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Gegen Afrikas Verwundbarkeit

Stefanie Duckstein24. Juli 2014

Jobs und soziale Sicherheiten - glaubt man dem jüngsten UN-Entwicklungsbericht, dann ist das die Zauberformel für Afrikas Zukunft. Doch die Verwundbarkeit des Kontinents ist immer noch hoch.

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Nahrungsmittelhilfe des WFP für Afrika
Bild: WFP/Rein Skullerud

Die erste Nachricht klingt vielversprechend: "Afrika genießt Wirtschaftswachstum und mehr Wohlstand. Auch sind in den vergangenen drei Jahren Erfolge in Einkommen, der Gesundheitsversorgung und Bildung erzielt worden", verkündet Abdoulaye Mar Dieye, Leiter des Regionalbüros Afrika im UN-Entwicklungsprogramm (UNDP). Ruanda und Äthiopien hätten das schnellste Wachstum verzeichnet, gefolgt von Angola, Burundi und Mosambik, schreiben Dieye und seine Kollegen im jüngsten UN-Entwicklungsbericht.

Doch dann folgen schon die Einschränkungen: Subsahara-Afrika ist die Region mit der weltweit höchsten Ungleichheit zwischen Arm und Reich in der Welt. 585 Millionen Menschen leben in Armut oder sind von Armut bedroht - das sind 72 Prozent der regionalen Bevölkerung.

Zunehmende Verwundbarkeit

Eine Ursache für die anhaltende Armut sei eine zunehmende Verwundbarkeit und Unsicherheit, die Nationen wie Individuen gleichermaßen belaste, erklärt der Direktor des UN-Entwicklungsberichts Khalid Malik. Doch wer ist wie verwundbar? "Die Anfälligkeit von Menschen wird beeinflusst von ihrem Zugang zu Gesundheit und Bildung. Wenn sie besser ausgebildet sind, sind sie reicher und können besser mit Risiken umgehen." Außerdem spiele es eine Rolle, ob sie zu einer Minderheit im Land gehören, so Malik.

Lagos Haupstadt von Nigeria ARCHIVBILD 2007
Afrikas stärkste Volkswirtschaft: NigeriaBild: picture-alliance/dpa

Migranten, Frauen, Kinder, ältere Menschen oder indigene Völker - das sind Gruppen, die ganz besonders anfällig sind, ins soziale Abseits gedrängt zu werden. Verschiebt sich eine Stellschraube in ihrem Leben - verlieren sie den Job oder werden krank - sind diese Menschen eher gefährdet, den sozialen Rückhalt zu verlieren. "Momentan leben 80 Prozent in der Welt ohne soziale Sicherheiten, 12 Prozent leiden unter chronischem Hunger und fast die Hälfte aller Arbeiter - das sind 1,5 Milliarden Menschen - sind in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt," resümiert Malik.

Wächst die Bevölkerung, wächst die Verantwortung

Diese Verwundbarkeiten, die zu Armut führen, treffen Industriestaaten weit weniger hart als Entwicklungsländer. UNDP schaut jährlich auf etwa 187 Länder und ermittelt einen Wert für deren Entwicklung, die die Organisation dann im Human Development Index (HDI) zusammenfasst. An oberster Stelle und mit dem Prädikat "sehr hoch entwickelt" rangiert Norwegen, gefolgt von Australien und der Schweiz. Deutschland steht an sechster Stelle. Hingegen wird das letzte Drittel der Liste vorrangig belegt mit Ländern aus Subsahara-Afrika. An letzter Stelle, auf Platz 187, rangiert das zentralafrikanische Land Niger.

Khalid Malik
Khalid Malik, Direktor des United Nations Development ReportsBild: UNDP

Die große Armut in Afrika liege auch am Bevölkerungswachstum, sagt Ruth Müller vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Je stärker eine Bevölkerung wächst, desto mehr muss ich einfach bereitstellen." Doch mit der Versorgung ihrer vielen Menschen, sei es Nahrung, Bildung oder Gesundheitsvorsorge, seien die afrikanischen Staaten in ihrer momentanen ökonomischen Situation trotz guter Wirtschaftswachstumsraten überfordert.

Entwicklungsländer zu arm für Sozialleistungen?

Ein Instrument, um die Menschen besser abzusichern, sind Sozialleistungen. Selbst Entwicklungsländer seien dazu in der Lage, meint Malik. "Bei Entwicklungsländern sprechen wir von etwa von drei bis fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das ist durchaus möglich", ist der Ökonom überzeugt. "Und der Gewinn ist enorm, denn die Investition führt zu mehr Wohlstand."

Auch die Demographin Müller widerspricht der These, arme Länder könnten sich Sozialleistungen nicht leisten. Wichtig sei ein "ein grobmaschiges Netz, das die Leute langfristig davor bewahrt, nicht in extreme Armut abzurutschen, dass jeder Planungssicherheit hat. Dass eine Familie auch dann in der Lage ist, zu sagen, okay, ich habe mein Auskommen, ich kann meine Kinder in die Schule schicken und ich kann auch gesund bleiben." Erst mit dieser Sicherheit sei Entwicklung möglich, sagt Müller.

Flüchtlinge aus Mali im Flüchtlingslager in Maingaize im Niger (Foto: dpa/Carola Frentzen)
Flüchtlinge aus Mali im Flüchtlingslager in Maingaize im NigerBild: picture-alliance/dpa

Ein maßgebliches Hindernis für das Fortkommen afrikanischer Staaten seien zudem hohe Fertilitätsraten, hat die Demographin Müller ermittelt. Würden die sinken, "dann wächst irgendwann ein demographischer Bauch", eine erwerbsfähige Bevölkerung, die Einkommen generiert. "Wenn dieser Bauch erst einmal da ist und die Jobs da sind, dann setzt sich plötzlich eine wirtschaftliche Maschine in Gang. Und wenn gleichzeitig in Bildung investiert wird, dann sorgt das dafür, dass immer mehr Wirtschaftswachstum generiert wird", sagt Müller.

Globale Schocks - globale Antworten

Doch die Unsicherheiten sind nicht nur nationaler Natur. Finanzkrise, Klimawandel, Flüchtlingsströme - die Bedrohungen sind oft globaler Natur. Die Schocks treffen Individuen verschiedener Staaten und Kontinente. So müssten sie auch global bewältigt werden, empfiehlt der UNDP-Bericht. Gefragt seien Lösungsansätze, die über eine kurzfristige Nothilfe hinausgehen.

Ruth Müller, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Foto: Reiner Klingholz)
Ruth Müller vom Berlin-Institut für Bevölkerung und EntwicklungBild: Reiner Klingholz

Das zentralafrikanische Land Niger zum Beispiel hatte jüngst mit akuter Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen, ausgelöst durch eine Reihe von Dürren. Im Nachbarland Mali kämpften sich unterdessen Islamisten an die Macht und trieben tausende Menschen in die Flucht: in das von Hunger gebeutelte Nachbarland Niger.

Multilaterale Organisationen, wie zum Beispiel die G-20 (die 20 größten Industrie- und Schwellenländer) wären ein guter Kandidat, in solchen Situationen Verantwortung zu übernehmen, empfiehlt der Report.