Geplündert, bedroht und unter Beschuss - Jemens Kulturerbe

Zu den menschlichen Tragödien, die der vom Krieg gebeutelte Jemen erlebt, kommt die Bedrohung seiner einzigartigen Kulturdenkmäler hinzu. Was nicht frühzeitig in Sicherheit gebracht wird, wird geplündert oder zerstört.

Der Angriff erfolgte aus der Luft und verwandelte einen Museumsbau vor malerischer Kulisse in einem Trümmerhaufen: Mehr als 12.000 wertvolle Zeugnisse jahrhundertealter Kultur im Jemen waren mit einem Schlag zerstört, als saudi-arabische Kampfflugzeuge im Mai 2015 zwei Raketen auf das Museum der Stadt Dhamar im Südwesten des Landes abfeuerten.

Ein Luftangriff verwandelte das Museum von Dhamar in einen Trümmerhaufen

"Unser Museum war den Luftangriffen direkt ausgesetzt", erinnert sich Saleh al-Faqih, archäologischer Leiter des Museums, im Gespräch mit der DW. "Das Gebäude wurde komplett zerstört mit allem, was drinnen war: Sämtliche Dokumente des Museums und unserer Denkmalbehörde, wertvolle Aufzeichnungen zu den meisten archäologischen Stätten und Funden in unserer Provinz - alles war auf einen Schlag dem Erdboden gleichgemacht." Jemenitische Journalisten informierten seinerzeit via Twitter über den Vorfall. 

Zerstörte Pilgerstätten

Dhamar ist kein Einzelfall. "Unsere Regierung hat mindestens 66 archäologische Stätten gezählt, die in den letzten Jahren direkt oder indirekt durch Luftangriffe beschädigt wurden", erklärt der Leiter der jemenitischen Denkmalbehörde, Muhannad al-Siyani, in der Hauptstadt Sanaa gegenüber der DW. Hinzu kämen 35 religöse Stätten, die Terrorgruppen wie Al-Qaida und der "Islamische Staat" (IS) bei Angriffen beschädigt oder zerstört hätten. Aus Sicht sunnitischer Dschihadisten gehören die schiitischen Zaiditen - nach Schätzungen immerhin zwischen 30 und 45 Prozent der jemenitischen Bevölkerung - nicht zum Islam. Sie gelten ihnen als Ketzer und Abtrünnige - dementsprechend haben sunnitische Dschihadisten oftmals keinerlei Hemmungen, Moscheen oder Pilgerstätten von Zaiditen zu attackieren. 

In und nahe der Stadt Al-Mukalla beispielsweise zerstörten lokale Al-Qaida-Einheiten, die dort vorübergehend herrschten, im Jahr 2015 mindestens vier historische Grabstätten sowie eine einzigartige, komplett aus Lehm errichtete historische Moschee. "In dem einen Jahr ihrer Herrschaft zerstörten die bewaffneten Al-Qaida-Banden bei uns einmalige Pilgerstätten", sagt Ahmad Baharitha, ehemaliger Direktor der lokalen Denkmalschutzbehörde. "Sie beriefen sich auf ihre eigene extremistische Auslegung der Religion. Diese Sicht stimmt aber überhaupt nicht mit dem Toleranzgedanken überein, den Islamgelehrte in unserer Region vertreten!"

Geld und Waffen für Kultur

Jemens Kulturerbe ist allerdings nicht nur durch militärische Angriffe und Terroranschläge bedroht. Auch Plünderungen sind ein großes Problem. Krieg, Armut und zerfallene staatliche Strukturen im ärmsten Land der arabischen Welt begünstigen Banden und Milizen, die kriminelle oder militärische Aktivitäten oder auch Waffenkäufe durch Schmuggel von Antiquitäten oder anderer musealer Ausstellungsstücke finanzieren. 

Jemens kulturelles Erbe ist durch Krieg und Chaos bedroht

So beschuldigte die Saudi-Arabien nahestehende "Islamic Educational, Scientific and Cultural Organization" (ISESCO) die schiitisch-zaiditischen Houthi-Milizen im Januar 2019, historische und wissenschaftliche Bücher aus einer Bibliothek in der Stadt Zabid in der Provinz Hodeida gestohlen zu haben. Die Stadt Zabid gehört per UNESCO-Beschluss seit 1993 offiziell zum Weltkulturerbe. "Die geraubten Manuskripte und Bücher dort waren Zeugnis eines reichen Erbes, das die Geschichte der Region vom 13. bis 15. Jahrhundert nachzeichnet", beklagt auch Jemens oberster Denkmalschützer al-Siyani. Ob dieses Kulturerbe in Einzelteilen bereits auf dem Schwarzmarkt "erfolgreich" gegen Geld oder Waffen eingetauscht wurde, und ob sie je wieder auftauchen werden, bleibt bis auf Weiteres ungewiss.

Geschlossene Museen

Einstweilen sicher erscheinen zumindest die Exponate des ehrwürdigen jemenitischen Nationalmuseums im Zentrum der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Die Tore des Museums sind wegen des Kriegs zwar seit Jahren verschlossen. Ein Großteil der Ausstellungsstücke wurde von den Behörden inzwischen aber an Orten untergebracht, die geheim gehalten werden, um sie vor Diebstahl oder Angriffen zu schützen. Unterstützung für dieses Projekt gab es unter anderem von der deutschen Regierung. "Die Exponate sind jetzt in Sicherheit", so Denkmalschützer al-Siyani. "Wir haben sie noch einmal gereinigt, präpariert, fotografiert und in geeignete Spezialbehälter verpackt." Er sei Deutschland und anderen Partnern sehr dankbar für die wertvolle Unterstützung. In anderen Museen des Landes fehle dafür jedoch häufig das Geld. Die dort gelagerten Exponate seien oft Staub, Feuchtigkeit und Schädlingsbefall ausgesetzt, berichtet al-Siyani.

Das Nationalmuseum in der Hauptstadt Sanaa ist seit Jahren geschlossen

Dem Denkmalschützer ist bewusst, dass Kulturgüter in Zeiten von Armut, Krieg und Chaos auch deshalb besonders bedroht sind, weil die notleidende Bevölkerung andere Prioritäten hat. Auch im Jemen denken viele Menschen in ihrer Not zunächst an das Wohl ihrer eigenen Familien und Stämme.

Illegale Ausgrabungen haben nach al-Siyanis Einschätzung auch deshalb zugenommen, weil die wirtschaftliche Lage vieler Jemeniten verzweifelt ist. Nicht nur Milizangehörige und Kriminelle, auch ansonsten unbescholtene Bürger können schnell in Versuchung kommen, damit illegal Geld zu machen. Der Denkmalschützer ärgert sich aber auch generell über einen Mangel an Bewusstsein für den Wert des kulturellen Erbes. Ein typischer Ausdruck dafür sei, wenn Plakate mit politischen oder Werbe-Botschaften mit Klebstoff an antiken Fassaden angebracht würden, so al-Siyani.

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