Goiânia: Brasiliens "Supergau" wirkt weiter

Vor 30 Jahren gelangte in Goiânia Cäsium 137 in die Hände von Müllsammlern. Das hochradioaktive Material verseuchte eine ganze Stadt. Die Opfer leiden bis heute. Aus Goiânia Nada Pontes.

In der Straße 57 im Zentrum der brasilianischen Stadt Goiânia sticht ein verwahrlostes, zubetoniertes Grundstück hervor. Auf den Nachbargeländen werden die Häuser renoviert. Die jüngeren Bewohner hier wissen nicht, warum ausgerechnet auf diesem Grundstück nicht gebaut wird.

Politik & Gesellschaft | 14.04.2011

Der verlassene Ort hat nur im digitalen Universum einen Namen. Auf Google Maps ist die Straße 57 mit dem Zusatz "Cäsium 137" versehen. Vor 30 Jahren, am 13. September 1987, ereignete sich hier der größte radioaktive Unfall Brasiliens.

"Supergau" statt Schnäppchen

An diesem Tag schlichen die beiden Müllsammler Wagner Pereira und Roberto Alves auf das verlassene Grundstück und suchten in der Ruine des stillgelegten Instituts für Strahlentherapie (Instituto Goiano de Radioterapia) nach verwertbarem Material. Mit einer Schubkarre transportierten sie Teile eines ausgedienten Strahlentherapiegerätes ab, das sie für wertvoll hielten.

Goiania-Unfall 30 Jahre danach

Aktennotiz der Nuklearbehörde: Der Bestrahlungskopf aus dem ausgedienten Therapiegerät, das die Müllsammler zerlegten

Im Schatten eines Mangobaumes begannen die beiden Müllsammler, den mit Blei ummantelten Bestrahlungskopf zu zerlegen und stießen dabei bis zur radioaktiven Kapsel vor, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Goiânia 19 Gramm Cäsium 137 enthielt. Was die beiden nicht wussten: Das hochauflösliche Material war tödlich.

Lebensgefährlicher Schimmer

Weil sie das Gerät nicht vollständig auseinanderbauen konnten, verkauften sie es an den Schrotthändler Devair Alves Ferreira weiter. Ferreira war fasziniert von dem leuchtenden Pulver, das in der Dunkelheit blau schimmerte. Immer wenn er Besuch bekam, verteilte er Proben des scheinbar wertvollen Materials.

Doch nicht nur Ferreira und seine Familie, immer mehr Menschen in seinem Umfeld begannen kurz darauf über heftige Beschwerden zu klagen: Sie wurden von Übelkeit, Erbrechen, Juckreiz, Haarausfall und Durchfall geplagt.

Es war die Frau des Schrotthändlers, die schließlich dem schimmernden Pulver misstraute. Am 28. September 1987 packte Maria Gabriela Ferreira den Bestrahlungskopf in einen Beutel, stieg in den Bus und übergab den Fund der Gesundheitsbehörde.

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Einen Tag später besuchte der Physiker Walter Mendes Ferreira zufällig die Stadt. Er sprach mit einigen Patienten. Sein Verdacht, dass es sich bei ihren Symptomen um die Folgen eines radioaktiven Unfalls handelte, bestätigte sich, als er mit einem Zähler die Werte feststellte: Goiânias Bevölkerung war seit 16 Tagen Cäsium 137 ausgesetzt.

Goiania-Unfall 30 Jahre danach

Erstes Todesopfer: Leide das Neves, Nichte des Schrotthändlers, starb im Alter von sechs Jahren.

Die Internationale Atomenergie Organisation (IAEA) stuft den Fall Goiânia aufgrund seines Ausmaßes an Kontamination als bisher größten radiologischen Unfall weltweit ein. Ähnliche Fälle wurden 1962 in Mexiko, 1978 in Algerien und 1983 erneut in Mexiko, in der Stadt Juarez, registriert.

Traumatisierte Opfer

30 Jahre nach der Nuklearkatastrophe in Goiânia ruft die Erinnerung an den "Unfall" noch immer großes Unbehagen hervor. Insgesamt 6500 Personen waren nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Goiânia radioaktiver Strahlung ausgesetzt, und 249 Personen waren so schwer kontaminiert, dass sie eine gewisse Zeit in Quarantäne verbringen mussten. Vier Menschen starben.

Von den Überlebenden leiden noch immer 500 Menschen an den Spätfolgen. Die meisten von ihnen  leben noch in Goiânia, viele gehören zu den ehemaligen Sanitätern, Feuerwehrleuten und Polizisten, die bei der Dekontaminierung im Einsatz waren. Sie waren von ihren Vorgesetzten nicht alle über die radioaktive Strahlung informiert worden -1987 herrschten in Brasilien noch die Militärs und das Gesetz des Schweigens.

Goiania-Unfall 30 Jahre danach

Kämpft für die Opfer: Der Bruder des Schrotthändlers Odesson Alves Ferreira

Eine der Überlebenden, die Schwägerin des Schrotthändlers, Dona Lourdes, wohnt heute zurückgezogen, nur wenige Meter von dem Ort der Tragödie entfernt. Sie verlor ihren Mann und ihre Tochter Leide. Die damals Sechsjährige spielte mit dem mysteriösen Pulver und starb kurz darauf, am 23. Oktober 1987.

Opfer organisieren sich

Ein weiterer Bruder des Schrotthändlers überlebte. Der heute 63-Jährige Odesson Alves Ferreira  gründete im Dezember 1987 die "Vereinigung der Opfer des Cäsium 137". "Diese Geschichte belastet uns noch immer", sagt er. In Ferreiras Verwandtschaft sind 40 Familienmitglieder kontaminiert.

