Hyperloop: Die Worst-Case-Szenarien beim Schnellzug-Unfall

1200 Kilometer pro Stunde soll der Hyperloop schnell sein. Gibt es eine Chance, einen Unfall bei solch einer Geschwindigkeit zu überleben? Hier sind drei Super-GAU-Szenarien, was bei der Fahrt alles schief gehen kann.

Für manchen ist die Idee, mit 1200 Kilometern pro Stunde von einem Ort zum anderen zu reisen, eine traumhafte Zukunftsvision. Der durch Magneten in der Spur gehaltene Hyperloop bietet allerdings genauso viel Stoff für alle erdenklichen Katastrophenszenarien.

Wissenschaft | 07.12.2018

Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Wie wahrscheinlich ist es, während einer Fahrt mit dem Hyperloop das Leben zu verlieren? 

Hören Sie mehr in unserem Podcast: Spectrum: A hyperloop dream for Europe

Szenario 1: Ins Nichts gesogen

Wir kennen das albtraumhafte Szenario bisher nur aus Filmen, die im Weltraum spielen: Eine Luftschleuse der Raumstation öffnet sich und saugt den Astronauten in die unendlichen Weiten des Alls – wo er nichts als einen tragischen Tod findet. Theoretisch könnte die Passagiere des Hyperloops ein ähnliches Schicksal ereilen.

Auf der Internationalen Raumstation wäre ein unentdecktes winziges Leck ein ernsthafter Notfall.

Denn die Röhre, durch die das visionäre Transportmittel flitzt, ist fast  luftleer – und somit herrschen ganz ähnliche Bedingungen wie im Weltraum. Deshalb hat der Hyperloop eine Menge mit einem Raumschiff gemeinsam: Die unter normalem Luftdruck stehenden Kapseln bewegen sich durch eine Art Vakuum. Ein Riss oder Loch in der Hyperloop-Kapsel wäre genauso fatal wie die geöffnete Luftschleuse der Raumstation.

Stünde das Gefährt in diesem Moment still, würden die Passagiere mangels Sauerstoff zu Boden sinken und ersticken. Eine Überlebenschance gäbe es nur, wenn innerhalb von sechs Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet würden.

Reißt die Kapsel allerdings, während der Hyperloop mit 1200 Kilometern pro Stunde durch den Tunnel rast, würden die Fahrgäste mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 Metern pro Sekunde auf den Boden aufschlagen oder auch gegen die Wände prallen. Autsch. Was von den unglücklichen Passagieren dann noch übrig bliebe, dürfte eher an einJackson-Pollock-Gemälde erinnern als an Menschen.

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Aber keine Panik! Tim Vleeshouwer, Leiter eines Hyperloop-Entwicklungsteams an der University of Technology in Delft in den Niederlanden, gibt Entwarnung: Diese Szenarien seien ziemlich unwahrscheinlich – zumindest bei dem Modell, das sein Team entwickelt hat. "Die Wände des Passagiermoduls werden etwa zehn Zentimeter dick sein", sagt er. "Sie sind dicker als die Wände eines Flugzeuges."

Trotzdem, auch in dicken Wänden kann ein Riss oder Loch entstehen. Was dann? "Dann kann sofort Luft in die Vakuum-Röhre geleitet werden, sodass normaler Luftdruck herrscht", sagt Vleeshouwer. Mit anderen Worten: Niemand müsste ersticken. Allerdings würde durch den Druckausgleich kurzfristig ein extrem starker Wind wehen. 

Szenario 2: Die Hyperloop-Massenkarambolage

Albtraum Nummer Zwei: Was, wenn der vorausfahrende Hyperloop plötzlich die Notbremse zieht und stoppt? Ist der Auffahrunfall dann nicht vorprogrammiert?

Um dem katastrophalen Ausmaß dieser Vorstellung mit schwarzem Humor zu begegnen: 

"Was ist das letzte, das einem Hyperloop-Passagier durch den Kopf geht?"

"Seine Kopfstütze."

Da die Vision des Delfter Teams darin besteht, dass alle 30 Sekunden 50 Passagiere abfliegen – das sind zwei Kapseln pro Minute –, ist das Risiko eines "Auffahrunfalls" real. Ein solcher Vorfall wäre für alle 100 Beteiligten fatal, wenn nicht gar sofort tödlich. 

Aber so weit muss es gar nicht kommen. Vleeshouwer sagt, dass das Design seines Teams "sehr gute Bremsen hat".

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Es gibt viele Hyperloop-Konzepte mit unterschiedlichen Spezifikationen, wie dieses hier in Dubai

Wenn zum Beispiel eine Kapsel ausfällt, "sind die Bremsen so ausgelegt, dass die Kapsel dahinter in 20 bis 25 Sekunden zum Stillstand kommt".

