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Die Messe der Männer

Andreas Becker (z.Zt. Hannover)27. Juni 2013

Die Hannover Messe zeigt es deutlich: Technische Berufe sind immer noch Männerberufe. Doch es gibt Ausnahmen - und erste Zeichen für einen Wandel.

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Cyborg: The face of a robot woman (Fotolia: #14687839); © Fotolia/sarah5
Bild: Fotolia/sarah5

Es gibt viele Frauen in den Hallen der Hannover Messe. Sie lächeln von den Messeständen, begrüßen Besucher, servieren Getränke. Ohne die vielen Hostessen wäre es noch offensichtlicher: Wer was zu sagen hat im Maschinenbau und in der Elektrotechnik, der ist fast immer ein Mann.

"Die Hannover Messe ist eine Ingenieursmesse und deshalb fast eine Männermesse", bestätigt Michael Köster von der Bundesagentur für Arbeit, die auf der Messe vertreten ist. "Wir arbeiten schon seit Jahren daran, Mädchen und Frauen für technische Berufe zu interessieren." Allerdings sei es schwierig, klassische Rollenmuster aufzubrechen. "Wir sehen, dass sich Frauen nach wie vor für die klassischen Frauenberufe interessieren. Bei Akademikerinnen etwa Geistes- und Sozialwissenschaften oder Medizin."

Doch es gibt erste Anzeichen für einen Wandel. So ist die Zahl der Frauen, die ein Studium im Bereich Mathematik, Ingenieurswissenschaft, Naturwissenschaft oder Technik (MINT) begonnen haben, stärker gestiegen als die Zahl der Studienanfängerinnen insgesamt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

"Wir sind deshalb guten Mutes, dass wir künftig auf mehr Frauen auf der Hannover Messe sehen werden, und zwar nicht nur als Messehostess oder im Catering", so Köster.

"Die Dame der Antriebstechnik"

Auf dem Messestand von Bonfiglioli ist es ein Mann, der Schinken, Käse und Getränke serviert. Dafür ist die Chefin eine Frau. Seit dem Tod ihres Vaters führt Sonia Bonfiglioli die Geschäfte des italienischen Herstellers von Getrieben und Antriebstechnik. 3300 Mitarbeiter, Jahresumsatz rund 700 Millionen Euro.

Sonia Bonfiglioli, Chefin das Maschinenbauers Bonfiglioli aus Bologna
Sonia Bonfiglioli, Chefin das Maschinenbauers Bonfiglioli aus BolognaBild: Bonfiglioli

"Es ist immer noch eine Männerwelt", sagt Sonia Bonfiglioli. "Schon seit Jahren nennen sie mich die Dame der Antriebstechnik. Denn alle anderen Unternehmer oder Firmenchefs in diesem Sektor sind Männer."

Doch sie sei es gewohnt, die einzige Frau zu sein, selbst im Privatleben. "Ich habe einen Mann und zwei Söhne. Sogar mein Hund ist männlich. Es scheint mein Schicksal zu sein."

"Ich wollte das verstehen"

Für Sonia Bonfiglioli war früh klar, dass sie einmal Ingenieurin werden würde. "Schon als kleines Mädchen habe ich ja mitbekommen, wenn mein Vater über die Arbeit sprach. Ich interessierte mich auch für andere Dinge, Zeichnen etwa und Mode. Doch ich wollte das verstehen."

Sie studierte also Maschinenbau und machte anschließend noch einen Master of Business Administration (MBA), bevor sie in die Firma ihres Vaters einstieg. Jungen Frauen rät sie zu einem technischen Beruf, "wenn sie Mathematik und Physik nicht gerade hassen", denn die Branche biete viele Möglichkeiten.

Und doch beschäftigt sie in ihrem Unternehmen mehr als zehn Mal so viele Ingenieure wie Ingenieurinnen – einfach deshalb, weil es in diesem Beruf viel mehr Männer gibt.

Allein unter Männern

Das entspricht ziemlich genau dem Ergebnis der deutschen Studie über die MINT-Fächer. Im Wintersemester 2011/2012 gab es im Fach Maschinenbau 21.000 männliche Studienanfänger und nur 2100 weibliche. Fächer wie Mathematik, Biologie oder Chemie sind bei Frauen wesentlich beliebter.

Yet-Cheng Fan kennt das. "Ich studiere Maschinenbau in Krefeld", sagt die 25-jährige Messebesucherin. "Wir sind da 300 Leute, aber gerade mal zwei Handvoll Frauen." Vor ihrem Studium hat sie eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin gemacht. "Da war ich sogar die einzige Frau in der Werkstatt."

Veränderung durch Fachkräftemangel?

Problematisch fand sie das nicht. "Irgendwann haben die Kollegen gemerkt, dass sie mit mir normal umgehen können und mich nicht in Watte packen müssen." Das ist auch ihre Hoffnung für den Beruf: gleichberechtigt behandelt zu werden, nicht in erster Linie Frau, sondern Mitarbeiterin zu sein.

Die Chancen dafür stehen zumindest gut. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels in den Ingenieursberufen müssen sich Unternehmen zunehmend anstrengen, wenn sie qualifizierte Mitarbeiter gewinnen wollen. Auf der Hannover Messe gibt es eine Vielzahl von Ständen und Veranstaltungen, die sich speziell an den Nachwuchs richten.

Für Firmen ist es das wichtigste, überhaupt einen passenden Ingenieur zu finden", sagt Michael Köster von der Bundesanstalt für Arbeit. "Da ist das Geschlecht dann schon fast egal."

Kinder und Karriere

Aber nur fast. Denn die Frage, wie man Beruf und Familie miteinander vereinbaren kann, bleibt weiterhin wichtig. Firmen wollen ihre Ingenieure möglichst flexibel einsetzen und nehmen ungern Rücksicht auf deren Familienplanung. Es bleibt abzuwarten, ob ein zunehmender Fachkräftemangel hier ein größeres Entgegenkommen erzwingt.

Flexible Arbeitszeitmodelle können hier helfen, sagt Köster. "Aber Flexibilität ist auf beiden Seiten gefordert: bei den Unternehmen, aber auch bei den Frauen, die in diesem Beruf arbeiten."

Firmenchefin Sonia Bonfiglioli kann davon ein Lied singen. "Ich habe zwei Kinder. Aber ganz ehrlich: mein Mann ist immer bei ihnen, und ich bin viel auf Reisen. Er kocht auch viel besser als ich."

Viele Frauen wollten dem Beruf nicht alles andere unterordnen. "Aber ich muss das akzeptieren", sagt sie. "Als Frau kann ich diesen Job nur machen, wenn ich wie ein Mann arbeite."