"Die brasilianische Regierung hat auch 30 Jahre danach ihre Verpflichtungen gegenüber den Opfern nicht erfüllt", sagt er. "Es ist unmöglich, die Medikamente zu bekommen, die wir brauchen. Außerdem entspricht unsere Rente in Höhe von umgerechnet 208 Euro noch nicht einmal dem brasilianischen Mindestlohn (251 Euro)."

Lebenslange Diskriminierung

Auch das Ehepaar Luisa Odet Mota dos Santos und Kardec Sebasitao kämpft mit den verheerenden Folgen der Verseuchung. "Keine Schule wollte unsere Kinder aufnehmen", erinnert sich Luisa Odet. "Noch heute reden unsere Kinder nicht gerne darüber, sie fürchten immer noch, dass sie diskriminiert werden."

Politik

Eine Ruine ruiniert eine Stadt

Hinter diesen Mauern in der Straße 57 in Goiânia fanden Müllsammler am 13. September 1987 ein ausgedientes Strahlentherapie-Gerät mit hochradioaktivem Material. Ihr Fund verseuchte und traumatisierte eine ganze Stadt. Insgesamt waren 6500 Menschen der Strahlung ausgesetzt.

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Fataler Fund

In diesem mit Blei ummantelten Bestrahlungskopf befand sich das hochradioaktive Cäsium 137. Die Müllsammler versuchten, ihr Fundstück zu zerlegen und wurden dabei kontaminiert. Weil sie das Gerät für wertvoll hielten, verkauften sie es weiter an einen Schrotthändler.

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Verarmt und ahnungslos

Der Schrotthändler Devair Alves Ferreira zerlegte das Strahlengerät und war fasziniert von dem geheimnisvollen Leuchten der Substanz im Inneren: Cäsium 137 schimmert in der Dunkelheit schwach blau. Er verschenkte das hochradioaktive Pulver an seine Familie und seine Bekannten. Devair Ferreira starb 1994.

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"Das Teil bringt meine Familie um"

In einem zerschlissenen Lagersack brachte Maria Gabriela Ferreira, die Frau des Schrotthändlers, den Bestrahlungskopf zur Gesundheitsbehörde in Goiânia - mit dem Bus. Sie war die Erste, die Alarm schlug: "Das Teil bringt meine Familie um", erklärte sie den Mitarbeitern der Behörde.

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Der Tod kam beim Spielen

Erstes Todesopfer: Die sechsjährige Leide das Neves starb am 23. Oktober 1987. Sie hatte mit dem schimmernden Pulver, das ihr Vater - der Bruder des Schrotthändlers - ihr geschenkt hatte, gespielt. Beim Essen gelangte das Pulver, das an ihren Fingern klebte, in den Mund.

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Kampf gegen Kontamination

Nach der offiziellen Bestätigung der nuklearen Katastrophe am 29. Setember 1987 begann der Kampf gegen die Verseuchung der Stadt. 85 Häuser waren kontaminiert, davon wurden 41 evakuiert und sieben abgerissen. Das erste davon war die Ruine auf der Straße 57, wo die Katastrophe begann.

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6000 Tonnen radioaktiver Müll

Die Dekontaminierungsarbeiten zogen sich von Oktober 1987 bis Januar 1988 hin. Insgesamt 6000 Tonnen radioaktiver Abfall wurden in 4200 Fässern und 1400 Metallbehältern verschlossen. Die Lagerstätte befindet sich in der Gemeinde Abadia de Goás, einem Vorort von Goiânia, wo der Müll 180 Jahre gelagert werden muss.

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Der Kampf der Opfer

Rund 500 Menschen leiden noch immer an den Spätfolgen des "Goiânia-Unfalls". Eine Opfer-Vereinigung kämpft dafür, dass die Betroffenen lebenswichtige Medikamente und eine Invalidenrente bekommen. Es ist ein zäher Kampf, an dem viele Betroffene verzweifeln.

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Diskriminiert und stigmatisiert

Luisa Odet Mota dos Santos (links) erlitt nach dem Unfall Verletzungen am Hals. Keine Schule wollte damals ihre Tochter aufnehmen. Die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Goiânia-Opfer hält an. Immer noch ist die Angst vor radioaktiver Verseuchung weit verbreitet. Luisa kümmert sich heute um ihr Enkelkind.

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Wo keiner wohnen will

30 Jahre nach der nuklearen Katastrophe ist das Grundstück in Goiânia, auf dem einst die Ruine des Instituts für Radiotherapie stand, noch immer mit Beton versiegelt. Die jüngeren Nachbarn scheinen die Gründe dafür nicht zu kennen. Über Brasiliens "Supergau" wird nicht gerne gesprochen.

Das Trauma der Opfer von Goiânia ist mittlerweile auch empirisch belegt. Nach einer vom "Zentrum der Unterstützung für radiologische Unfälle" (Cara) durchgeführten Befragung unter 48 Patienten betrachten sich immer noch 85 Prozent als Opfer. "Die Leute haben immer noch Angst vor uns. Die Ausgrenzung hört niemals auf", klagt eine der Befragten.

Im Gegensatz zu den Opfern kamen die Verursacher der Katastrophe glimpflich davon. Die Ärzte und ein Physiker, denen das Institut für Strahlentherapie gehörte, wurden wegen Mordes und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt und verurteilt. Sie leisteten die Strafe im offenen Strafvollzug ab und wurden 1998 begnadigt.

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