Rechnen wir das doch mal kurz durch: Wenn ich eine Kapsel 30 Sekunden hinter einer anderen defekten Kapsel fährt und im Notfall 25 Sekunden bis zum vollständigen Stillstand benötigt, dann bleiben der defekten Kapsel fünf Sekunden, um eine Fehlermeldung an einen Server zu schicken, der die nachfolgenden Kapseln im Netzwerk informiert. 

Nun gut, das klingt nicht mehr ganz so beruhigend. Das Funknetz im Tunnel sollte gut abgedeckt sein. 

Ganz nebenbei muss es sich fürchterlich anfühlen, in diesem kurzen Zeitraum von 300 Metern pro Sekunde auf Null abgebremst zu werden. Ganz zu schweigen von Smartphones, Tablets, Kaffeetassen und Co., die durch die negative Beschelunigung durch die Kapsel schießen würden und dann an der Vorderwand oder den Köpfen der Passagiere aufschlagen.

Wenn eine Kapsel stoppt, muss auch die 30 Sekunden dahinter stoppen und die dahinter, die dahinter – es wäre jedenfalls eine Kettenreaktion. 

Szenario 3: Terror

Kommen wir zur ultimativen Hyperloop-Katastrophe: Jemand zerstört absichtlich einen Streckenabschnitt, und ein Hyperloop-Zug rast mit erschreckender Geschwindigkeit auf den Anschlagsort zu. 

In der Vision des Delfter Teams, das derzeit die europäische Planung anführt, sollen etwa 50 Prozent der Strecke unterirdisch verlaufen, während 50 Prozent über der Erde liegen würden – damit wäre theoretisch die Hälfte davon einem möglichen Terroranschlag von Außen ausgesetzt. Wie kann man die Zugstrecke davor schützen?

Ganz einfach: gar nicht.

"Die Röhren werden auf Säulen in fünf bis sechs Metern Höhe über dem Boden platziert", sagt Vleeshouwer. "Damit sind sie nicht sehr leicht erreichbar."

Zweitens planen die Forscher, die Hyperloop-Gleise direkt neben der bestehenden Verkehrsinfrastruktur, wie Hochgeschwindigkeitsstrecken oder Autobahnen, zu betreiben. Das bedeutet, dass sie sichtbar sind, was wiederum die Überwachung erleichtert.

Eine Röhre auf Stelzen: Wie kommen Rettungskräfte im Notfall an Verletzte heran?

Aber wenn ein Teil der Strecke absichtlich zerstört würde, wäre das wahrscheinlich fatal. Aber nur für eine unglückliche Kapsel und ihre 50 Passagiere. 

Der Rest der Waggons würde, wenn das Bremssystem wie geplant funktioniert, zum Stillstand kommen.

Und ist dieses schlimmste denkbare Szenario tatsächlich schlimmer als wenn es einen anderen, herkömmlichen Schnellzug treffen würde?

Also... sollte ich mitfahren?

Wem nun von all diesen "Was wäre, wenn ...?"-Szenarien schlecht wird, keine Sorge! Die Hyperloop-Kapseln werden auf jeden Fall eine Toilette haben. 

Aber Scherz beiseite: Wir Menschen pflegen eine lange Tradition, Misstrauen gegenüber neuen Transportmethoden zu hegen. Heute betrachten wir viele dieser als selbstverständlich.

Vleeshouwer erinnert daran, wie sich die Menschen vor 200 Jahren vor Zügen fürchteten. Denn damals hieß es, dass eine Geschwindigkeit von mehr als 30 Kilometern pro Stunde den menschlichen Kopf zum Platzen bringen könnte. Die These stimmte dann doch nicht.

Und es wurde auch angenommen, dass Kühe, die in der Nähe von Bahnlinien grasen, wegen des Lärms saure Milch produzieren würden. Ähnliche Theorien gab es auch für Flugzeuge vor 100 Jahren. Alles war Quatsch.

"Die Leute fragten damals: 'Warum wollen wir schneller reisen, warum wollen wir weiter reisen?'" sagt Vleeshouwer. "Ich denke, das Gleiche gilt nun für den Hyperloop. Aber er bietet so viele Möglichkeiten, und es wäre schade, wenn wir die Möglichkeiten nicht zumindest untersuchen würden."

