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Hinter Gittern: "Tristan und Isolde" in Bayreuth

Rick Fulker26. Juli 2015

Richard Wagners Musikdrama "Tristan und Isolde" berauscht die Opernwelt seit 1865: Zwei Liebende, ein bitteres Ende. Mit diesem Stück eröffneten die Bayreuther Festspiele. Eine Neuproduktion, die es in sich hat.

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Bayreuther Festspiele - Inszenierung Tristan und Isolde EINSCHRÄNKUNG
Bild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Eine Prinzessin wird entführt. Isolde soll gegen ihren Willen König Marke heiraten, den König eines fremden Landes. Tristan, der Neffe und Vertraute des Königs, bringt sie dorthin. Isolde liebt Tristan, und er sie. Eine ausweglose Situation. In Erfüllung gehen kann diese Liebe nur nach dem Tod.

Dieses "Happy End" im Jenseits ist eindeutig in der Musik Richard Wagners zu hören. Und die Musik wird originalgetreu bei jeder Aufführung seiner Opern wiedergegeben. Anders ist es mit der Inszenierung der Handlung auf der Bühne. Regisseure haben hier - vielmehr, sie nehmen sich - die Freiheit, Aktion und Szene umzudeuten.

Das hat auch Katharina Wagner mit ihrer Regie von "Tristan und Isolde" gemacht. Die Welt, die sie zeigt, ist ganz diesseits. Nachdem Isolde den "Liebestod" über Tristans Leiche singt, stirbt sie nicht, sondern wird von König Marke abgeführt. Die irdische Macht siegt.

Bayreuther Festspiele - Inszenierung Tristan und Isolde EINSCHRÄNKUNG
Nur der Tod kann sie vereinen: Tristan und Isolde, gespielt von Stephen Gould und Evelyn HerlitziusBild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Pechrabenschwarz

Im ersten Akt agieren die Sänger orientierungslos in einem grauen Treppenlabyrinth. Im schwarzen Raum des zweiten Akts werden runde Metallbaren, die wie Fahrradständer aussehen, hochgefahren und werden zu einem Gefängnisgitter für Isolde und Tristan, die im grellen Licht von Scheinwerfern machtlos darin eingefangen sind. Der Liebestrank wird nicht getrunken sondern ausgeschüttet. Ein Doppelselbstmord wird geplant; beide ritzen sich mit den Metallstangen an den Armen.

Der dritte Akt besteht größtenteils aus den Träumen und Wahnvorstellungen des verwundeten Tristan. Hier ist die Bühne noch dunkler als zuvor. Darin erscheinen Isolde-Figuren immer wieder in plötzlich beleuchteten Dreieckskonstruktionen - mal auf Bühnenebene, mal in der Luft schwebend - und verschwinden plötzlich wieder. Einmal fasst Tristan die Figur an, sie löst sich anscheinend in Luft auf, und er hat nur noch ihr Gewand in der Hand.

Bayreuther Festspiele - Inszenierung Tristan und Isolde EINSCHRÄNKUNG
Das bittere Ende von "Tristan und Isolde" ist ausweglosBild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Alles kann man in Richard Wagners Text und Musik letztendlich finden oder nachvollziehen. Katharina Wagners vorsichtige Inszenierung ist keine bahnbrechende Neudeutung. Andererseits gingen die schlimmsten Befürchtungen von Besuchern der Bayreuther Festspiele nicht in Erfüllung: dass sie die Handlung auf den Kopf stellen würde wie bei ihrer "Meistersinger"-Deutung 2007 und diese tiefernste Liebesgeschichte mit zu vielen Regie-Einfällen überladen würde. Eher dezent ist das Werk der 37-jährigen Wagner-Urenkelin und Festspielleiterin. Es dürfte niemanden groß stören.

Erfolg oder Misserfolg?

Wie misst man den Erfolg einer Produktion? Daran, wie lange der Applaus andauert und, wie oft die Darsteller hinter dem Vorhang hervorkommen, um sich vor den Zuschauern zu verbeugen. So gesehen ist die neue Produktion von "Tristan und Isolde" ein Erfolg. Unverständlich waren nur die paar Buhrufe, die im tosenden Applaus für den Dirigenten Christian Thielemann und die Sopranistin Evelyn Herlitzius beigemischt waren. Herlitzius ist kurzfristig als Isolde eingesprungen - ob aus Notwendigkeit oder als Notlösung weiß niemand. Ihr Einsatz war jedoch ohne Fehl und Tadel, und im Schlussgesang steigerte sie sich noch einmal. Noch strahlender, noch präziser im Ton und deutlicher in der Diktion war der Amerikaner Stephen Gould als Tristan. Es sind nur ganz, ganz wenige, die die Rolle wirklich beherrschen - auch unter denen, die bei den Wagner-Festspielen aufgetreten sind.

Bayreuther Festspiele - Inszenierung Tristan und Isolde EINSCHRÄNKUNG
Katharina Wagner lieferte eine düstere InszenierungBild: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Anfang eines Trends?

Und die Regie? Wenn dieser "Tristan" den Anfang eines Trends markieren sollte, dann können Wagner-Fans beruhigt sein. Der Trend geht weg von umstrittenen Auswüchsen des Regietheaters. Viele sind Inszenierungen wie Frank Castorfs gegenwärtiger Bayreuther "Ring"-Produktion leid.

Der jetzige Musikdirektor der Bayreuther Festspiele Christian Thielemann hat sich oft darüber beschwert, dass bei Neuproduktionen alle Aufmerksamkeit der Regie - und nicht der Musik - gewidmet wird. Dass er dann zum Schluss fünfmal vor dem Vorhang erschien - mal allein, mal mit den Solisten - scheint symbolträchtig. Das Regieteam samt Regisseurin erschien dagegen nur einmal kurz. Dass in Bayreuth die Musik in guten Händen ist, scheint die Botschaft zu sein.