der Bundesliga zu verbleiben.

Nach 14 Spieltagen sah es bedrohlich aus: neun Punkte, Platz 18. Wie haben Sie danach die Kurve bekommen?

Die Initialzündung war der 4:1-Heimsieg gegen Hertha, unser erster Dreier nach sechs Niederlagen in Folge. Da haben wir gedacht: wir können es ja doch! Der Sieg danach gegen Dortmund hat uns noch mehr Selbstvertrauen gegeben, vor allem die Art und Weise, denn wir haben nicht gemauert oder glücklich gewonnen.

Zehn Punkte beträgt der Vorsprung aktuell auf Platz 16. Was bedeutet dies für den Moment?

Es ist einfach sensationell, eine solche Ausgangsposition zu haben. Das hätten wir uns vor der Saison ja nicht erträumt, dass wir zu diesem Zeitpunkt zum Beispiel vor dem FC Schalke in der Tabelle stehen. Manchmal muss man uns kneifen. Die Jungs haben sich das verdient. Aber den Abstand zum Strich, zu Platz 16, den haben wir immer im Auge.

Immer ein Teamplayer

801 Bundesligaspiele als Spieler und Trainer. Was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Diese Zahl bedeutet mir sehr viel, das muss ich ganz ehrlich sagen. Wenn mir das jemand 1973 gesagt hätte, den hätte ich natürlich für verrückt erklärt. Ich habe großes Glück gehabt, dass ich gesund geblieben bin und immer eine tolle Mannschaft und tolle Mitstreiter an meiner Seite hatte. Meine Trainerlaufbahn habe ich 1991 mit Co-Trainer Armin Reutershahn (bei Bayer Uerdingen, Anm. d Redaktion) begonnen, der ja auch immer noch als Assistenztrainer aktiv ist (bei Eintracht Frankfurt, Anm. d. Red.). 801 Spiele, das ist wirklich eine unglaubliche Zahl.

Funkel: "Die Zahl 801 bedeutet mir sehr viel"

Wie hat sich die Trainerarbeit in den Jahrzehnten verändert?

Der Trainerstab hat sich extrem vergrößert. Man hat viele Experten an seiner Seite, die in ihren Gebieten top ausgebildet sind. Im fußballerischen, taktischen Bereich macht mir so leicht keiner etwas vor, aber in den Bereichen Trainingslehre, Psychologie oder medizinische Betreuung ist es total wichtig, Entscheidungen anderer zu akzeptieren. Das erfordert viel Teamarbeit. Ich war als Spieler immer ein Teamplayer und auch vom ersten Tag an als Trainer. Das ist vielleicht ein Grund dafür, warum ich so lange im Bundesliga-Geschäft tätig bin.

Heißt das, Sie sind auch immer offen für Neuerungen gewesen?

Absolut, das muss man sein. Das Wissen rund um den Fußball hat sich enorm entwickelt. Wissenschaftliche Belastungssteuerung als Beispiel - so etwas gab es früher nicht. Da hat man alles nach Gefühl eingeschätzt, sich den Spieler angeschaut und musste herausfinden, ob er wirklich kaputt ist, oder nur etwas vorspielt. Heute stehen Profis total unter Kontrolle. Die Werte fließen bei uns zusammen und wir wissen genau, wer wie viel gelaufen ist. Auch der Bereich Videoanalyse hat sich extrem verändert. Früher haben wir zwei VHS-Videorekorder nebeneinander gestellt und Szenen verglichen. Das hat Stunden gedauert. Heute machen unsere Analysten das in Sekunden. Ich glaube, dass es insgesamt für alle besser und intensiver geworden ist.

Muss kein Freund von Social Media sein, um die Spieler zu verstehen

In der Winterpause gab es Verwirrung um ihre vertragliche Zukunft. Zunächst wurde ihr Abschied verkündet, dann wurde der Vertrag doch verlängert. Wie haben Sie die Situation empfunden?

Mein Ziel war immer, in der ersten Bundesliga weiter Trainer zu bleiben. Wenn der Verein das nicht gewollt hätte, dann hätte ich aufgehört. Es gab verschiedene Sichtweisen, aber letztlich haben wir uns doch geeinigt. Das ein oder andere ist natürlich hängen geblieben, aber es hindert mich überhaupt nicht daran, für diesen Verein alles zu geben und weiter so zu arbeiten, dass wir in der Liga bleiben.