Die schnellsten Züge der Welt

Deutscher Weltrekord

Mit 406,9 Kilometern pro Stunde (km/h) war der ICE einst der schnellste Zug der Welt. Mehr als 11.000 PS waren nötig, damit der ICE auf der Strecke Würzburg und Fulda diese Geschwindigkeit erreichte! Das Ganze ist genau 30 Jahre her. Zum Feiern kamen am 1. Mai 1988 der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (li.) und Verkehrsminister Jürgen Warnke.

Die schnellsten Züge der Welt

Von Frankreich überholt

Der deutsche Geschwindigkeitsrausch währte kurz: Bereits zwei Jahre später schaffte ein französischer TGV (Train à Grande Vitesse) 515 km/h und "pulverisierte" damit den deutschen Rekord, wie Frankreichs Staatsbahn noch heute tönt. Die neueste Version, der AGV erreichte 2007 sogar 574 Kilometer pro Stunde. In der Regel fahren die Züge maximal 320 km/h. Im Bild ein TGV im Jahr 1981.

Die schnellsten Züge der Welt

Der mit der Nase

Auch in Japan wurden schnelle Züge entwickelt: die Shinkansen. Im Regelbetrieb fahren sie maximal 320 km/h. Die lange Nase des neuen Modells ist übrigens dafür da, dass es bei Fahrten durch Tunnel nicht so laut knallt.

Die schnellsten Züge der Welt

China auf Aufholjagd

Auch in China möchte man Rekorde schreiben. Inzwischen schaffen es chinesische Züge schon nah an die 500er-Marke. Chinas neuer, selbst entwickelter Schnellzug Fuxing ("Erneuerung") fährt mit bis zu 350 Kilometern pro Stunde zwischen Shanghai und Peking. Er benötigt für die 1300 Kilometer viereinhalb Stunden. In ein paar Jahren werden 400 km/h im Regelbetrieb angepeilt.

Die schnellsten Züge der Welt

Und die Deutschen?

Sie bauten 1980 eine Teststrecke für eine Magnetschwebebahn. Bis zu 450 Stundenkilometer erreichte der Transrapid bei Tests auf der gut 30 Kilometer langen Versuchsstrecke im Emsland. In der Schwebe gehalten wurde das Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst von elektromagnetischen Kräften. Milliarden wurden investiert, am Ende (2011) stoppte aber der Bund die Förderung.

Die schnellsten Züge der Welt

In der Schwebe

In Deutschland war Schluss - in China ging es weiter. Der Transrapid Shanghai ist derzeit der weltweit schnellste kommerzielle Zug in Betrieb. Durch die Magnetschwebetechnik erreicht er eine Betriebsgeschwindigkeit von 430 km/h. Der Zug bringt die Fahrgäste von Shanghai zum Flughafen - eine Reise von 30,5 Kilometern, die acht Minuten dauert.

Die schnellsten Züge der Welt

Eine Ökobiene, die nicht fliegt

Unter dem lustigen Namen Ecobee fährt in Südkorea eine Magentschwebebahn. Der Zug verbindet den Flughafen Incheon mit dem sechs Kilometer entfernten Yongyu. Die Regierung hatte das Projekt 2006 initiiert, um eine Strecke für Magnetzüge mit einheimischer Technologie zu haben. Der Zug kann maximal 110 Stundenkilometer fahren.

Die schnellsten Züge der Welt

Der Wüsten-Express

450 Kilometer sind es zwischen den beiden heiligsten Stätten des Islam, Medina und Mekka. Künftig sollen die Pilger das mit der Bahn in weniger als drei Stunden schaffen. Die Strecke erwies sich für das spanische AVE-Konsortium als große Herausforderung: Am letzten Tag des Jahres 2017 gab es die erste Fahrt, der Regelbetrieb sollte eigentlich schon im März beginnen. Daraus wurde aber nichts.

Die schnellsten Züge der Welt

Spitze: 603 Stundenkilometer

In Japan soll eine Magnetschwebebahn (Maglev) ab 2027 Tokio mit Nago­ya ver­bin­den. Die Bahn wird zehn Zentimeter über den Gleisen schweben und von elektrisch aufgeladenen Magneten angetrieben werden. Eine Fahrt soll dann 40 Minu­ten dauern, statt 90 Minuten mit dem Shink­an­sen.

Die schnellsten Züge der Welt

Mehr Rohrpost als Zug

Die Idee eines ganz neuen Hochgeschwindigkeits-Transportsystems kommt von Elon Musk, dem Gründer der Raumfahrt-Firma SpaceX und des Autoherstellers Tesla: Im Hyperloop sollen Passagiere in elektrisch getriebenen Kapseln mit Tempo 1225 km/h auf Luftkissen durch Röhren katapultiert werden. Erste Tests laufen in Kalifornien und auch in Frankreich wird eine Teststrecke für einen Hyperloop gebaut.

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