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Alltäglicher Albtraum: Gewalt gegen Frauen

25. November 2021

Alle zweieinhalb Tage wird in Deutschland eine Frau von ihren (Ex-)Partner getötet. Gewalt in der Partnerschaft nimmt zu. Es besteht dringender Handlungsbedarf für die künftige Bundesregierung.

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Symbolbild Gewalt gegen Frauen
Bild: imago images/photothek

"Vom Partner geschlagen und gewürgt", "Vom Ehemann schwer misshandelt", "Expartner sticht 18 Mal auf Ärztin ein": Schlagzeilen, die bewusst machen, wie gefährlich Partnerschaftsgewalt in Deutschland ist. Sie macht den Alltag vieler Frauen zum Albtraum. Seit Jahren steigen die Fallzahlen kontinuierlich.

Frauen sind überproportional von Partnerschaftsgewalt betroffen, in vier von fünf Fällen. Laut der jüngsten Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) wurden im vergangenen Jahr 119.164 Frauen und 28.867 Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt. Das sind knapp 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Zur Partnerschaftsgewalt gehören sexuelle Übergriffe, Stalking und Freiheitsberaubung; sie reicht bis hin zu Mord und Totschlag.  

Extreme Dimension der Gewalt

Statistisch versucht jeden Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin zu töten. Alle zweieinhalb Tage stirbt der neuen Untersuchung zufolge tatsächlich eine Frau durch die Hand ihres (Ex-)Partners. 2020 geschah das 139 Mal. Verbrechen, die im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November besonders bedrücken.

"Das dürfen wir nicht länger zulassen. Wir müssen klare Kante zeigen", forderte die Geschäftsführende Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) bei der Vorstellung des BKA-Berichts zur Partnerschaftskriminalität 2020 am Dienstag in Berlin angesichts der deprimierenden Zahlen.

Petra Söchting, Holger Münch und Christine Lambrecht
Beraterin Söchting, BKA-Chef Münch und Frauenministerin Lambrecht: "Klare Kante zeigen"Bild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Lambrecht bemängelte, dass die Verbrechen oftmals bagatellisiert würden. "Wenn ich höre, dass es eine Familientragödie ist, wenn ein Partner, ein Ex-Partner, die Frau und die Kinder tötet, dann stellen sich mir die Haare auf. Das ist keine Familientragödie mehr. Familientragödie es für mich, wenn eine Mutter von drei Kindern an Krebs verstirbt. Aber wenn ein Partner, ein Ex-Partner, eine Frau und Kinder tötet oder Gewalt gegen sie ausübt, dann ist das nichts anderes als ein Gewaltakt. Und als solches muss das auch bezeichnet werden", stellte die Ministerin klar.  

Für Taten, bei denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet werden, setzt sich in Deutschland immer mehr der Begriff "Femizid" durch. Femizide sind allerdings kein eigener Straftatbestand. Das Bundeskriminalamt registriert die "Tötungen im Zusammenhang mit Partnerschaften", wie sie amtlich genannt werden, erst seit 2015 gesondert. 2016 wurde mit 155 getöteten Frauen der bisherige Negativrekord aufgestellt. Allerdings wird die Motivation hinter diesen Verbrechen vom BKA nicht genauer untersucht.

Hohe Dunkelziffer aller Delikte

Wie hoch die Dunkelziffer bei Gewalt gegen Frauen ist, lässt sich kaum beziffern. Viele Frauen haben Angst, bei Übergriffen zur Polizei zu gehen, weil sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Es gebe Studien, die auf ein Dunkelfeld von über 90 Prozent im Schnitt über alle Delikte hinwiesen, sagte BKA-Präsident Holger Münch bei der Präsentation des aktuellen Berichts.

"Natürlich sind sie bei einem Mord oder Totschlag geringer, aber zum Beispiel bei einer Körperverletzung und Freiheitsberaubung und bei psychischen Delikten deutlich höher", so Münch. "Das heißt, sie liegen teilweise unter diesem Wert, teilweise sogar über 90 Prozent."

Infografik Femizid-Fälle in Deutschland seit 2015 DE

Während der Corona-Lockdowns gab es nach Münchs Angaben keine auffällige Zunahme der polizeilich erfassten Taten. Er rechne aber mit einer hohen Dunkelziffer. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" meldete einen deutlichen Anstieg der Beratungsfälle während der Pandemie.

"Die Lage ist ernst", urteilt Lina Stotz von der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes Deutschland" im DW-Gespräch. Oft werde vergessen, "dass häusliche Gewalt ein heftiger Bestandteil im Leben vieler Frauen ist. Es gibt sie in allen gesellschaftlichen Kreisen unabhängig von Einkommen, Beruf oder Herkunft."

Femizide in Deutschland

Hinter Partnerschaftsgewalt stünden meist Machtansprüche, "also das Bestreben eines zumeist männlichen Partners, seine Partnerin zu kontrollieren, über sie zu bestimmen", sagt Stotz. So geschähen viele Femizide direkt nach einer Trennung oder "wenn sich Frauen aus einer Beziehung zurückziehen möchten und ihre Partner dann zuschlagen - manchmal mit tödlichen Folgen - weil sie sich dessen beraubt fühlen, über das sie glauben, zu verfügen".

Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen

Im Februar 2018 setzte Deutschland das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Kraft: die sogenannte  "Istanbul-Konvention" des Europarats. Der weltweit erste rechtlich bindende Vertrag zur Verhinderung häuslicher Gewalt war 2011 in Istanbul unterzeichnet worden. Er schreibt die Gleichstellung der Geschlechter in den Verfassungen vor und soll die Situation von Frauen mit Prävention, Bildung, Hilfsangeboten und Strafverfolgung verbessern.

Deutschland Frauenhaus in Nienburg, Niedersachsen
Frauenhaus in Nienburg: Immer mehr Frauen suchen Zuflucht vor häuslicher GewaltBild: picture-alliance/dpa/P. Steffen

Seitdem ist nach Einschätzung der Terre-des-Femmes-Expertin Stotz einiges erreicht worden. "Nach der Ratifizierung richtete die Bundesregierung ein bundesweites Hilfetelefon für Betroffene ein, das rund um die Uhr in vielen Sprachen erreichbar ist." Außerdem erhebe das Bundeskriminalamt mittlerweile gesondert die Zahlen zur Partnerschaftsgewalt. "Aber leider sind auch sehr viele Aspekte der Konvention absolut unzureichend, beziehungsweise gar nicht umgesetzt worden", beanstandet Stotz.

Sie hofft nun auf mögliche Initiativen der voraussichtlich künftigen Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP. Beispielsweise müssten zum Schutz der Frauen "mindestens 14.000 neue Frauenhausplätze geschaffen werden."

Zudem sollten gemäß der Istanbul-Konvention Fortbildungen von Justiz und Polizei sowie verbindliche Verfahren zum Schutz von Frauen eingeführt werden. "Das ist ganz wichtig, damit die Opfer überhaupt das Gefühl haben, dass sie zur Polizei gehen können und ein gerechtes Verfahren erhalten. Wir erleben leider immer noch viel zu oft, dass ihnen nicht adäquat geholfen wird", kritisiert Stotz. Außerdem sollte es einen Rechtsanspruch auf Hilfe bei Gewalt geben. "Das heißt, dass Gewaltschutz vor Gericht eingeklagt werden kann."

Männer und Frauen nicht auf Augenhöhe

Trotz der enormen Fortschritte in den vergangenen 20 Jahren sei es nicht gelungen, Gewalt gegen Frauen relevant abzubauen, resümiert die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle vom Institut für empirische Soziologie (IfeS) in Nürnberg. "Warum wir noch so viel Gewalt erleben, liegt daran, dass sich im Geschlechterverhältnis nicht viel verändert hat. Wir haben noch keine Entkoppelung von Männlichkeit und Gewalt, keine Akzeptanz von Gleichberechtigung. Obwohl wir so lange eine Bundeskanzlerin hatten, agieren Frauen und Männer noch nicht selbstverständlich auf Augenhöhe", analysiert Schröttle im DW-Gespräch.

Luisa Neubauer, Greta Thunberg und weitere Fridays-for-Future-Aktivisten in Berlinv (24.09.2021)
Fridays-for-Future-Aktivistinnen Neubauer und Thunberg (in Berlin): "Andere Geschlechterverhältnisse"Bild: Michael Sohn/AP/picture alliance

Die Mitbegründerin des "European Observatory on Femicide", einer europäischen Beobachtungsstelle zu Femiziden, die in mehreren Ländern Daten sammelt und auswertet, nennt Spanien als einziges Land in Europa, in dem es einen "dezenten Rückgang von Femiziden" gegeben habe. Auch aufgrund die Rechtslage habe sich dort einiges verändert: "Gewalt gegen Frauen wird dort vor dem Hintergrund von Machtmissbrauch und Kontrolle beurteilt und von der spanischen Justiz als geschlechtsbezogene Gewalt geächtet. Das wirkt sich auf die Sichtweisen in der Gesellschaft aus", hat Schröttle beobachtet.

Hoffnung auf jüngere Generationen

Wenn politische und rechtliche Maßnahmen mit bedingen, wie Gesellschaften Gewalt bewerten, könnten dann jüngere, nachrückende Generationen das Aufbrechen überholter patriarchaler Strukturen beschleunigen? "Es gibt ein Stück Hoffnung bei den jüngeren Männern und Frauen, die auch in den alternativen Milieus zu finden sind", sagt Schröttle. Bei Bewegungen wie Fridays for Future zum Beispiel, "wo Jungen und Männer zusammen mit ihren politischen Mitkämpferinnen ausdrücken, dass sie andere Geschlechterverhältnisse wollen. Ich denke schon, dass es Potenzial zur Veränderung gibt."

Ralf Bosen, Redakteur
Ralf Bosen Autor und Redakteur