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Grenzenlose Solidarität?

Rainer Sollich/im30. August 2002

Nach den Anschlägen bekundeten viele Staaten ihre Solidarität mit den USA - vor allem die europäischen Verbündeten der USA in der NATO. Ein Jahr später zeigen sich jedoch Risse in der Allianz gegen den Terror.

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Protest gegen die US-Politik von Präsident BushBild: AP

Die Bildung einer internationalen Anti-Terror-Allianz wurde nach den Anschlägen vom 11. September zu einem erstrangigen Ziel der amerikanischen Außenpolitik. US-Präsident George W. Bush sprach von Terror gegen alle friedliebenden Nationen der Welt. Er rief zu gemeinsamen Anstrengungen auf und stellte unmissverständlich klar: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns."

Uneingeschränkte Solidarität

Das Echo war überwältigend. Fast alle internationalen Spitzenpolitiker bekundeten Solidarität mit den USA und gelobten, gemeinsam weltweit Terroristen zu bekämpfen. Allen voran die Verbündeten der USA - wie der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der erklärte: "Ich habe dem amerikanischen Präsidenten George Bush die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert."

Auch Staaten wie Russland und China, die zuvor noch ein eher gespanntes Verhältnis zur Bush-Administration hatten, schlossen sich der internationalen Anti-Terror-Koalition an. Allerdings nicht ganz uneigennützig. Denn so konnten sie ihr Vorgehen gegen islamische Unabhängigkeits-Aktivisten in Tschetschenien und der westchinesischen Provinz Xinjiang als angeblich notwendigen Teil des internationalen Anti-Terror-Kampfes rechtfertigen.

Kampfbereitschaft verkündete auch die NATO, die nach dem 11. September erstmals in ihrer über 50-jährigen Geschichte am 2. Oktober 2001 den Bündnisfall ausrief.

Erstes Schlachtfeld: Afghanistan

Die Jagd auf Osama Bin Laden, den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, begann dann fünf Tage später - allerdings ohne die NATO. Denn Amerikaner und Briten brauchten die NATO nicht. Ihre Angriffe waren bereits von Einheiten der afghanischen Nordallianz vorbereitet worden. Pakistan hatte zuvor unter amerikanischem Druck den Taliban seine Unterstützung entzogen und diente gemeinsam mit den angrenzenden zentralasiatischen Staaten als Aufmarschgebiet. Auch dies zeigte: Die Welt zieht beim Anti-Terror-Kampf an einem Strang.

Im Afghanistan-Krieg starben nach vorsichtigen Schätzungen rund 3000 Zivilisten. Der Feldzug führte aber auch zum Sturz des Taliban-Regimes sowie zur Bildung einer neuen afghanischen Übergangsregierung unter Hamid Karsai. Zudem kontrolliert seit Dezember 2001 eine multinationale Sicherheitstruppe aus 19 Ländern die Gegend in und um Kabul. Die Lage dort hat sich zwar stabilisiert. Doch von Frieden und Sicherheit ist Afghanistan weit entfernt. Von Osama Bin Laden fehlt jede Spur. Und in einigen Gegenden wird bis heute gekämpft.

Anti-Terror-Kampf weltweit

Die Allianz gegen den Terror beschränkte sich allerdings von Anfang an nicht allein auf Afghanistan. Am Horn von Afrika wurden Kriegsschiffe aus fünf Nationen stationiert, um Terroristen die Versorgungswege abzuschneiden. Zudem entsandten die USA über 1000 Soldaten auf die Philippinen. Ihre Aufgabe: Unterstützung der Regierungstruppen im Kampf gegen die Extremistengruppe Abu Sayyaf. Weltweit wurden Gelder im Wert von 112 Millionen Dollar gesperrt, um Terrorgruppen den Geldhahn zuzudrehen. Schritt für Schritt installierten die USA ein globales Netz aus Stützpunkten und Kooperationsverträgen. Insgesamt beteiligen sich heute nach US-Angaben weltweit 70 Nationen am internationalen Kampf gegen den Terrorismus. Zu dieser Koalition gehört auch Israel - die Palästinenser jedoch mussten draußen bleiben. Bush entzog Palästinenserchef Jassir Arafat die Unterstützung. Die US-Haltung im Nahost-Konflikt erzeugte allerdings Unmut innerhalb der internationalen Anti-Terror-Koalition, vor allem unter Arabern und Europäern.

Eine Allianz gegen die "Achse des Bösen"?

Der Unmut mit der US-Politik verstärkte sich, als Bush Ende Januar 2002 bei einer öffentlichen Rede den Begriff von der "Achse des Bösen" prägte - bestehend aus Nordkorea, Iran und Irak. Für den US-Präsidenten ist Nordkorea ein Regime, das sich mit Raketen und Massenvernichtungswaffen ausrüste, während die Bevölkerung hungere. Der Iran strebe aggressiv nach solchen Waffen und exportiere Terror, während ein paar nicht vom Volk gewählte Führer die Hoffnung des Volkes auf Freiheit unterdrückten. Und der Irak zeige weiter offene Feindschaft gegenüber den USA und unterstütze den Terror.

Gerade der Streit um einen möglichen US-Militäreinsatz gegen den Irak ist ein Jahr nach dem 11. September zur schwersten Belastungsprobe für die Anti-Terror-Allianz geworden. Zahlreiche Staaten in Europa und Asien äußern Bedenken - und auch Deutschlands Bundeskanzler Schröder spricht inzwischen nicht mehr von "uneingeschränkter Solidarität" mit den Amerikanern. Bei einer Wahlkampfveranstaltung erklärte er: "Druck auf Saddam Hussein - ja! Aber Spielerei mit Krieg und militärischer Intervention - davor kann ich nur warnen! Das ist mit uns nicht zu machen."

Immer deutlicher wird: Ein amerikanischer Militärschlag gegen den Irak könnte die nach dem 11. September gebildete internationale Anti-Terror-Allianz mit einem Schlag auseinanderbrechen lassen.