Sie sind lange Jahre im Geschäft. Wenn Sie an all die heutigen Dinge abseits den Platzes denken, Social Media und Co. - verstehen Sie noch, wie die jungen Spieler ticken?

Ich bin kein Freund dieser Social Media-Welt, aber ich muss diese Welt nicht kennen, um den Menschen kennenzulernen. Ich kann mich trotz des Generationenunterschieds gut in die Jungs hinein fühlen und mit meiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis einiges bewirken. Wir Älteren müssen das nicht verstehen, wir können aber die Spieler auf Situationen vorbereiten, sie am Boden halten oder aufbauen. Die Spieler heute haben viele Vorteile, aber sie können nichts mehr unentdeckt machen. Wir sind früher um die Häuser gezogen und haben mal ein paar Bier getrunken. Das hat niemanden interessiert und wurde nicht bildlich festgehalten.

Früher standen die Haare auf halb zehn

Im Gegensatz dazu veröffentlichen Spieler heute gezielt ihre Aktivitäten, wie das Beispiel Borussia Dortmund mal wieder eindrucksvoll gezeigt hat.

Wenn ich höre, dass sich die Dortmunder Spieler am Abend vorher (vor dem Champions-League-Spiel gegen Tottenham, 0:3, Anm. d Red.) den Friseur ins Hotel kommen lassen, da bekomme ich Bauchkrämpfe. Dadurch gewinnt oder verliert man nicht, das weiß ich, aber es ist ein bisschen Konzentration weg. Da wird geflachst, anstatt sich mit dem Gegner zu beschäftigen. Fußball-Profis haben so viel Zeit und könnten doch zu anderen Zeiten zum Friseur gehen.

Funkel: "Da kriege ich Bauchkrämpfe"

Die Zeiten haben sich während Ihrer Laufbahn doch stark geändert…

Allerdings. Wenn ich nur an die ganzen Tätowierungen denke (lacht). Aber das sollen sie ruhig machen. Noch ein Beispiel: Wenn wir früher als Spieler vom Warmmachen in die Kabine kamen, da waren wir schon schmutzig, die Haare standen auf halb zehn, halb acht oder halb zwölf - und so ging es zum Spiel wieder raus. Heute kommen die Jungs rein, machen sich sauber, stehen vor dem Spiegel, nehmen das Haarspray und schon sitzt kein Haar mehr falsch. Aber die gehen doch nicht auf den Laufsteg, sondern müssen 90 Minuten auf dem Rasen ackern (lacht). Aber wenn sie das so machen wollen, ist das für mich okay. Das gehört alles dazu und das akzeptiere ich auch so.

Primärziel Klassenerhalt, und dann...

Wie schwierig ist es heutzutage, den Spagat zwischen Kommerz und Tradition zu schaffen?

Die Tradition aufrecht zu erhalten, wird natürlich immer schwerer. Es ist so viel Geld im Spiel, aber man hat es ja so gewollt. Wir in Düsseldorf wollen ein selbständiger Verein bleiben, der sich aus eigener Kraft, ohne Investoren in der Bundesliga etabliert. Es wird natürlich immer schwieriger als kleiner Verein mitzuhalten. Mainz und Freiburg sind da unsere Vorbilder.

Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Ich habe gesagt, dass Fortuna Düsseldorf meine letzte Station in der Bundesliga sein wird, dazu stehe ich auch. Wenn wir drin bleiben, dann stehe ich auch nächste Saison wieder an der Linie. Der Zusammenhalt in der Mannschaft und dem Team drumherum ist außergewöhnlich. Das habe ich so noch nie erlebt. Darüber hinaus ist es in meinem Alter hypothetisch zu planen. Ich bin in einem Alter, in dem ich noch viele andere schöne Dinge machen kann, solange ich gesund bin. Das hat irgendwann auch mal Priorität.

Friedhelm Funkel: Jahrgang 1953, Stationen als Spieler: Bayer 05 Uerdingen, 1. FC Kaiserslautern - Stationen als Trainer u.a. Bayer/KFC Uerdingen, MSV Duisburg, 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin, Fortuna Düsseldorf (seit 14.03.2016). Mit 801 Bundesligapartien (320 als Spieler, 481 als Trainer) hat er mit Felix Magath gleichgezogen. Nur Jupp Heynckes (1038) und Otto Rehhagel (1033) liegen noch vor ihm.

Das Interview führte Markus Hoffmann